Mount Kimbie über neues Album: „Das Neue verschwindet zu schnell“

Das Elektronikduo Mount Kimbie über die Entstehung seines neuen Albums „Cold Spring Fault Less Youth“, Gesangsspuren und Effektmaschinen.

„Postrock steckt da auf jeden Fall mit drin“, sagt das Londoner Duo Mount Kimbie über ihr neues Album „Cold Spring Fault Less Youth“. Bild: Maxwell Tomlinson

taz: Herr Campos, Herr Maker, mir gefällt der seltsame Albumtitel: „Cold Spring Fault Less Youth“. Bloß was er bedeuten soll, ist mir nicht klar.

Kai Campos: Eigentlich war uns wichtig, wie die einzelnen Wörter aussehen und welche Länge sie haben. Sie bedeuten jedes für sich etwas, aber ergeben auch zusammen Sinn. Unser neues Album ist fragmentiert, also erschien uns ein fragmentierter Titel sinnvoll. „Cold Spring Fault Less Youth“: Das sind fünf verschiedene Titel und gleichzeitig einer. Klar, kann man das auch auf den kalten Frühling beziehen, der hinter uns liegt. Muss man aber nicht.

Kürzlich haben Sie gesagt, dass sich Ihr Geschmack seit dem Debütalbum „Crooks & Lovers“ verändert hätte – inwiefern lässt sich das auf dem neuen Album hören?

Dom Maker: Unser neues Album hat ein breiteres musikalisches Spektrum. Wir haben mehr mit analogen Geräten und Effektmaschinen gearbeitet, die einen wuchtigeren Sound erzeugen. Gleichzeitig haben wir den Gesang nicht mehr so abgehackt. Diesmal kam es uns radikaler vor, unsere Stimmen und die von King Krule einfach so aufzunehmen, wie sie sind. In dem Augenblick, in dem wir das Album gemacht haben, erschien uns das viel experimenteller – ganz einfach, weil es neu für uns war.

Experiment oder nicht: Es fällt ja schon auf, dass das dekonstruktivistische Sampling, besonders der Vocals, einer neuen Form von Intaktheit gewichen ist. Dennoch reizen Sie die Subjektivität und die Pathosschiene nicht so aus wie beispielsweise James Blake auf „Overgrown“.

Campos: Alles was wir machen – die Musik, das Artwork, die Texte – lässt Raum für eine eigene Interpretation. Zuerst wussten wir nicht, ob es funktionieren würde, so viele Gesangsspuren mit reinzunehmen – ob das eben nicht genau von dem Understatement des Sounds ablenken würde. Aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte es funktioniert.

Kai Campos, 27, und Dominic „Dom“ Maker, 26, haben ihr Duo Mount Kimbie 2008 in London gegründet. Ihr Debütalbum „Crooks & Lovers“ (2010) gilt als Meilenstein. Mount Kimbie hat damit das Genre Postdubstep ins Rollen gebracht. Sie werden oft in einem Atemzug mit The XX und James Blake genannt, mit denen sie auch persönlich befreundet sind. Gemeinsam ist ihnen eine hörbare Dancefloor-Verwurzelung bei gleichzeitiger Aufweichung strenger Genreelemente.

Das Ende von „Break Well“ ist dann wohl die Ausnahme von der Regel, selten so einen pompösen Sound im Kontext von Clubmusik gehört, man könnte es eine Art Stadionrock des Postdubstep nennen – aber warum ist dieser Sound nur so flüchtig, nicht mehr als ein Sound-Augenblick?

Campos: Wir hatten das Gefühl, wir wären als Musiker nicht gut genug, um diese Intensität länger als einen Moment zu halten, sie über fünf Minuten weiterzuspinnen. Manchmal geht es einfach darum, eine gute Idee zu haben. Man muss sie nicht bis zum Ende ausreizen.

„Cold Less Fault Less Youth“ ist sehr hybrid, erinnert mich von der musikalischen Ästhetik an Bands wie Broken Social Scene. Macht Mount Kimbie jetzt Postrock?

Maker: Postrock steckt da auf jeden Fall mit drin – hauptsächlich weil uns beide Rock sehr interessiert. Broken Social Scene, aber auch Grouper und Tame Impala. Oft wird man ja eher unbewusst von etwas beeinflusst, was man hört. Das, was man nur aus der Ferne einen Augenblick hört, die Erinnerung an einen Sound – das fängt an, einen zu interessieren und einen kreativen Prozess anzuregen.

Ist Ihr Sound zeitgemäß?

Maker: Ich hoffe, er ist relevant für unsere Zeit. Ich finde nichts reizvoll daran, „retro“ zu sein. Bei elektronischer Musik, die sich auf zeitgenössische Technik verlässt, gibt es immer die Gefahr, dass sie schnell altmodisch erscheint. Gleichzeitig muss man den Hype, den die Musikpresse um das next big thing macht, nicht mitmachen.

Campos: Besonders bei der Geschwindigkeit, mit der jetzt über neue Bands in Blogs berichtet wird, verschwindet das Neue einfach zu schnell wieder in der Versenkung.

Maker: Die Leute erwarten ja auch von dir, dass du alle sechs Monate eine Single veröffentlichst. Auf jeden Fall ist das so in der Clubmusikszene in Großbritannien.

Also waren die drei Jahre, die jetzt bei Ihnen zwischen den beiden Alben lagen, fast schon zu lang?

Maker: Ja, man muss einfach sichtbar bleiben. Dabei war es für uns extrem produktiv, dass wir uns diese Zeit genommen haben – wir hatten Zeit, über unser Debütalbum nachzudenken, und als wir dann mit dem neuen angefangen haben, fühlten wir uns so erfrischt, dass es uns vorkam, als würden wir bei null beginnen.

Sehen Sie sich eher als Produzenten oder als Band?

Maker: Für uns ist es wichtig, dass wir eine gute Liveband sind, gleichzeitig sind wir auch ziemlich leidenschaftlich, was das Produzieren von Musik angeht.

Der Sound von „Crooks and Lovers“ war abstrakt, aber das Coverfoto einer Frau konkret, während es bei „Cold Spring Fault Less Youth“ genau andersherum ist: Der Sound ist konkret in seiner Flächigkeit, aber die Popart auf dem Cover ist abstrakt – warum?

Campos: Aufgrund unseres Soundwechsels wollten wir ein Cover, das gewagt ist, das knallt. Der Grafiker kam mit diesem Collagevorschlag an, und wir haben uns sofort dafür entschieden. Ich finde übrigens, dass dieses Album abstrakter ist als das vorhergehende. Beim Debüt hatten wir alles unter Kontrolle. Dieses hier versucht zwar immer noch einen gewissen Reiz auf die Leute auszuüben, in dem Sinne, in dem Popmusik einen sinnlichen Reiz ausübt, aber es ist trotzdem abstrakter. Auf eine tiefe und psychedelische Art und Weise.

Hat Sie der Erfolg Ihres Freundes und Kollegen James Blake gestresst – früher standen Sie oft zusammen auf der Bühne?

Campos: Nein, James hat immer etwas ganz anderes gemacht als wir. Er wollte immer sich selbst ausdrücken – egal, was die anderen davon denken mögen.

Ausdruck ist nicht so Ihr Ding?

Campos: Wenn Musik eine Form der Kommunikation ist, dann muss man sich so ausdrücken, dass andere einen verstehen. Man macht Popmusik zwar allein, aber sie muss auch in anderen etwas auslösen.

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