Moskauer Ökonom über die Finanzkrise: "Die Krise ist unter Kontrolle"

Russlands Bürokraten reagieren planvoll auf die Wirtschaftskrise, sagt der russische Wirtschaftsexperte Sergej Gurijew. Bisher hat die Regierung auch keine umfangreiche Nationalisierung vorgenommen.

Die Kurseinbrüche in den vergangenen Monaten waren an der Moskauer Börse besonders deutlich zu spüren. Bild: dpa

taz: Herr Gurijew, die Krise breitet sich in Russland mit einer Geschwindigkeit aus, die verblüfft. Haben Sie den Eindruck, dass der Staat Herr der Lage ist?

Sergej Gurijew ist Rektor der Russian Economic School in Moskau und einer der führenden Ökonomen. Er schreibt u. a. für Forbes Russia.

Sergej Gurijew: Ehrlich gesagt, ja. Ich habe viel Kontakt mit hochgestellten Beamten. Und ich sehe, dass sie gänzlich im Bilde sind. Sie spüren die Tiefe der Krise schon lange. Und sie unternehmen auch viel dagegen. Und der Umstand, dass die Rubelabwertung so schnell vor sich geht, ist eine bewusste Entscheidung.

Russland hat über 200 Milliarden Dollar zur Abwehr der Krise aufgewendet. Wird das Geld effizient eingesetzt?

Es gibt offensichtlich einige Prioritäten. Eine ist die Rettung des Bankensystems, dessen Zusammenbruch schon sehr wahrscheinlich war. Es wurde viel Geld aufgewendet, und das System konnte am Leben gehalten werden. Ein sehr gutes Ergebnis. Zweitens haben die Großunternehmen Priorität, die viele Leute beschäftigen und für diverse Städte systembildend sind. Mit der Unterstützung sollten soziale Unruhen hintangehalten werden. Und das Dritte werden die Staatsausgaben des Budgets sein. Ich denke, es wird um solche Dinge wie die Infrastruktur gehen. In der Summe macht der Staat natürlich derart viel, dass es unsystematisch erscheint. Und das Gefühl verstärkt sich noch, weil der Staat im Moment gar nicht die Zeit hat, genau zu erklären, was er tut.

Wird sich die wirtschaftliche Strategie des Staates ändern müssen?

Ehrlich gesagt, hätte ich erwartet, dass die Krise den Staat zwingt, offener für ausländische Investitionen zu werden. Das ist bisher nicht eingetreten.

Zwingt die Krise zu strukturellen Korrekturen?

Ich würde so sagen: Zur großen Verwunderung hat die Regierung bislang keine umfangreiche Nationalisierung vorgenommen. Die Krise wäre ja ein herrlicher Anlass dafür gewesen. Man hätte die Nationalisierung des gesamten Bankensystems durchführen können. Das wurde nicht getan. Die Regierung denkt, dass es dennoch besser ist, wenn in der Ökonomie der private Sektor stattfindet. Mir scheint das eine gute Nachricht.

Kann die Krise den Anstoß zur Modernisierung der Ökonomie liefern?

Ich bin davon nicht überzeugt, obwohl es im Prinzip so sein könnte. Die Frage ist sehr schwierig. Viele Faktoren können diesen Anstoß verhindern.

Kann die Modernisierung in einem autoritären Staat mit straffer Machtvertikale überhaupt funktionieren?

Warum nicht. Das ist durchaus möglich. Größer ist die Wahrscheinlichkeit natürlich in einem demokratischen Staat.

Wer werden die Träger der russischen Wirtschaft nach der Krise sein?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass sich die Wirtschaftsstruktur nicht sehr stark ändern wird. Vielleicht werden einige alten Oligarchen durch neue ersetzt werden. Aber im Übrigen wird die Struktur unverändert bleiben.

Kann die ökonomische Krise auch in eine politische münden?

Bislang hat die Staatsmacht die Krise unter Kontrolle. Von einer ernsthaften politischen Krise ist nichts zu sehen. Wenn aber der Ölpreis auf 20 Dollar sinken sollte, dann wäre das auch eine ernsthafte politische Krise.

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