Montagsinterview

"Man wird anarchistischer in so einer Situation"

Radio Multikulti, der Sender mit großem Integrationsfaktor, wird zum Ende des Jahres abgestellt. Das sei eine politische Entscheidung, sagt die Moderatorin Pia Castro.

"Radio Multikulti macht das Leben vieler Menschen in dieser Stadt einfacher, weil es sie dabei unterstützt, sich mit Deutschland zu identifizieren": Pia Castro im Studio Bild: Bernd Hartung

Pia Castro, 36, kommt nicht aus Havanna. Sie ist in Buenos Aires geboren und besitzt einen italienischen wie auch einen argentinischen Pass. Castro ist ein Allerweltsname in spanischsprachigen Ländern - wie Müller, wie Schmidt.

Pia Castro hat Politikwissenschaft studiert. Der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung, die Auflösung des Ostblocks hat sie politisch so interessiert, dass sie 1990 nach Deutschland kam, um weiterzustudieren. Später begann sie als Moderatorin bei der Deutschen Welle. Seit 1998 ist sie Mitarbeiterin bei Radio Multikulti und moderiert dort vor allem die Sendung "Frühstück".

Ende des Jahres soll Radio Multikulti, das auf der Frequenz 96,3 sendet, abgestellt werden - der RBB müsse sparen, heißt es. Auch Polylux fällt dem Sparzwang zum Opfer. Im Grunde entledigt sich der RBB damit seiner beiden innovativsten Programme. Dies löst Unverständnis und Protest nicht nur bei den Hörern und Hörerinnen aus, sondern auch bei gesellschaftlich engagierten Gruppen, Gewerkschaften und Parteien. Siehe auch: www.multikultimussbleiben.de

Die anderen Sender des RBB sind: Radio Berlin, Fritz, Info Radio, Kulturradio, radio eins. Wer auf Staumeldungen Wert legt, die von in Cesnas umherdüsenden Reportern kommen, sollte auch Antenne Brandenburg einschalten.

Offensichtlich läuft seit einer Woche alles schief. Ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, als Pia Castro und nicht als Frau von Cem Özdemir wahrgenommen zu werden. Bis Anfang letzter Woche dachte ich, das sei mir gelungen. Es gab Kollegen bei Radio Multikulti, die das nicht wussten. Das hat mich stolz gemacht.

Eins kann man nicht trennen: Dass Cem 1994 als Abgeordneter der Grünen ins Parlament gewählt wurde und dass Radio Multikulti im selben Jahr entstand, hat den gleichen Grund. Beides waren Reaktionen auf die fremdenfeindlichen Angriffe in Rostock, in Solingen, in Mölln. Was damals geschah, das hat die Gesellschaft sehr bewegt. Bei allem anderen aber bin ich Pia Castro und er ist Cem Özdemir. Wir sind eigene Personen mit eigenen Ansichten, eigener Arbeit und einem gemeinsamen Kind.

Sie wissen, wie das ist: Man ist die Frau von jemandem und auf einmal wird alles in einen Topf geworfen. Ich will aber nicht plötzlich für türkische Themen zuständig sein, bloß weil mein Mann türkischstämmige Eltern hat. Solche Reflexe kennt man doch. Ich habe ihn kennengelernt, als ich schon Moderatorin war. Ich hab schon gemacht, was ich machen wollte.

Im Gegenteil. Wenn er sich jetzt einmischt, können Leute sagen: Guck mal, er macht das, weil seine Frau bei Radio Multikulti arbeitet. Aber Cem ist für den Erhalt von Radio Multikulti, weil er selbst multikulti ist. Multikulti, das ist doch eine Haltung, eine Lebenseinstellung. Natürlich wird das durch unsere Gemeinsamkeit noch potenziert: Ich Argentinierin mit italienischen Vorfahren. Er anatolischer Schwabe.

Radio Multikulti macht das Leben vieler Menschen in dieser Stadt einfacher, weil es sie dabei unterstützt, sich mit Deutschland zu identifizieren. Radio Multikulti ist ein Bekenntnis zur Vielfalt, ohne dass in den Programmen romantische oder kitschige Vorstellungen vom Fremden, vom Anderen bedient werden. Und wir geben Menschen in Berlin, die sonst weniger Chancen haben, weil sie nicht perfekt Deutsch sprechen, eine Plattform. Das hat vielen Leuten viel Mut gemacht. Man fühlt sich doch verbunden mit diesem Land, wenn man etwas schafft und es zeigen darf. Wer Radio Multikulti hört, identifiziert sich mit diesen Facetten Berlins. Auch unsere deutschen Zuhörer. Das ist Integration. Wir wissen ganz genau, worüber wir berichten.

Ja, si, si - wir bringen die Kulturen zusammen. Radio Multikulti ist ein Programm, das versucht, die ganze Welt in einen Sender zu holen. Mit sehr viel Sinnlichkeit und Leidenschaft dazu. Wir versuchen die Unterschiede zwischen den Menschen und Kulturen deutlich zu machen und trotzdem eine universelle Sprache zu sprechen. Und das alles verbinden wir mit toller Musik von überall. Normalerweise bleiben die Communitys unter sich. Radio Multikulti schafft es, einen roten Faden zwischen den Kulturen zu ziehen.

Dass der türkische Mitbürger, der mich anruft, die deutschsprachige Sendung hört und sich dabei mit der Latinomusik, die ich spiele, identifiziert, das ist der rote Faden. Und dass ich mir als Argentinierin das Recht nehme, über Themen zu sprechen, die die Türken, Araber, Franzosen, Deutschen oder sonst wen in Berlin betreffen. Und dass die Leute, die mich hören, zufrieden sind, mit dem, was ich dazu sage. Das machen alle so bei Radio Multikulti. Wir bringen den Deutschen die Welt ins Wohnzimmer. Und den Migranten geben wir in Deutschland ein Stück Heimat.

Diese Frage kann ich nicht beantworten und diese Frage wurde uns auch nicht beantwortet, als wir sie gestellt haben. Das macht uns ratlos und wütend. Wir fragen uns, was ist die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Sachen Integration? Hat er keine mehr?

In Zukunft soll also die Integration in der Hauptstadt von Köln aus vorgegeben werden? Berlin will Vorreiter sein in Sachen Integration und lässt sich von Nordrhein-Westfalen aus vormachen, wie sie aussieht? Das ist bitter.

Sieben Wellen hat der RBB. Die Verantwortlichen sagen, alle sieben seien ihnen lieb und immer gäbe es Enttäuschte, wenn eine Welle zugemacht wird. Ich bin anderer Meinung. Auf sechs der sieben Wellen gibt es deutsche Leitkultur. Und die siebte, die nicht den Mainstream als Zielgruppe hat, sondern Menschen aus aller Welt zusammenführt, die wird kaputtgemacht. Ich bin der Meinung, dass das eine politische Entscheidung ist. Und da passt es den Verantwortlichen, dass Migranten keine Lobby haben. Es ist schwer, Migranten zu mobilisieren.

Deshalb ist es eine politische Entscheidung. Aber wo bleiben die Politiker? Vor allem die Berliner Politiker. Tragen die Linken, die so auf Multikulti stehen, nicht in Berlin Regierungsverantwortung? Warum hat Funkhaus Europa in NRW, wo die CDU regiert, mehr Unterstützer, als in Berlin das anerkannte Radio Multikulti? NRW hat einen Integrationsminister, Berlin nicht.

Ja, er schon. Die, die sich beruflich mit Migration beschäftigen, protestieren. Aber Wowereit? Zu unserer Intendantin soll er gesagt haben, Radio Multikulti sei ihm nicht wichtig. Das wollen wir nicht glauben. Wir halten viel von ihm.

Natürlich kriegen wir unzählige E-Mails und Briefe von Hörern und Hörerinnen. Wir wissen nicht, wie wir das alles kanalisieren sollen. Wir wollen nicht diejenigen sein, die den Protest jetzt auch noch koordinieren müssen. Denn für uns ist es wichtig, dass wir Radio Multikulti weitermachen. Wir wollen zeigen, dass wir ein verdammt gutes Programm machen. Uns ist bewusst, dass die Diskussion um das Aus für Radio Multikulti - leider muss man sagen - die beste PR ist. Durch diese Diskussion kommen wir aus der Nische raus. Wir sind sicher, dass wir viele neue Fans gewonnen haben.

Wir sollen flott sein, tolerant sein, respektvoll sein. Wir müssen uns an die Formate von heute anpassen. Am besten wäre noch, jeder von uns könnte drei Sprachen perfekt und alle Anmoderationen von Musik so aussprechen, wie sie im Herkunftsland - sei es Afrika, Polynesien, Norwegen oder auch die USA - gesagt werden. Das erwartet man von so einem kleinen Sender und wir haben unsere Hausaufgaben diesbezüglich auch gemacht. Wir waren als Nischenprogramm angelegt, aber das wird uns jetzt vorgeworfen.

Wenn wir eine Konkurrenz wären, dann dürfte es kein Problem sein, als Moderatorin mit Akzent und nicht ganz perfektem Deutsch morgen irgendwo anders zu arbeiten. Akzente gelten eben nur als charmant, solange es um Integrationsthemen geht oder wenn man Weltmusik ansagt. Integrationsthemen sind in einem Einwanderungsland allerdings sehr wichtig. Sollte man denken.

Und ich sage ihnen, ich bin sehr froh, dass Radio Multikulti seinen Namen nicht geändert hat. Radio Multikulti ist transkulturell. Wir machen das. Wir leben das. Sollen wir bestraft werden, weil wir den falschen Namen haben? Transkulturalität ist bei unserem Programm immer vorhanden. Weil die Realität transkulturell ist.

Ja, denen wird gerne vorgeworfen, dass sie nur ihre eigene Suppe kochen. Was die wirklich machen, sieht niemand. Die jugoslawische Sendung Most etwa mischt einfach das Serbische, Kroatische, Bosnische - das ist doch großartig. Sie verbinden die Leute, die der Krieg in Exjugoslawien auseinandergetrieben hat, auf diese Weise wieder. Oder die türkische Sendung, die ständig Tabus bricht. Die haben keine Angst, über die Kurden- oder die Armenienproblematik zu reden. Viele türkischsprachige Medien in Deutschland haben ihre Antennen nach Ankara ausgestreckt und orientieren sich an der dortigen Kultur anstatt an der hiesigen. Unsere türkische Redaktion macht das nicht. Die polnische Redaktion wiederum hat wichtige Aufklärungsarbeit gemacht, als die Zwillinge Polen in den Irrsinn treiben wollten. Und die vietnamesische Sendung ist das meist gehörte Programm im Internet. Sollen diese Communitys kein Sprachrohr haben?

Wenn es solche Kritik gibt, warum wurde diese Diskussion von der Führungsetage nicht initiiert? Es wurde, bevor das Ende von Radio Multikulti angekündigt wurde, auch kein Versuch unternommen, öffentlich zur Diskussion zu stellen, ob Berlin Radio Multikulti braucht oder nicht.

Bis heute wissen wir nicht, warum man gerade bei uns spart. Wenn die Einschaltquoten, die bei 0,8 Prozent der Hörer liegen sollen, nicht ausschlaggebend sind, wie man immer sagt, warum hat man sich dann die Mühe gemacht, sie überhaupt so unvollständig zu erfassen? Nur Leute mit deutschem Pass werden gezählt. Das ist doch phänomenal, dass man Nichtdeutsche bei der Hörerquote nicht zählt, obwohl sie Steuerzahler sind. Auch Gebührenzahler. Stellen sie sich das vor: Wir sind ein Einwanderungsland und die Migranten zählen nicht bei den Einschaltquoten eines Programms, das genau diese als seine Zielgruppe ausgemacht hat.

Wenn wir richtig demotiviert sind, werden wir einen Tag einlegen, wo wir genau solche Sachen machen. Jeder hat Tabus, auch Radio Multikulti hat welche. Wir werden uns einen Tag lang nicht daran halten.

Wir werden alle duzen, weil Migranten angeblich zu allen Du sagen. Wir werden Julio Iglesias und alle anderen Leute, deren Musik nur Klischees produziert, hoch und runter spielen. Wir werden unseren Akzenten und schlechtem Deutsch freien Lauf lassen. Man wird ja anarchistischer in so einer Situation. Um unsere Moral zu stärken, haben wir uns neulich sogar gefragt, was wir auf keinen Fall vermissen werden, wenn Radio Multikulti dicht macht.

Ich werde Interviews mit innenpolitischen Sprechern aller möglichen Parteien nicht vermissen. Es sind Leute, die gut reden können. Und nichts sagen.

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