Montagsinterview mit Chefredakteurin der "Exberliner": "Ich bin eine schlecht integrierte Ausländerin"

So weltläufig stellt man sich die Chefredakteurin der "Exberliner", der einzigen englischsprachigen Berliner Zeitschrift, vor: Nadja Vancauwenberghe hat ihr bisheriges Leben zwischen Paris, London, Moskau und New York verbracht. Seit neun Jahren lebt sie in Prenzlauer Berg.

"Ich bin schockiert. Von Thilo Sarrazins Buch und vor allem davon, dass dieser Mann so viel Resonanz bekam." Nadja Vancauwenberghe in ihrer Redaktion. Bild: Wolfgang Borrs

taz: Frau Vancauwenberghe, Sie haben in Paris, Moskau und New York gelebt. Fühlen Sie sich nach neun Jahren in Berlin zu Hause?

Nadja Vancauwenberghe: Berlin ist meine aktuelle Heimat, in zehn Jahren kann es wieder ein anderer Ort sein. Ich fühle mich als Teil des neuen, internationalen Berlin: Ich habe einen deutschen Mann und eine berlinerische Tochter, viele amerikanische, russische, und Multikultifreunde. Und sogar eine Handvoll deutsche. Man könnte sagen, ich bin schlecht integriert: Ich lächle sogar meine Nachbarn an - das machen sonst nur "doofe Amis", so sagt man doch?

In der neuen Ausgabe des Exberliner wendet sich "Angela Merkel" an Ihre Leser: "Sorry, aber ihr müsst alle gehen. Die multikulturelle Gesellschaft funktioniert nicht. Wenn wir erst die Türken und Araber losgeworden sind, seid ihr dran." Erlebt das internationale Berlin die aktuelle Migrationsdebatte als Angriff?

Leute wie ich sind offensichtlich nicht die Adressaten dieser Ausländerhetze, die unter dem Deckmantel einer "ehrlichen Diskussion" daherkommt. Aber ich bin trotzdem schockiert. Von Thilo Sarrazins Buch und vor allem davon, dass dieser Mann so viel Resonanz bekam. Endlose Interviews in sogenannten seriösen Medien wie dem Spiegel oder der FAZ. Es ist ja das Wesen von uns Journalisten, jedes idiotische Statement zu nationaler Bedeutung aufzublasen. Und den Urheber zum Nationalhelden. Sarrazin ist nicht der erste oder letzte, der mit populistischem Quatsch daherkommt. Aber ohne den Medienhype hätte wohl keiner dieses fette, langweilige 400-Seiten-Buch voller übler Thesen gelesen. Diese Idee einer vererbbaren Intelligenz und dass eine Nation durch angeblich dümmere Zuwanderer verdummt - wissen Sie, woran mich das erinnert?

Die Kosmopolitin:

Nadja Vancauwenberghe wurde 1970 in Paris geboren und studierte in Paris, London und Moskau. Die Journalistin berichtete als AFP-Korrespondentin aus Russland. Recherchen in Tschetschenien bescherten ihr ein Einreiseverbot, das bis heute gilt. Seit neun Jahren lebt sie in Berlin.

Die Zeitschrift:

2002 gründete Vancauwenberghe zusammen mit der Village-Voice-Redakteurin Ioana Veleanu und dem Deutsche-Welle-Reporter Maurice Frank den "Berliner". Das erste englischsprachige Magazin für Berlin benannte sich nach einem Rechtsstreit um in "Exberliner", eine Anspielung auf das "expatriate"-Gefühl nichtdeutscher Berliner. Das monatlich erscheinende Heft mit 20.000 Stück Auflage wird von Mitarbeitern aus aller Welt in einem Plattenbau in Mitte produziert. Der Exberliner ist eine Mischung aus Reportage- und Stadtmagazin. Die aktuelle Ausgabe widmet sich Berlins Schönheit.

Mehr Infos: www.exberliner.com

An die Nazis?

Neulich besuchte ich die Hitler-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Was sah ich dort? Eine Bildtafel, mit der man Kindern die Rassenlehre erklärte: Wie unerwünschte Rassen durch viele Geburten auf die "Volksgemeinschaft" einwirken und diese degenerieren. Es ist schockierend, dass man im heutigen Deutschland ungestraft an diese Dinge anknüpfen darf. Bei Hugendubel hatten sie natürlich riesige Werbedisplays für das Buch. Davor stand so ein mittelalter Mittelklassedeutscher, der gleich drei Exemplare des Buchs kaufte. Zu seiner Frau sagte er ganz laut und stolz: "Endlich hat mal einer den Mut, über diese Probleme zu sprechen." Was bitte hat dumme Polemik mit Mut zu tun? Sarrazin, ein Nationalheld, der endlich "Klartext" spricht, wie ihr hier sagt? Er ist nicht im Entferntesten die Antwort auf, sondern ein Symptom für Deutschlands Integrationsproblem!

Sie sind richtig wütend.

Natürlich, schließlich bin ich auch Ausländerin. Wie soll sich denn irgendein Ausländer in eine Nation voller Sarrazin-gesinnter Leute integrieren? Integration muss ein beiderseitiger Prozess sein. Man braucht eine Gesellschaft, die für Neuankömmlinge offen ist. Und Einwanderer, die bereit sind, sich Mühe zu geben. Zu Hause und in der Redaktion machen wir aber auch gern Integrationswitze. Mein deutscher Mann sagt immer: "Oh, meine Frau ist eine schlecht integrierte Ausländerin, ich werde Beispiele sammeln und alles Thilo Sarrazin melden." Ich rege mich nämlich über Arzthelferinnen auf, die sagen "Bitte viel Wartezeit mitbringen". Und verlange im Restaurant kostenloses Leitungswasser. Ich bin also vermutlich nicht integriert. Aber ich bin vielleicht auch ein Beispiel dafür, dass man es nicht zu sein braucht.

Wie meinen Sie das?

Integration klingt zu oft nach Assimilation. Mich stört an dem Begriff das Passive, Unterdrückende: Vergiss, woher du kommst und wer du bist, pass dich einfach an die vorgegebenen Verhaltensweisen an. Es geht aber auch besser, man kann sich seinen eigenen Platz in der Gesellschaft schaffen und etwas Neues, Nützliches einbringen. Die Gründung eines kosmopolitischen Magazins wie der Exberliner ist ein Beispiel dafür. Durch das Magazin und die Kulturevents, die wir organisiert haben, haben wir dazu beigetragen, Berlin zu dem zu machen, was es ist. Sogar Thilo wäre stolz auf uns: Wir haben den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beflügelt und Arbeitsplätze geschaffen.

Sind Sie also doch eine Mustermigrantin?

Ich habe vielleicht in einem Punkt versagt: Ich habe nur ein Kind und bin damit 0,4 Prozent weniger produktiv als die durchschnittliche Deutsche. Aber dafür ist meine Tochter das perfekte Beispiel einer Berlinerin des 21. Jahrhunderts: fast acht, dreisprachig, mit deutschem Pass, ein Multikulti-Freak-Experiment. Berlin ist ihre Heimat, sie lebt hier in einer schönen, gemütlichen Blase.

Wie sieht diese Blase aus?

Wir leben in Prenzlauer Berg, meine Tochter geht auf eine Europaschule. Den französischen Zweig besuchen auch arabisch- und afrikanischstämmige Kinder, das ist viel Multikulti in einer ansonsten sehr weißen Schule. Der ganze ehemalige Osten der Stadt kommt mir sehr weiß vor, ich staune immer wieder über die imaginären Grenzen, die durch die Stadt verlaufen. Ich treffe Geschäftsmänner aus dem Westen, die in den letzten zehn Jahren kaum einen Fuß in den Ostteil gesetzt hatten. Und Wessis, die beim Anblick des Plattenbaus, in dem unser Magazin sitzt, das Gruseln bekommen. Da merke ich immer, wie unbefangen mein Blick auf diese Stadt ist.

Sie kamen 2001, noch bevor alle Welt hier leben wollte. Sind Sie eine Trendsetterin?

Nicht wirklich. Ich kannte die Stadt von kurzen Besuchen und mochte sie. Aber nie habe ich darüber nachgedacht hierherzuziehen. Meine Liebe war immer Moskau. Dort lebte ich fünf Jahre lang und hatte einfach alles: eine großartige Stadt, ein verrücktes Leben, eine aufregende Arbeit. Mein Freund war gerade dabei, aus Berlin zu mir zu ziehen. Dann stand ich plötzlich auf der schwarzen Liste der Regierung: Visum ungültig, Job weg, Wohnung weg. Ein echter Schock. Ich hatte die Gefahr herausgefordert durch Undercover-Kriegsberichterstattung aus Tschetschenien: Ich schlich als russische Soldatin verkleidet ins Kriegsgebiet und filmte. Ein Glück, dass ich überlebt habe. Leichtsinnigerweise veröffentlichte ich alle Berichte - auch für das ZDF - unter meinem echten Namen. So kriegten mich Putin und seine Freunde vom Geheimdienst. Mein Leben in Russland war beendet, ich musste ganz neu anfangen.

Warum Berlin?

Berlin war eine von zwei Optionen: entweder Fernsehen machen in Frankreich oder mit einem Mann in Berlin etwas Neues probieren. Ich entschied mich für die romantische Option, die aber auch die riskantere war! Berlin war damals noch nicht so einfach für die, die kein Deutsch sprachen. Glücklicherweise sprach mein Zahnarzt Russisch, meine Frauenärztin Französisch, und alle, die ich kennenlernte, sprachen Englisch. Dann begann der Berlin-Hype: Immer öfter traf ich Leute, deren Traum es war, in Berlin zu leben.

Haben Sie den Exberliner für diese jungen Berlinfans gegründet?

Ja, für alle, auch die deutschen. Ein Viertel unserer Leser sind mittlerweile Deutsche, die den Blick von außen als bereichernd empfinden. Ursprünglich entstand das Magazin aber zwischen mir, meiner besten Freundin und meinem Freund: drei Journalisten, die etwas Eigenes machen wollten. Und erstaunt waren, dass es noch kein englischsprachiges Stadtmagazin gab. Dass das Magazin fast zur selben Zeit entstand wie unsere Tochter, war ein schöner Zufall. Ich hatte plötzlich ein zweites Baby. Im Juni werden wir neun Jahre alt.

Sie pflegen das Fremdsein auch - und machen sich über vermeintlich deutsche Phänomene lustig wie spießige Punks. Gehören Klischees zum Geschäft?

Klar, Jammern und Lästern gehören zum "Expat"-Gefühl, das ist überall auf der Welt so. Wir tauschen uns in der Redaktion lustvoll darüber aus, was uns an Deutschland und Berlin auf die Nerven geht.

Dann mal los: Was nervt Sie an Berlin?

Ein gutes Beispiel ist die Angewohnheit der Deutschen, einen zu belehren. Du hast dein Auto blöd abgestellt. Dann findest du einen handgeschriebenen Brief an der Windschutzscheibe: "Ihr Auto steht falsch. Nächstes Mal hole ich die Polizei. Ihr Nachbar". Das ist absurd! Aber ich will nicht zu viel meckern. Ich habe in Moskau gelebt, da sind die Leute auch hart drauf.

Und was ist mit der Berliner Polizei? In einem Artikel beschreiben Sie, wie Sie im Februar von Beamten beleidigt und eingeschüchtert wurden.

Ich wäre fast von einem Autofahrer überfahren worden, die Polizei kam. Ein Mann und eine Frau. In dem Moment, wo ich dem Mann in die Augen schaute, wusste ich: Der hasst mich. Ich repräsentierte für ihn wohl all die verwöhnten internationalen Gören mit ihren Sprachen und ihrem Kunstkram.

Was passierte denn genau?

Ich wurde, obwohl eigentlich Opfer, ans Polizeiauto gedrückt, angeschrien und hineingeschubst. Eine Stunde musste ich auf der Wache verbringen. Ich hatte wirklich Angst. Es war eine Erfahrung von Polizeiwillkür, die ich hier niemals erwartet hätte. Solche Dinge passieren schwarzen oder arabischen Einwanderern wohl häufiger, zumindest in Frankreich. Es ist kein schönes Gefühl, sich plötzlich wie ein Einwanderer zweiter Klasse zu fühlen.

Sie bezeichnen sich als Luxusmigrantin. Was unterscheidet Sie denn von anderen Einwanderern?

Es ist der Grund, aus dem du kommst: ob du politisch verfolgt wirst, in deinem Heimatland keine Lebensperspektive siehst, oder ob du kommst, weil du hier noch mehr Spaß haben kannst als zu Hause. Ich bin kein gutes Beispiel für beides. Bei mir war es eine pragmatische Entscheidung hierherzukommen. Ich mag Berlin sehr, fühle mich aber als Zeugin, die beobachtet, wie sich junge Leute stets aufs Neue zu dieser Stadt hingezogen fühlen. Was in den letzten Jahren zugenommen hat, ist aber eine Art von Spaßmigration: Junge, gut ausgebildete Leute verbringen sechs Monate bis zwei Jahre in Berlin, um richtig auszuflippen und sich underground zu fühlen. Dann gehen sie zurück, werden Anwälte, heiraten und können von ihrem wilden Leben in Berlin erzählen.

Sie klingen etwas zynisch.

Das bin ich nicht. Dass junge Menschen aus London, Barcelona und Paris sich hier austoben und sich Dinge leisten, die sie sich - nicht nur finanziell - zu Hause nicht leisten könnten, hat was von Dritter Welt. Andererseits macht es aber die Faszination dieser Stadt aus, dass Leute aus vielen Ländern hier den Platz und die Gelegenheit haben, kreativ zu sein. Ich kenne fast keinen, der nicht irgendwie Künstler ist. Oder zumindest Ambitionen hat. Manchmal denke ich mir, es wäre nett, mehr ganz normale Menschen zu kennen.

Fühlen Sie sich schon gentrifiziert?

Mich gentrifizieren? Sie sind lustig! Ich fühle aber mich langsam als Teil der Altbewohner, die ihre Stadt vor neu Zuziehenden retten wollen: zum Beispiel die "Porno-Hippie-Schwaben", die viel bourgeoiser sind als die Ausländer, die herkommen. Wenn Ausländer hier eine Bar oder Pizzeria aufmachen, hat das immer so einen Underground-Touch. Weil sie das an Berlin lieben. Wenn reiche Wessis ein Restaurant aufmachen, ist das wahrscheinlich eine blöde Yuppie-Tapas-Bar. Die wohnen auch in Luxuslofts wie Kollebelle - der ultimative Nouveau-bourgeois-Horror vom Kollwitzkiez. Zum Kotzen! Mich ärgert auch die Kollwitzmarktszene. Die Flut von Leuten, die jedes Wochenende die Straßen verstopfen, nervt genauso wie die Touristenbusse, die von einer gesichtslosen Bar zur nächsten gondeln. Yuck!

Respekt - Sie jammern schon wie eine echte Berlinerin.

Na ja, aber ich liebe den Blick aus dem Fenster über den alten jüdischen Friedhof. Der Wald der Toten, wie meine Tochter ihn nennt. Bei uns im Mauerpark geht es noch, da herrscht noch genug Do-it-yourself-Charme. Für manchen Neuköllner ist der Mauerpark der einzige Grund, mal in den Prenzlauer Berg zu fahren. Der Flohmarkt ist aber auch bedroht. Obwohl es etwas früh ist, von einer Gentrifizierung der Innenstadt zu reden.

Im Vergleich zu Paris ist das wohl so. Dort gibt es in der Innenstadt keinen bezahlbaren Wohnraum mehr.

Wenn man durch den Prenzlauer Berg läuft und Leuten aus Paris erklärt, dass etwa die Eberswalder Straße "aufgewertet" sein soll, dann müssen die lachen. In Paris würde man die Gegend als sehr bodenständig betrachten. Trotzdem ist es gesund, die Diskussion um Verdrängung schon jetzt zu führen. Es gibt eine zunehmende Diskrepanz zwischen dem, was Leute von außerhalb an Berlin toll finden, und dem, was die Landesregierung als toll bewirbt.

Sie meinen den Regierenden Bürgermeister Wowereit, der Berlin als "Stadt der Kreativindustrie" vermarktet?

Wowereit ist an den falschen Dingen interessiert. Er mag die Vorstellung, Berlin zu einem der großen, internationalen Treffpunkte zu machen. Aber das macht Berlin nicht aus. Das Stadtmarketing beißt sich selbst in den Schwanz: Sobald man versucht, die Coolness zu vermarkten, ist sie weg. Diese ganze Be-Berlin-Kampagne geht völlig ins Leere. Die Einheimischen kommen sowieso: weil sie die Stadt cool finden oder an klassisch schönen Orten wie der Museumsinsel interessiert sind. Wer aus Paris oder London kommt, will aber Authentisches sehen, wie etwa den Palast der Republik. Dass der abgerissen wurde, zeigt, dass die Politiker etwas Wichtiges nicht verstanden haben: Der Charme von Berlin ist doch nicht seine Schönheit, sondern es sind seine Kontraste, Widersprüchlichkeiten, das Komplizierte und Seltsame. Hoffentlich bleibt davon noch was übrig. Damit das Leben hier so schön bleibt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de