Montagsinterview: Tommy Spree, Anti-Kriegs-Museums: "Frieden ist ein menschliches Bedürfnis"

Wenn Tommy Spree im Luftschutzkeller seines Weddinger Anti-Kriegs-Museums steht und von den Schrecken des Bombenkriegs erzählt, ist der pensionierte Lehrer nicht zu stoppen: Der Weltfrieden ist das Thema seines Lebens.

Das Weddinger Anti-Kriegs-Museum hat Tommy Spree von seinem Großvater geerbt. Bild: Santiago Engelhard

taz: Herr Spree, haben Sie eine Mission?

Tommy Spree: Ich denke, wenn man politisch bewusst lebt, sollte man sich auch für eine Idee einsetzen. In diesem Fall: für die Idee des Weltfriedens. Und dafür lohnt es, sich einzubringen.

Der Tommy: Spree heißt mit Vornamen eigentlich anders. Aber seit er als Zwölfjähriger 1952 mit seinen Eltern aus England nach Berlin zog, nannten ihn alle "Tommy", den Engländer. Seine Eltern waren vor den Nazis nach London geflohen, wo Spree zur Welt kam.

Das Anti-Kriegs-Museum: 1925 wurde es von Sprees Großvater Ernst Friedrich an der Parochialstraße in Mitte gegründet. Auch Sprees Eltern arbeiteten dort. Sie alle wurden als Pazifisten von den Nazis verfolgt. Die SA machte 1933 aus dem Museum ein Sturmlokal und eine Folterkammer.

Der Großvater: Friedrich ging zunächst nach Belgien, später nach Frankreich. Als nach dem Krieg sein Vorhaben scheiterte, die Ruine der Gedächtniskirche für sein Museum zu gewinnen, blieb er in Paris und baute eine Begegnungsstätte für deutsche und französische Jugendliche auf.

Der Lehrer: Spree war Lehrer für Englisch, Sport und Geschichte. Er unterrichtete vor allem an der Schulfarm Insel Scharfenberg in Tegel, wo er auch Schüler gewesen war.

Das heutige Anti-Kriegs-Museum: 1982 eröffnete Spree zusammen mit anderen Lehrern das Museum in der Brüsseler Straße im Wedding. Es zeigt vor allem Fotos, Dokumente und Objekte aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und wird viel von Schulklassen besucht. Infos finden sich unter www.anti-kriegs-museum.de.

Gibt es keinen Krieg, denen Sie gerecht oder gerechtfertigt nennen würden?

Krieg ist immer ein Verbrechen, vor allem an Zivilisten - egal, wie man ihn definieren will. Ich gebe zu, dass man über UN-Soldaten versuchen sollte, Völkermord zu verhindern. Auch haben die Amerikaner und Russen sicher recht getan, Hitlerdeutschland zu besiegen. Wenn es aber unverhältnismäßig ist, was die Briten mit Dresden gemacht haben oder wie man die Menschen aus dem heutigen Polen vertrieben hat, dann würde ich mit Albert Schweitzer sagen: Solange auch nur ein Mensch für eine Idee geopfert wird, kann man diese Idee nicht mehr human und moralisch nennen. Das heißt: Die Menschen müssen lernen, politische Konflikte ohne Krieg zu lösen. Und das werden sie auch.

Davon sind wir weit entfernt. Demokratie und Menschenrechte werden immer wieder herangezogen, um zu begründen, dass man Krieg führen muss, etwa in Afghanistan.

Das ist ein alter Trick der Herrschenden. Man prägt ein Feindbild wie die Taliban und führt dann einen "gerechten Krieg". Aber die Menschen in Afghanistan können mit unserer Demokratie nicht allzu viel anfangen. Mein Großvater sagte mir einmal: "Es sind die alten, weißhaarigen Männer, die die Kriege erklären. Aber sie gehen nicht hin, nein, sie schicken die 18-Jährigen. Die Jungen kann man gut manipulieren." Nehmen Sie die Bombardierungen im Irak. Wer wird da getroffen? Frauen und Kinder, alte Menschen in ihren Dörfern, die eigentlich mit dem Krieg gar nichts zu tun haben. Insofern ist Krieg immer ein Verbrechen. Aber ich denke auch, der Mensch wird eines Tages lernen, was Krieg bedeutet. Dann kann keiner mehr kommen und sagen: Hier haben wir den gerechten Krieg.

Aber obwohl Kriegführen in Deutschland wieder alltäglich geworden ist, gibt es kaum Proteste. Zu den Ostermärschen etwa gehen immer weniger Menschen. Stimmt Sie das nicht nachdenklich?

Das haben wir immer wieder gehabt. Aber die Geschichte der Friedensbewegung ist wellenförmig. Das kommt wieder. Während des Irakkriegs waren es gerade Schüler, die protestiert haben - wir Lehrer haben nur mitgezogen. Das fand ich großartig. Es wird immer wieder Punkte geben, wo junge Menschen rebellieren und auf die Straße gehen.

Noch mal zum Afghanistankrieg: Der Bundespräsident ist zurückgetreten wegen der Kritik an seinem Satz, die Bundeswehr vertrete mit ihren Auslandseinsätzen auch wirtschaftliche Interessen Deutschlands. Hat er nicht einfach nur die Wahrheit gesagt?

Da gebe ich Ihnen völlig recht. Es gehört zur Nato-Doktrin, die Ressourcen der Welt zu verteidigen. Sprich: Theoretisch können Bundeswehrsoldaten auch in Saudi-Arabien einmarschieren, um sich das Öl zu sichern. Was ist das für eine Doktrin? Die Nato kann doch nicht über arabisches Öl verfügen! Und der Westen ist ja auch überfordert, überall Einfluss nehmen zu wollen. In Afghanistan wissen alle Militärexperten, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Aber dahinter stecken eben wirtschaftliche Interessen. Afghanistan ist strategisch sehr bedeutsam für die Verbindung zu Asien.

Was wäre denn die Lösung? Bundeswehr abschaffen, alle Armeen abschaffen?

Lesen Sie das Buch meines Großvaters Ernst Friedrich "Krieg dem Kriege". Da schreibt er 1924: "Wenn ihr den Krieg bekämpfen wollt, müsst ihr den Kapitalismus abschaffen." Ich hatte neulich einen Wirtschaftsfachmann aus den USA im Museum, der sagte: "Amerika braucht alle zehn Jahre einen Krieg, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommt."

Aber die Bundeswehr macht doch auch gute Sachen: In Afghanistan baut sie Schulen, bohrt Brunnen.

Die Bundeswehr hat doch keine Maurertätigkeiten gelernt.

Sie geht aber hierzulande gerne in Schulen und erzählt über ihre tolle Aufbauarbeit in Afghanistan …

… und genau da gibts jetzt ne Revolte, in Lichtenberg und in Steglitz. Da haben die Schulen gesagt: Was sucht das Militär eigentlich hier? Beziehungsweise: Wenn einer vom Militär in einer Schule ist, dann sollte auch einer von der Friedensbewegung dabei sein, dass man beide Seiten hören kann. Ich diskutiere hier im Museum auch mit Offizieren. Die sagen: "Wir gehen in die Schulen, aber wir machen keine Werbung." Ich sage dann: "Das könnt ihr mir nicht erzählen."

Die Bundeswehr kommt hierher, ins Anti-Kriegs-Museum?

Ja, die kommen einmal im Monat aus Strausberg, von der Akademie für Information und Kommunikation. Dort werden Jugendoffiziere ausgebildet, die in die Schulen gehen. Und die sollen vorher, wahrscheinlich rhetorisch ein bisschen geschult, mit uns Lehrern und Schulleitern hier diskutieren üben.

Die Bundeswehr sieht sich ja selbst auch als …

… Friedensbewegung …

demokratische Armee …

… Bürger in Uniform …

und betont immer, dass ein Soldat den Befehl verweigern kann oder sogar muss, wenn der gegen Völker- oder Menschenrechte verstößt. Beruhigt Sie das nicht?

Darüber haben wir mit ihnen auch diskutiert. Eine Frau von uns hat zu einem Soldaten gesagt: "Hör mal, Junge, wenn du im Häuserkampf bist und es wird geschossen, dann hast du keine Zeit, mit deinem Offizier über Menschenrechte zu diskutieren. Dann schießt du, und wenn du hinterher gucken gehst, dann liegt da vielleicht eine Frau mit ihren drei Kindern, die du erschossen hast. Und damit musst du fertig werden, dein ganzes Leben lang."

Sie wurden 1940 in London geboren. Haben Sie eigene Erinnerungen an den Krieg?

Ich werde nie vergessen, wie wir runter mussten in den shelter, den Luftschutzraum. Das war aber nur ein Stück Wellblech in den Gärten hinter den Mietshäusern, wo wir Emigranten lebten. Da hat man dann seinen Hocker hingestellt, mit den Füßen stand man im Schlamm. Aber einmal sind wir nicht runtergegangen. Ich muss vier Jahre alt gewesen sein, mein Vater nahm mich auf den Arm und schaute mit mir aus dem Küchenfenster. In diesem Augenblick sah ich eine feuerrote Kugel mit großer Geschwindigkeit auf unser Fenster zufliegen. Das Ding krachte ins Haus hinter uns, das zu brennen begann. Unser Haus bekam einen Riss. Vor ein paar Jahren war ich einmal mit meinen Söhnen dort und konnte ihnen den Riss noch zeigen. Diese rote Kugel war eine V2.

Sie sind 1952 nach Berlin zurückgekehrt. Wie war das?

Ich war Schüler auf der Insel Scharfenberg. Meine Lehrer waren jung und engagiert, ich kam aus Großbritannien und konnte kaum Deutsch. Da kam einer auf mich zu und sagte: Tommy, bring uns Englisch bei, wir bringen dir Deutsch bei. Ich habe also einen Nachhilfezirkel aufgemacht. Und mein Klassenlehrer, der Geschichte unterrichtet hat, war eine wunderbare Persönlichkeit. Da wusste ich schon mit 16, dass ich auch Lehrer werden wollte.

Ihr Großvater gründete 1925 das Anti-Kriegs-Museum, 1933 floh er vor den Nazis. Welchen Einfluss hatte seine Geschichte auf Ihren Lebensweg?

Meine Familie war links. Ernst Friedrich, mein Großvater, stand der KPD nahe. Als Spartakist hat er den Kriegsdienst verweigert und dafür im Gefängnis gesessen, andere Spartakisten befreiten ihn. Beim Spartakus-Aufstand im Januar 1919 hat er dann im Zeitungsviertel mitgekämpft, man nannte ihn Barrikaden-Friedrich. Großmutter verband die Verletzten. Später sollte er die "Junge Garde" machen, die Zeitung der Freien Sozialistischen Jugend. Er entzweite sich dann aber mit den Kommunisten, weil die so moskauabhängig waren. Mein Großvater war Anarchist, in Anlehnung an Leo Tolstoi meinte er: Der Staat bedeutet Militär, und Militär bedeutet Krieg. Auch Parteien lehnte er ab, er fand sie so "unjugendlich". Später emigrierte er nach Frankreich, wo ich ihn 1956 besucht und kennen gelernt habe. Dort lebte er als recht bürgerlicher Sozialdemokrat.

Und Ihre Eltern?

Mein Vater hatte sich in Ernst Friedrichs Tochter verliebt, im Museum mitgearbeitet und auch oft im Gefängnis gesessen. Im Londoner Exil wurde er dann Sozialdemokrat, wir verteilten treppauf, treppab Zettel für die Labour Party. Anlässlich des Geburtstags meines Vaters am 9. März 1961 bin ich in die SPD eingetreten. Im kommenden Jahr werden es 50 Jahre, Abteilung grünes Dreieck, Wedding.

Passt die SPD überhaupt noch zu Ihnen? Seit dem Kosovokrieg 1999 ist sie doch Kriegspartei.

Ich bin aber auch ein großer Anhänger von Willy Brandt. Der verstand die SPD immer als eine Partei, die sich für den Frieden einsetzt. Und am Anfang der Friedensbewegung, 1981 im Bonner Hofgarten, da war Willy Brandt, da waren aber auch Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder. Natürlich arbeite ich mit denen in der SPD zusammen, die auch friedensbewegt sind. Unser Museum hat von der SPD die meiste Unterstützung bekommen, nicht von der angeblichen Anti-Kriegs-Partei Linke - von denen besucht uns kaum jemand.

A propos Hofgarten: War das für Sie der Anstoß zur Neugründung des Museums im Jahr 1982?

Ja. Aber auch, dass die Berliner SPD 1981 auf einem Landesparteitag beschloss, das Anti-Kriegs-Museum von Ernst Friedrich wieder zu gründen. Gleichzeitig kam ein FDPler zu meiner Mutter und sagte, er wolle das Anti-Kriegs-Museum wiederbeleben und es leiten. Eine christliche Friedenskonferenz schlug vor, man müsse vielleicht das Spandauer Kriegsgefängnis dafür nehmen, wo Rudolf Heß saß. Da haben wir, eine Gruppe von vier Lehrern, gesagt: Dieses Museum muss ein Kind der Friedensbewegung sein, parteiunabhängig. Gut, ich bin Sozialdemokrat, aber eben ein linker.

Arbeiten Sie im Museum viel mit Schülergruppen, weil Sie selber Lehrer waren?

Ja. Es kann übrigens durchaus passieren, dass ein ehemaliger Kollege anruft und sagt: "Tommy, ich habe da zwei Neonazis in der Klasse, ich muss mal wieder mit denen ins Anti-Kriegs-Museum." Mancher Kollege kommt immer wieder.

Beobachteten Sie über die Jahre eine Veränderung in den Reaktionen der Jugendlichen?

Es gibt da einen Dia-Vortrag, den ich 1981 für eine Versammlung der Liga für Menschenrechte vorbereitet habe. Es ist einfach die Lebensgeschichte meines Großvaters. Diesen Vortrag habe ich bis heute unzählige Male gehalten, und es ist schön zu erleben, wie sensibel junge Menschen auf die Thematik Gewalt und Krieg reagieren. Das kann man im Gästebuch nachlesen. Manchmal gibt einem am Ende ein Schüler die Hand und sagt: "War toll hier, hat uns gefallen." Ein solches Feedback ist wunderbar.

Die Schüler lassen sich also begeistern?

Mir kann keiner sagen, unsere Jugendlichen seien politisch nicht interessiert. Ich sage ihnen aber auch immer: Lest mal eine Zeitung, schaut mal eine politische Sendung an. Schaut euch an, wie die DDR-Bevölkerung gesagt hat: Wir sind das Volk. Ihr könntet eure eigene Partei gründen, ihr könnt Transparente malen und fordern "Weg mit Hartz IV". Ihr dürft das. Nutzt diese Chance.

Ihr Museum fokussiert stark auf die Weltkriege. Wäre es nicht sinnvoller, den Jugendlichen Gründe und Folgen gegenwärtiger Kriege zu vermitteln?

Das ist teilweise richtig. Deswegen zeigen wir eine Weltkarte, auf der die aktuellen Konflikte und Kriege dargestellt sind. Wir zeigen auch Sonderausstellungen, letztens über Waffen aus abgereichertem Uran, die gegen die Genfer Konventionen verstoßen. Aber wir merken auch, wie wichtig in Deutschland die Reflexion auf die Weltkriege ist. Und weil das Museum ja auch vor diesem Hintergrund entstanden ist, sind wir in der Tradition geblieben. Außerdem bringen uns die Berliner immer noch Exponate: ein Foto, das Tagebuch des Sohnes, der nicht aus dem Krieg zurückkam, zu Kochtöpfen umfunktionierte Stahlhelme. Unsere Besucher sollen aus der Vergangenheit lernen und ins Gespräch kommen. Wir haben hier Diskussionen organisiert mit Palästinensern und Israelis, Polizisten und Autonomen. Mit Bosniern und Serben, die haben sich fast gekloppt. Man trägt das an uns heran: Wir wollen uns im Anti-Kriegs-Museum treffen.

Wäre Ihnen wichtig, dass das Museum in der Familie bleibt?

Nein, es geht doch um die Sache. Man muss aber dazu sagen, dass von diesem Job niemand leben kann. Die Familie hat hier immer schon eine Menge Geld hineingesteckt. Wir haben auch eine große Fluktuation in der Gruppe, da hat sich ein Nachfolger noch nicht herauskristallisiert. Vielleicht in ein paar Jahren.

Gab es irgendwann mal einen Moment, in dem Sie an Ihrem Pazifismus gezweifelt haben?

Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich denke, das liegt daran, dass Frieden ein menschliches Bedürfnis ist.

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