Montagsinterview Sonja Mühlberger: "Wir in Asien wurden vergessen"

Rund 18.000 Juden fanden nach der Reichspogromnacht Zuflucht in Shanghai. Nur etwa 500 von ihnen kamen zurück. Für die damals achtjährige Sonja Mühlberger, geborene Krips, war Berlin sogar Neuland.

taz: Frau Mühlberger, vor 60 Jahren hatten Sie zum ersten Mal Berlin betreten. Werden Sie diesen Tag feiern?

Soeben erschien von Steve Hochstadt "Shanghai Geschichten. Die jüdische Flucht nach China", Hentrich & Hentrich, Tetz.

Als Sonja Mühlberger (68) Jahrzehnte später zum ersten Mal wieder nach Shanghai kam, erkannte sie ihre Heimat unter anderem am Geruch. Es war der Geruch von Blätterteigkuchen, der ihr aus der frühen Kindheit in Erinnerung geblieben ist. Ihre Eltern mussten nach der Reichspogromnacht vor den Nazis fliehen. Doch fast die gesamte Welt verwehrte den europäischen Jüdinnen und Juden damals die Einreise. Außer Shanghai. Rund 18.000 zumeist deutsche und österreichische Juden fanden Zuflucht in der chinesischen Hafenmetropole, die damals "exterritoriale Zone" war. Nur etwa 500 von ihnen kamen nach dem Krieg zurück. Für einige von ihnen war Berlin sogar Neuland. Sonja Mühlberger, geborene Krips, ist eine von ihnen.

Sonja Mühlberger: Ja sicher, wir werden mit ehemaligen "Shanghailändern" zusammen kommen. So nennen wir uns.

Aber ist der 21. August 1947 für Sie nicht auch ein Trauertag? Immerhin wurden Sie an dem Tag Ihrer Heimat entrissen.

Von Trauer würde ich nicht sprechen. Es war einfach was Neues. Meine Eltern hatten mich sehr gut auf die Ankunft in Berlin vorbereitet.

Sie hatten keine Angst?

Nein. Etliche meiner Klassenkameraden hatten Shanghai bereits verlassen. Die Stadt war ja für uns alle nur ein Wartesaal. Schrecklich fand ich was ganz anderes: Ich erzählte natürlich allen, dass wir nach Deutschland gehen würden. Es gab einige Erwachsene, die mich deswegen sogar bespuckten. Sie fanden, dass man als Jude das Land der Mörder nie wieder betreten dürfe.

Wie war es für Sie, als Sie am 21. August am Görlitzer Bahnhof ankamen?

Die Schiffs- und Bahnreise sind mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Der Tag der Ankunft allerdings nicht. Ich weiß nur, dass mein damals gerade zweieinhalbjähriger Bruder als jüngster Rückkehrer ständig fotografiert wurde. Meine Eltern hatten mit dem Gepäck zu tun. Wir wurden danach in ein Auffanglager nach Reinickendorf gebracht.

Was ist Ihnen von der Reise in Erinnerung geblieben?

Die Schiffsreise von Shanghai bis Neapel war ein großes Abenteuer. Der Güterzug, in den wir dann einstiegen, war sehr primitiv ausgestattet. Mein Vater hatte ein Seil vor die Tür des Wagens gespannt, damit wir Kinder nicht raus fallen. Ich kann mich erinnern, dass ich das erste Mal saftige grüne Wiesen sah, auf denen zwei Kinder spielten, die deutsch sprachen. In Shanghai hatten wir zu Hause zwar auch deutsch gesprochen. Aber in dieser Gegend? Das war für mich schon sehr merkwürdig.

Wussten Sie bis dahin überhaupt, was eine Wiese ist?

Meine Mutter hatte ein deutsches Märchenbuch, aus dem sie mir vorgelesen hatte. Einmal wollte ich wissen, was ein Wald ist. Sie antwortete: Du musst dir einen Baum vorstellen und noch weitere. Das ist ein Wald. Aber so eine Wiese hatte ich tatsächlich noch nie gesehen.

Wie war das Leben in Shanghai?

Wir lebten sehr primitiv. Aber wenn Kinder in so eine Umgebung hinein geboren werden, bekommen sie von dem Elend nicht viel mit. Für mich waren die Umstände völlig normal. Ich war ohnehin ein schlechter Esser, so dass ich den Hunger nicht spürte, den meine Eltern oft hatten. Zudem hatte ich das ganz große Glück, dass meine Eltern immer zusammen gehalten haben. Die Situation war ja nicht einfach. Unter den anderen Flüchtlingen gab es zum Teil schlimme Dramen. Ehen zerbrachen, Menschen starben an schrecklichen Krankheiten. Meine Eltern hingegen haben ihre ganze Liebe auf mich übertragen.

Sie waren noch sehr jung, als Sie in Shanghai lebten. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich wollte immer ein Geschwisterkind haben. Ich schlief auf zwei Koffern mit einer Metallmatratze drauf, die tagsüber weggeräumt wurden. Von unserem kleinen Balkon konnte ich morgens oft kleine Bündel auf der Straße sehen, von denen manchmal wimmernde Geräusche kamen. Ich sah dann auch, wie ein Chinese mit einem Karren kam, diese Bündel auflas und sie ziemlich unsanft auf den Wagen schmiss. Irgendwann erzählte mir meine Mutter, dass es sich um Babys handelte, die ausgesetzt wurden, meistens Mädchen. Ich hatte meine Eltern gebeten, eins dieser Kinder aufzunehmen. Doch meine Eltern hatten die Befürchtung, dass diese Kinder krank seien und sie zudem auch kein Geld hätten, sie zu versorgen.

Ging es Ihnen denn im Verhältnis zu den Chinesen besser?

Ich denke schon. Wenn es zum Beispiel sehr heiß war, sind wir abends spazieren gegangen, um Luft zu schnappen. Wir sind dann manchmal an chinesischen Hütten vorbei gekommen. Dort schliefen die Menschen auf schmalen Holzbänken. Überall schwirrten Moskitos um sie herum. Diese Bänke empfand ich als wesentlich primitiver als meine zwei Koffer mit der Metallmatratze.

Ihre Eltern und die meisten anderen jüdischen Flüchtlinge hatten doch im Grunde auch nichts.

Mein Vater hatte immer versucht zu arbeiten und auch meine Mutter half einer Schneiderin aus. Die meiste Zeit konnten wir unabhängig von den Geldern der jüdischen Hilfskomitees leben. Auch mussten wir nicht wie viele andere in einem der sechs Flüchtlingsheime im Ghetto leben.

Sprechen Sie chinesisch?

Leider nur ein paar Wörter. Da mein Vater fließend sprach, brauchte ich es nie lernen. Andere Kinder haben manchmal über die chinesischen Dienstboten die Sprache gelernt. Ich nicht.

In der Flüchtlingscommunity gab es Leute, die Dienstboten hatten?

Natürlich waren manche unter uns auch wohlhabender. Einige hatten eine Bäckerei, ein Restaurant oder gaben eine Zeitung heraus. Besonders die Ärzte unter uns waren in Shanghai gefragt. Aber gerade in den Kriegsjahren, als wir von den Hilfslieferungen abgeschnitten waren, ging es vielen Leuten sehr schlecht. In den Zeitungen wurde dazu aufgerufen, eine weitere Person am Mittagstisch zu versorgen. Auch bei uns gab es immer Leute, die meine Mutter zusätzlich bekochte.

Shanghai war damals noch sehr kolonialistisch geprägt. Einerseits waren die jüdischen Flüchtlinge "Weiße", andererseits viele von ihnen bettelarm. Welches Verhältnis hatten Sie zu den Chinesen?

Manchmal habe ich auf der Straße mit chinesischen Kindern gespielt. Aber nicht oft, auch weil wir uns bloß mit Handzeichen verständigen konnten. Ansonsten gab es tatsächlich nicht viele Berührungspunkte. Mein Vater allerdings hatte für einen Chinesen Eier verkauft. Wie die meisten Chinesen auch, musste mein Vater den Dienstbotenaufgang nehmen.

Nur eine Minderheit der rund 18.000 jüdischen Flüchtlinge kehrte nach Deutschland zurück. Warum hatten sich Ihre Eltern für Deutschland entschieden?

Es war nicht einfach, 1939 aus Deutschland vorm Faschismus zu fliehen. Es war aber nach 1945 auch nicht einfach, aus Shanghai wieder wegzukommen. Die meisten westlichen Länder hatten ihre restriktive Einwanderungspolitik auch nach dem Schrecken der Nazi-Herrschaft zunächst nur wenig gelockert. Im Juli 1946 appellierten 15.000 Flüchtlinge in Shanghai an die Welt, um auf ihr Schicksal in Asien aufmerksam zu machen. Etwa 2.500 hatten nach Kriegsende den Antrag auf Repatriierung nach Deutschland gestellt. Es wurden jedoch immer weniger, weil sie dann doch in ein anderes Land weiter wandern konnten. Unter uns Flüchtlingen gab eine kleine Gruppe, die ein neues demokratisches Deutschland aufbauen wollte. Zu diesen Leuten gehörte auch mein Vater.

Und sie landeten im russischen Sektor von Berlin. Haben Ihre Eltern diese Entscheidung später bereut?

Nein, ich denke nicht, na ja, meine Mutter schon ab und zu mal.

Und wie bewerten Sie im Nachhinein diese Entscheidung?

Als Kind musste ich mich natürlich nach meinen Eltern richten. Aber ich habe ja auch meinen Weg gemacht. Es war aber auch für meine Eltern damals nicht einfach. Als wir in Berlin ankamen, holte uns kein Verwandter am Bahnhof ab. Wir konnten auch bei niemanden unterkommen, meine Großeltern mütterlicherseits waren in Theresienstadt umgekommen, viele andere Familienmitglieder hatte man ebenfalls umgebracht. Die Eltern meines Vaters starben kurz nach dem Krieg in Haifa. Meine Eltern mussten neu anfangen.

Auch nach dem Mauerbau haben Sie die Entscheidung nicht bedauert?

Nein, denn als wir 1947 ankamen, war Berlin schon geteilt. Es gab die Währungsreform. Und meine geliebten Kaugummis, die ich am Westkreuz in Automaten gesehen hatte, konnte ich nicht kaufen, weil wir kein Westgeld hatten. Ich kannte sie aus Shanghai. Die Amerikaner hatten sie nach 1945 mitgebracht.

Hört man heute ehemalige Flüchtlinge aus Shanghai erzählen, scheinen viele von ihnen das Leben dort zu verklären und sich nur noch an die guten Dinge zu erinnern. War das bei Ihren Eltern auch so?

Bei meinem Vater eventuell, bei meiner Mutter nicht. Ich habe sie nach der Wende 1990 immer wieder gefragt, aber nach Shanghai wollte sie nie wieder. Sie ist 2004 gestorben. Mein Vater hingegen hatte nach unserer Rückkehr immer wieder Begegnungen mit irgendwelchen Ex-Shanghaiern. Ich nehme an, er wäre ganz gerne zurückgegangen. Aber bis zu seinem Tod 1967 ist es dazu leider nicht mehr gekommen.

Und wie war es bei Ihnen?

Bei mir war der Wunsch immer sehr stark. Die erste große Reise, die mein Mann und ich zur Silberhochzeit machen konnten, ging 1986 nach Nordkorea. Denn China war für damalige DDR-Verhältnisse zu teuer. 1998 wurde ich dann für einen Dokumentarfilm nach Shanghai eingeladen und im November 2005 zu einer Konferenz "60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg". Es war enorm. Vieles hatte ich viel größer in Erinnerung. Und ich fand unser Haus wieder.

Sie konnten sich an Ihr Haus erinnern?

Aber natürlich. Der Busfahrer fuhr durch Hongkou, wo sich das Jüdische Ghetto befand. Trotz der 50 Jahre habe ich es sofort wieder erkannt. Es hatte ein neues Dach, auf dem kleinen Balkon sah ich eine Klimaanlage. Aber sonst hatte sich so gut wie nichts verändert. Inzwischen ist das Haus abgerissen.

Wie war es für Sie, nach 50 Jahren durch die Gegend zu laufen?

Es war ein Gefühl des Vertrautseins. Ich erinnere mich an eine bestimmte Sorte Blätterteigkuchen. Ich weiß noch, wie mein Vater mit mir eine Konditorei betrat, die er mit Eiern belieferte. Ich hatte bis dahin noch nie so viele Kuchen gesehen. Mein Vater sagte: Sonja, du kannst dir aussuchen, was du willst. Ich hätte die schönsten Torten essen können. Doch ich wollte Blätterteig. Diesen Geruch hatte ich auf meinen Reisen sofort wieder erkannt.

Ist Shanghai Ihre Heimat?

Shanghai ist auf alle Fälle ein Teil von mir. Aufgrund seiner schrecklichen Erfahrungen hat mir mein Vater nicht umsonst gesagt: Sonja, auf deiner Geburtsurkunde ist der Stempel des Shanghai Municipal Council. Wenn du mal Schwierigkeiten haben solltest - nach Shanghai kannst du immer zurück.

Gerade in den Jahrzehnten unter Mao war dies doch keine wirkliche Alternative oder?

Das mag sein. Ein Trost war dieser Stempel für mich allemal.

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