Montagsinterview Performancekünstlerin Jekaterina Anzupowa

"Ich lege Spuren. Ich liefere keine Beweise"

Ist ein Erdbeerjoghurt virtuell oder real? Oder die Summe vieler Sehnsüchte? Die Künstlerin Jekaterina Anzupowa geht diesen Fragen nach, indem sie den Zutaten hinterherreist - und dabei selbst mit der Realität spielt.

Alltagsprodukte wie ein Erdbeerjoghurt scheinen banal. Aber was steckt dahinter? Und was steckt hinter dieser Frau, die vorgibt, Jekaterina Anzupowa zu heißen und der Joghurt-Frage auf den Grund gegangen zu sein? Bild: Andrea Vollmer

taz: Frau Anzupowa, pünktlich zur Grünen Woche kommen Sie von einer Reise zurück, in der Sie den Weg eines 150-Gramm-Bechers Erdbeerjoghurt nachgereist sind. Eine Kunstprojekt ist es, sagen Sie. Wo waren Sie?

Jekatarina Anzupowa: Das darf ich nicht genau sagen. Ich habe nach aktuellen Daten für einen Joghurt aus der Produktion von 2008 gesucht, und an diese bin ich nur rangekommen, weil ich einen Geheimhaltungsvertrag unterschrieben habe. Ich kann nur sagen, dass ich am 10. Dezember losgefahren und am 4. Januar zurückgekommen bin und dass es eine Weltreise war.

Können Sie Länder nennen?

Sobald ich ein Land nenne, könnten Sie es vermutlich mit einer Zutat in Verbindung bringen. Aber ich habe drei Kontinente angefahren.

Wie waren Sie unterwegs?

Mit den Verkehrsmitteln, die auch die jeweilige Zutat nimmt. Ich bin geflogen und war auf Frachtschiffen und mit dem Auto unterwegs. Ich habe auf den Spuren des Erdbeerjoghurts Jahrgang 2008 etwa 25.000 Kilometer zurückgelegt.

Welchen Zutaten sind Sie gefolgt?

Milch, Joghurtkulturen, Erdbeeren und Zucker. Ich bin den gleichen Zutaten gefolgt wie bei der ersten Reise, die ich 2008 im Sommer gemacht habe. Da bin ich einem 150-Gramm-Erdbeerjoghurt hinterhergereist, dem die Transportwege der Zutaten von 1992 zugrunde lagen. Für den Joghurt von 1992 musste ich etwa 5.000 Kilometer zurücklegen - und alles im Auto. Beim Erdbeerjoghurt mit den Daten von 2008 war die Strecke also ungefähr fünfmal so lang.

Die Performancekünstlerin aus Berlin redet nicht über sich. Laut einem Interneteintrag der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig ist sie 1978 in der Ukraine geboren. Anzupowas Performances sprechen für sich. So hat sie 2004 versucht, herauszufinden, ob es eine Auswirkung auf Leute in Berlin hat, wenn in China ein Sack Reis umfällt. In einer Galerie herrschte ohrenbetäubender Lärm. Als der Sack in China in einem zufallsgenerierten Moment umfiel, hörte der Lärm auf.

2003 versuchte sie, Millionärin zu werden, und ließ sich von McDonalds anstellen. Den Lohn in Höhe von 904 Euro investierte sie in Lottoscheine. Sie gewann 381 Euro. 2007 schickte sie fünf Leute ein Wochenende lang nach Rom. Fünf weitere Leute guckten sich in Berlin das Theaterfestival 100 Grad an. Danach verglichen sie ihre jeweiligen Sehnsüchte miteinander.

2008 machte sie sich auf den Weg, den Zutaten des Erdbeerjoghurts, der meistgekauften Sorte Joghurt, zu folgen. Sie reiste zuerst einem Joghurt nach, dem Herstellungsdaten von 1992 zugrunde lagen. Danach nahm sie Daten von 2008. In den 16 Jahren hat sich ihr Reiseweg verfünffacht. Die beiden Reiseblogs stehen auf http://erdbeerjoghurt150g.wordpress.com. Online findet sich ebenfalls die Untersuchung des Joghurt-Reiseweges von 1992 (PDF).

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Projekt?

Ich wollte einem alltäglichen Lebensmittel hinterherreisen. Einem, das schnell in unser Leben kommt und wieder daraus verschwindet. Dass es der Erdbeerjoghurt war, liegt an der extrem detaillierten und gut recherchierten Studie, die es zum Erdbeerjoghurt von 1992 gibt. Seitdem ist keine so detaillierte Studie mehr veröffentlicht worden. Das behaupte ich zumindest. Alle Institute, Umweltorganisationen, Wissenschaftler und Journalisten, die ich angeschrieben habe, konnten mir nicht weiterhelfen in Bezug auf neue Daten.

Sind in einem Erdbeerjoghurt nicht noch weitere Zutaten?

Gute Frage. Zählen die Aromastoffe dazu? Die habe ich bei der ersten Reise ausgelassen, weil für den 1992er-Joghurt keine Informationen vorlagen. Wegen der Vergleichbarkeit bin ich bei der zweiten Reise auch den Erdbeeren nachgereist, obwohl maximal eine halbe im Becher ist. Die Aromastoffe sind ja viel präsenter. Bei Erdbeerjoghurt sind das präparierte Holzspäne oder Schimmelpilze. Warum gerade diese das Erdbeeraroma so gut wiedergeben, kann ich nicht erklären.

Wie lange hätten Sie reisen müssen, wenn Sie auch Becher und Aludeckel einbezogen hätten?

Das hätte den Rahmen gesprengt. Anders als bei der ersten Reise musste ich auch auf die Rückfahrten verzichten. Lkws fahren mitunter mit Waren von A nach B, aber auch wieder zurück - und das sehr oft nicht ausgelastet.

Also stimmt die Rechnung mit den 25.000 Kilometern auch nicht?

Man bräuchte mindestens das Doppelte. Aber bei dem Projekt geht es ja nicht um exakte wissenschaftliche Berechnungen.

Wie kann man verifizieren, dass die Daten, die Sie für Ihre zweite Reise benutzt haben, stimmen?

Das kann niemand. Sie können noch nicht einmal verifizieren, ob es die zweite Reise gegeben hat. Ich denke, es ist offensichtlich, dass das Projekt mit etwas arbeitet, was auf eine gewisse Glaubens- und Fantasiebereitschaft der Leser und Leserinnen baut. Sie hören sich meine Geschichte an, Sie lesen sie im Internet nach. Was sie daraus machen, ist eine andere Sache. Sie dichten Episoden dazu, lassen anderes weg. Oder sie kaufen sich eine Joghurtmaschine, um in Zukunft den Joghurt selbst zu machen. Als Kunstschaffende lege ich Spuren. Ich liefere keine Beweise.

Die Reise wird im Internet dokumentiert. Welche Belegkraft hat das Medium?

Keine. Wer das Internet benutzt, lässt sich darauf ein, dass es die klassische Autorenschaft nicht mehr gibt und damit auch keinerlei verbürgte Informationen.

Ihre Reisen werden in einem Reiseblog dokumentiert. Man sieht die üblichen schlecht geschossenen Fotos und liest mittelmäßige Texte. Warum das?

Ich wollte einen möglichst durchschnittlichen Travel-Blog machen. So wird am ehesten das Gefühl von Übermüdung, von Langeweile, von Wiederholung, Monotonie durch die Texte gespiegelt.

Auf den Fotos tragen Sie immer die gleiche Bluse. Sie hat Kirschknöpfe. Manche Fotos wirken gestellt, etwa jenes, wo sie vor Kühen auf einer Decke sitzen.

Bei meiner Art von Arbeit oszillieren die Texte und Bilder zwischen Inszenierung und Zufall. Das Foto ist ein Schnappschuss.

Warum machen Sie das alles?

Ich will durch die Reise auf die Simplizität und gleichzeitige Komplexität eines Alltagsgegenstandes aufmerksam machen.

Wollten Sie auch das Reisen in Zeiten der Globalisierung thematisieren?

Meine Reiseerfahrung steht im Zeichen des Zeitdrucks. Ich erlebe die Orte nur in einer An- und Abreise. Es gibt kein Ankommen. Der buchstäbliche Transport ist das eigentliche Ziel. Als Reiseerfahrung schlägt das Anfliegen von Flughäfen, die Sicht auf das Innere von Frachtschiffen und das Gefühl des Unterwegssein zu Buche. Dahinter steckt aber auch die Skepsis, ob man je an einem Ort ankommen und ihn begreifen könnte, bloß weil man zwei Wochen dort verbringt. Allerdings steckt darin sehr wohl die Erfahrung, dass der Aufbruch zu einer Reise eine Art Sehnsucht ist. Und dass diese Sehnsucht eine Grundsehnsucht des Menschen ist und niemals von einem Ort eingelöst werden kann.

Der Joghurt wirkt auf den erste Blick real. Aber die unvorstellbaren Transportwege kommen dazu. Die übersetzen Sie in eine persönliche Reise. Diese wiederum dokumentieren Sie in einem virtuellen Reiseblog. Was ist dabei noch real, was fiktiv oder virtuell?

Ich will die Virtualität der Realität zeigen. Ich behaupte, unterwegs gewesen zu sein und tausende Kilometer hinter mich gebracht zu haben. Ich behaupte, dass ich entsprechend müde war, dass ich habe brechen müssen, dass ich unter Jetlag litt. Sobald ich Ihnen das berichte, wird es zu einer fiktiven Erzählung, die vielleicht Bezüge zur Realität hat. Ich glaube aber mehr und mehr daran, dass der Mensch Geschichten braucht. Weltliteratur, Religiosität, die Liebe, die Beziehung zum Kind - alles hat mit Geschichtenerzählen zu tun.

Was passiert, wenn man Ihr Kunstprojekt mit der Grünen Woche in Zusammenhang bringt?

Die Parallelen sind klar: Da ist die Selbstinszenierung der Nahrungsmittelproduzenten, die Selbstinszenierung der zu Ländern zusammengefassten Wirtschaftsstrukturen. Diese Selbstinszenierung hat mit Fiktion zu tun - mit schönen Bildern, schönen Gerüchen, schönen Schaukochveranstaltungen. Ich will mit meiner Reise nicht investigativ aufdecken, was hinter dieser Fassade steckt. Auch wenn ein Nahrungsmittel keinem Land mehr zuzuordnen ist, kostet man doch gerne mal den Tiroler Schinken aus Belgien und den deutschen Honig aus Mexiko. Was vordergründig als Information daherkommt, verbirgt eine virtuelle Geschichte. Deshalb auch mein Projekt. Es hilft Ihnen nicht, zu wissen, wo der Joghurt tatsächlich herkommt. Es hilft ihnen viel mehr, darüber nachzudenken, wo er herkommen könnte.

Wenn Sie Information generell infrage stellen - wer ist dann Jekaterina Anzupowa?

Ist das wichtig? Sobald wir über mich als Künstlerin oder Privatperson sprechen, würde ein Prozess in Gang gesetzt, der so etwas wie eine Realität in Bezug auf mich herstellen würde. Medien, Märkte, auch der Kunstmarkt funktionieren so. Sie produzieren Geschichten. Und über die Geschichte werden aus Subjekten Produkte. Es entsteht ein Produkt wie Angela Merkel, ein Produkt wie Erdbeerjoghurt, ein Produkt wie Jekaterina Anzupowa.

Die persönliche Entwicklung Ihrer Sicht auf die Welt und die Dinge - ist die unwichtig? Sie haben einen osteuropäisch klingenden Namen, und im Internet steht, sie kämen aus der Ukraine. Gleichzeitig höre ich in ihrem perfekten Deutsch einen amerikanischen Akzent heraus.

Ja nun, was ist jetzt wahrer?

Jemand, der die Realität aus einer ukrainischen, amerikanischen und deutschen Perspektive kennt, hat durch diese Verdreifachung der Perspektive eine gute Grundlage erhalten, den eindimensionalen Blick auf Realität infrage zu stellen. Warum darf man das nicht wissen?

Weil nur Ihre Projektion wichtig ist; nicht das, was von mir vorgegeben ist.

Warum?

Personen des öffentlichen Lebens sind Projektionsflächen. Nehmen Sie Britney Spears, die mal verlorene Tochter, mal wiedergewonnene Mutter, mal Schlampe, mal Heilige ist in einer Person - natürlich sind das alles Geschichten. Sie darf mal dies und mal das sein, aber nie zu lange, sonst sinkt ihr Marktwert. Zu dieser Art von Maschinerie, die Information immer wieder neu auflegt, um Projektionsflächen zu schaffen für das Publikum, sage ich Nein. Ich möchte meine Information so gestalten, dass Ihnen alle Freiheiten der Projektion gelassen werden. Für dieses Projekt ist es irrelevant, wer die Performerin ist. Es ist nur wichtig, dass das Projekt in Deutschland stattfindet, weil es ein deutschbasierter Joghurt ist.

Sie verweigern die Autorenschaft.

Das ist eine Lesart von zeitgenössischer Kunst, die ich für sehr schwierig halte. Was wollen Sie? Wollen Sie Leute, die sagen: Schon mit fünf habe ich malen wollen, und mit fünfzehn besuchte ich Malkurse, und jetzt sehen Sie sich mein Werk an. Ich halte das für zusammengepflasterten Bullshit. Dieser Geschichtenerzählung in Bezug auf meine Person verweigere ich mich. Es ist nicht wichtig, aufgrund welcher Psychosen meinerseits dieses Projekt entstanden ist. Das Projekt wirft genug Fragen und Themen auf. Das Salz der Geschichte - nämlich meine Biografie, meine persönlichen Gründe - sind völlig uninteressant.

Dass Sie Ihre Person raushalten, ist das nicht auch eine Masche?

Eine Masche wird es, wenn ich es die nächsten dreißig Jahre so halte.

Wie haben Sie diese aufwendigen Kunstprojekte eigentlich finanziert?

Die sind komplett privat finanziert.

Heißt das, Sie haben genug Geld zur Verfügung, so etwas privat zu finanzieren?

Oder ich kenne Wege, es mir zu beschaffen.

Und noch eine Frage: Welchen Informationsgehalt hat dieses Interview?

Einen geringen - aber um Informationen geht es ja auch nicht.

Glauben Sie, dass es stattgefunden hat?

Nicht so, wie es am Ende in der Zeitung steht.

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