Montagsinterview: IHK-Chef Eric Schweitzer

"Ein Ferrari wäre schon drin - aber was soll ich damit?"

Eric Schweitzer leitet das Entsorgungsunternehmen Alba und macht nebenher Politik als ehrenamtlicher Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK). Oder auch umgekehrt, je nach Betrachtungsweise.

Familienmensch, Autobahnfreund und heimlicher Grünen-Sympathisant: IHK-Chef Eric Schweitzer Bild: Detlev Schilke

taz: Herr Schweitzer, der IHK sagt man nicht gerade Nähe zu den Grünen nach. Sie aber waren beim Parteitag im November Gastredner, und ihre Frau saß strickend im Publikum. Ist der Schal fertig?

Eric Schweitzer: Nein, denn das war ja der Schal von Michael Cramer, dem Europaabgeordneten. Der hatte das Strickzeug mit den ersten Maschen vom Landesvorstand geschenkt bekommen.

Wie kam dann Ihre Frau daran?

Herr Cramer strickte auf rechts, obwohl der Schal auf links gestrickt war, und deshalb kam er nicht weiter. Meine Frau hat ihm gesagt, er müsse linksherum stricken, und die Sache für einen Moment selbst in die Hand genommen.

Das Ehepaar Schweitzer hat sich sichtlich wohl gefühlt bei der Umweltpartei. Setzen Sie sich über Klischees hinweg?

Ich versuche, nicht in Schubladen zu denken. So wie es Leute gibt, die sich einen IHK-Präsidenten mit Zylinder und Zigarre vorstellen, quasi die Inkarnation des Unternehmers, wie er in alten und falschen Schulbüchern zu sehen ist, existiert in manchen Köpfen das alte Bild der Grünen: sie sind Müsli-Esser, stehen morgens erst um zehn Uhr auf und gehen tagsüber auf die Wiese, um Bücher zu lesen.

Aha.

Beides ist falsch. Ich versuche die Menschen zu sehen, wie sie sind, ohne sie in eine Schublade zu stecken. Dabei schätze ich Offenheit und Menschen, die sich Dinge erst einmal anhören - auch wenn sie danach immer noch sagen: Nein, ist nicht mein Ding.

Hatten Sie denn auch den Eindruck, dass die Grünen offen für Sie waren?

Sie waren sehr offen, was ich persönlich sehr angenehm fand. Vorher sollen ja die einen oder anderen in Frage gestellt haben, ob man einen IHK-Präsidenten überhaupt einladen darf. Ich glaube, dass es durchaus gelungen ist, Schnittmengen festzustellen - sogar eine ganze Menge, ich nenne hier nur das Stichwort Green Economy.

Sind denn die Grünen für Sie inzwischen eine Partei, die Sie nächstes Jahr bei der Abgeordnetenhauswahl wählen würden?

Der Kaufmann: Drei Jahre Studium an der Freien Universität reichten, dann hatte Schweitzer 1987 seinen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre. 1990, mit 25 Jahren, schloss er seine Promotion ab und ist seither Dr. Schweitzer.

Der Sohn: Vater Franz-Josef hatte 1968 die Alba AG als Entsorgungsunternehmen gegründet. Angeblich hat er seine Söhne nie gedrängt, ins Unternehmen einzusteigen. Als er 1998 starb, waren sie seit Jahren in die Unternehmensspitze eingebunden.

Der Bruder: Eric Schweitzer leitet die Alba AG mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Axel, einem Wirtschaftsingenieur, der auch Aufsichtsratschef des gleichnamigen Basketball-Bundesligisten ist, den Alba seit 1991 sponsert.

Der Kammerchef: 2004 wurde Schweitzer Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin und damit nach Kammerangaben der bundesweit jüngste IHK-Chef. Kaum gewählt, lobte er Wirtschaftssenator Harald Wolf von der inzwischen in der Linkspartei aufgegangenen PDS als "jemand, der bereit ist, zuzuhören".

Der Familienvater: Schweitzer ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Zehlendorf.

Woher wissen Sie denn, dass ich sie in der Vergangenheit nicht gewählt habe? Aber im Ernst, Gregor Gysi hat vor Kurzem zu mir gesagt: "Sie wählen doch FDP!" Ich habe ihm geantwortet, was ich jetzt auch Ihnen antworte: Wir haben glücklicherweise ein Wahlgeheimnis. Und so wissen Sie nicht, ob ich in der Vergangenheit die Grünen, die FDP oder ganz anders gewählt habe.

Ist es aus Sicht der Berliner Wirtschaft von Bedeutung, wenn eine Grüne - Renate Künast - nächstes Jahr Regierende Bürgermeisterin würde?

Es ist immer von hoher Bedeutung, wer Regierender Bürgermeister ist. Zum Inhalt: Es gibt es in wirtschaftspolitischen Fragen Übereinstimmung mal mit der einen und dann mit einer anderen Partei. Sprechen müssen und wollen wir, gemäß unserer Aufgabe, mit allen - und dabei die Interessen der gesamten Wirtschaft vertreten.

Zu große Nähe zu den Linken hat Ihnen aber noch keiner vorgeworfen.

Von wegen. Es gab mal eine Zeit, da hieß es: Der Schweitzer unterstützt Wirtschaftssenator Wolf von der Linkspartei im Wahlkampf. Die gleichen Leute haben dann ungefähr einen Monat später gesagt: Der Schweitzer macht nur CDU-Politik. Das hat mich amüsiert.

Sie sind ja auch Unternehmer und leiten gemeinsam mit Ihrem Bruder das Entsorgungsunternehmen Alba. Wie kann so eine familiäre Doppelspitze klappen?

Wir waren drei Brüder, nicht zwei. Mein zwei Jahre älterer Bruder ist vor 17 Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückt - eine Woche vor seiner Hochzeit und seinem 30. Geburtstag. Das war das Schlimmste, was unserer Familie passiert ist. Der Mensch versucht ja immer Dinge zu erklären: Hat es einen Sinn oder nicht …? Bei meinem Bruder habe ich das nie verstanden: Warum muss ein Mensch kurz vor seiner Hochzeit sterben, noch keine 30 Jahre alt?

Der Verlust hat Sie zusammengeschweißt in der Familie.

Wir sind ohnehin zu einem sehr engen Familienzusammenhalt erzogen worden. Mein Vater hat immer gesagt: Ihr könnt euch streiten, aber regelt das intern. Wenn es nach außen geht, müsst ihr zusammenhalten. Daraus ist unser Umgang miteinander erwachsen.

Die auch die Basis für Ihr unternehmerisches Handeln ist?

Uns beiden ist wichtig, dass Alba ein Familienunternehmen ist und bleibt. Das prägt uns sehr. Wir verfolgen die gleiche strategische Ausrichtung, sind uns einig bei Einschätzungen über Märkte und wie sich die Firma darin aufstellen sollte. Zudem gilt, dass die Entwicklung des Unternehmens immer Priorität haben muss. Sie können nicht gleichzeitig viel investieren und viel konsumieren.

Das heißt, ein Ferrari ist für Sie nicht drin.

Doch, der wäre schon drin - aber was soll ich mit einem Ferrari?

Wie funktioniert denn das Zusammenspiel mit Ihrem Bruder in der Praxis?

Ein Familienunternehmen strahlt auch immer ins Private. Wir telefonieren viel, auch am Wochenende, und besprechen Geschäftliches. Das Geschäft darf aber die Familie nicht dominieren.

Sie sitzen bereits seit 1993 im Alba-Vorstand und werden doch nächsten Monat erst 45 Jahre alt. Was hat Ihnen so ein Familienunternehmen in den nächsten 20 Jahren noch zu bieten?

Mir macht es Spaß, unternehmerisch tätig zu sein, und ich sehe noch viele Aufgaben für mich. Schauen Sie sich die gegenwärtige Entwicklung bei der Recyclingwirtschaft an: Weltweit werden wir bis 2020 einen Anstieg der Abfallmenge von derzeit 12 Milliarden Tonnen jährlich auf 20 Milliarden Tonnen verzeichnen können. Deshalb wird es in diesem Zeitraum weltweit einen Investitionsbedarf an Recyclinganlagen in der Größenordnung von 53 Milliarden Euro geben - und da fragen Sie mich, ob es mir in den nächsten 20 Jahren bei Alba zu langweilig wird?!

Wie wäre es mit einem Gang in die Politik?

Sie meinen, als Unternehmer in die Politik zu gehen, hauptberuflich? Nein!

Warum nicht?

Man sollte immer wissen, was man kann und was man wirklich gern macht. Ich bin zwar ein sehr politischer Mensch, aber ich bin aus tiefster Überzeugung Unternehmer. Unabhängigkeit ist mir immer sehr wichtig, sowohl materiell als auch geistig.

Wenn Ihnen die Beschränkungen durch Parteitagsbeschlüsse oder Koalitionskompromisse irgendwann zu stark würden, könnten Sie doch sofort wieder gehen.

Ja, aber einfach zu gehen, das ist nicht mein Stil. Wenn mich als IHK-Präsident jemand ärgert, dann entziehe ich mich doch auch nicht einfach meiner Verantwortung. Allerdings: Als Unternehmer können Sie große Teile dessen, was Sie tun, selbst bestimmen. In der Politik aber sind Sie vielen Zwängen unterworfen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe Respekt vor Politikern und ihrem undankbaren Job. Sie können doch als Landesminister höchst engagiert arbeiten, aber wenn die bundesweite Stimmung bei der Wahl gegen Sie ist, dann sind Sie weg.

Gelten solche Zwänge nicht auch für die Wirtschaft? Denken Sie mal an die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, die zahlreiche engagierte Unternehmer in den Ruin getrieben hat.

Es gibt Dinge, die Sie nicht selbst beeinflussen können, das stimmt. Im September 2008 zum Beispiel haben wir bei Alba gesehen, dass die Rohstoffpreise massiv fallen. Die Rohstoffmärkte reagieren immer als Erste in einer Krise - wenn die Industrie nicht produziert, braucht sie keine Rohstoffe. Ich habe dann sehr früh die Politik gewarnt, dass wir in eine Rezession schlittern, doch man hat nur abgewinkt …

Das spricht doch gerade dafür, es besser zu machen, in die Politik zu gehen und selbst zu gestalten.

Jeder Mensch ist anders. Ich muss am Ende des Tages nicht auf einen Parteitag gehen und fragen, ob es eine Mehrheit für den strategischen Weg gibt, den wir gehen. Ich muss mich nur mit meinem Bruder verständigen. Wenn wir uns nicht verständen, gäbe es ein Problem. Bisher hat das aber glücklicherweise sehr gut funktioniert.

Die Bundeskanzlerin hat Sie kürzlich in den Nachhaltigkeitsrat berufen. Hat Sie das überrascht?

Ich habe mich natürlich gefreut, als das Kanzleramt angerufen und mich gefragt hat. Unser Unternehmen, die Alba-Group, ist ein wesentlicher Bestandteil der Green Economy, denn wir machen von morgens bis abends mit 9.000 Mitarbeitern in elf europäischen Ländern nichts anderes als Recycling, also Wiederverwertung von Rohstoffen. Da ist gelebte Nachhaltigkeit drin, und wir sind da mit Alba inzwischen die Nummer zwei in Deutschland, die Nummer fünf in Europa und gehören zu den weltweit zehn größten Unternehmen unserer Branche.

Wie nachhaltig ist das Eintreten der IHK für den umstrittenen Ausbau der Autobahn 100 in Treptow?

Die IHK und die Wirtschaft insgesamt sind bei dem Thema ziemlich fest: Das ist ein infrastrukturell sehr wichtiges Thema.

Was bedeutet es für die Berliner Wirtschaft?

Zum einen ist es eine Investition von über 400 Millionen Euro, die auch noch der Bund bezahlt. Das ist fast so viel wie im gesamten Konjunkturpaket II für Berlin. Zum anderen ist für die Wirtschaft neben anderen Themen wie der Bildung der Ausbau und der Erhalt der Infrastruktur ein zentrales Thema. Ansiedlungen passieren dort, wo die Infrastruktur gut ist. Berlin ist mit der Bahn und mit dem Flughafen gut angebunden, über die Stadtautobahn im Westen auch, aber eben nicht im Südosten.

Was ist mit der Belastung für die Anwohner, den prognostizierten Staus, dem Lärm, den zu fällenden Bäumen?

Alle Gutachten sagen, dass sowohl die Nebenstraßen als auch die City Ost vom Verkehr entlastet werden. Für die Anwohner wird es weniger Belastungen und mehr Verkehrssicherheit geben. Und für die Erschließung von Gewerbegebieten insbesondere in Neukölln und Treptow ist der Ausbau der A 100 ohne Alternative.

Was sagen Sie denn zum Umgang der rot-roten Koalition mit dem Thema? Am kommenden Samstag will die SPD auf ihrem Landesparteitag ja noch einmal über die A 100 abstimmen.

Das ist nun wirklich zum Kopfschütteln. Erst haben SPD und Linkspartei den Weiterbau der A 100 im Koalitionsvertrag vereinbart. Dann hat ein SPD-Parteitag vor einem Jahr beschlossen: Wollen wir doch nicht. Dann hat die Linkspartei im April gesagt: Was die können, können wir auch - wir wollen die A 100 auch nicht. Dann meint die SPD-Fraktion im Mai: Wollen wir doch. Und schließlich sagt jetzt die Antragskommission für den Parteitag: wollen wir lieber doch nicht. Ich bin ziemlich gespannt, was am Samstag passiert, freue mich aber über die Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters für dieses Projekt.

Was würde es denn bedeuten, wenn die SPD am Samstag gegen die A 100 stimmt und der rot-rote Senat die Verlängerung stoppt?

Es gibt nie das eine wirtschaftspolitische Thema, das das Abendland untergehen lässt, um es mal überspitzt zu sagen. Aber es ist trotzdem ein wichtiges Thema für diese Stadt.

Als persönliches Motto schreiben Sie auf der Alba-Internetseite: "Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt zur Quelle". Ist die A 100 für Sie so ein Querleger-Thema?

Ach, das ist eigentlich ein Dauerzustand. Man kann mir das Kreuz brechen, es aber nicht verbiegen. Ich will damit sagen: Ich bin auch pragmatisch, das muss man als Unternehmer immer sein. Aber ich passe mich nicht an. Wenn Sie von einer Sache wirklich überzeugt sind, müssen Sie für sie eintreten - eben auch gegen den Strom.

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