■ Mit langsamen Flugzeugen auf du und du: Luftiges Tempolimit
Berlin (taz) – Umweltbewegte SPD-PolitikerInnen haben es schwer. Obwohl sie bei den meisten Parteifreunden mit ihrer Kritik am Autoverkehr nicht landen, nehmen sie jetzt den Flugverkehr ins Visier. Denn von Jahr zu Jahr gehen immer mehr BürgerInnen in die Luft. Mit einem Tempolimit am Himmel wollen einige GenossInnen jetzt den allgemeinen Höhenflug bremsen. Die Idee hat bei viel fliegenden taz-RedakteurInnen ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst, verbunden mit der abwehrenden Frage: „Wer hat sich denn den Schwachsinn ausgedacht?“
Der Verantwortliche heißt Karl-Otto Schallaböck und verdient seine Brötchen beim Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er versteht seine Idee als „Denkanstoß, um die Schärfe des Problems deutlich zu machen.“ Das Problem ist die klimaschädliche Wirkung des Flugverkehrs, und die wird gemeinhin unterschätzt: Schon jetzt haben die Flieger ein Sechstel des Treibhauseffektes zu verantworten, hat der Verkehrswissenschaftler anhand eines Modells errechnet. Neben Kohlendioxid hinterlassen vor allem Stickoxide und Wasserdampf ihre Spuren in luftiger Höhe. Der Weltenbummler schädigt mit einem einzigen Intercontinentalflug von 15.000 Kilometern das Klima genauso stark wie der deutsche Normalverbraucher mit viereinhalb Jahren autozentrierten Verkehrsverhaltens. Und weil immer mehr Menschen nach Mallorca oder zum Fußball in die Vereinigten Staaten jetten, sieht es fürs Klima düster aus.
Ein Tempolimit könnte Abhilfe schaffen, glaubt der Verkehrswissenschaftler. Es soll vor allem das Fliegen unattraktiver machen. Wer zwei bis drei Stunden von Berlin nach München benötigt und dann noch immer weit draußen auf dem Airport steht, bevorzugt vielleicht doch die Bahn. Und um einen 30stündigen Horrortrip nach Übersee zu vermeiden, meldet der Geschäftsmann eine Videokonferenz an. Das Woodstock-II-Festival schenkt sich der taz-Leser, vielleicht gibt's was auf MTV, und Open-air-Festivals finden auch zu Hause statt.
Die Hoffnung, derart Verkehr zu vermeiden oder zu verlagern, ist nicht unbegründet. Denn Studien besagen, daß der Mensch seit Jahrzehnten im Schnitt etwa eine Stunde für seine täglichen Wege braucht – ganz gleich, ob er oder sie per pedes, mit der Straßenbahn, dem BMW oder einem Privatjet unterwegs ist. „Die Geschwindigkeit ist die Basis für das viele Fliegen“, schließt Schallaböck daraus. „Wenn wir aber mehr Zeit für eine Strecke brauchen, stellen wir uns auf kürzere Distanzen ein.“
Schallaböck weiß, daß es zum irdisch verfügten himmlischen Tempolimit ein langer Weg ist. Aber er warnt: „Die Belastbarkeit der Ökosphäre ist begrenzt.“ Lorenz Redicker
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