piwik no script img

Mit Silikon-Gummi verhüten

■ Neues Verhütungsmittel auf dem Markt/ Ein Kondom für Frauen

Es kostet 98,50 Mark und trägt den schönen Namen Lea. Ist es nur ein erneuter Versuch der Pharmaindustrie, Frauen und Familienplanung mit dem schönen Wort Freiheit in einen Bedeutungszusammenhang zu setzen? Ich hab's mir zeigen lassen; in der Apotheke. Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber ich wollte es wenigstens sehen.

In der Rathsapotheke am Markt ist das neue Verhütungsmittel nicht vorrätig, die Apothekerin kann es mir aber innerhalb von zwei Stunden bestellen. Mal anschauen und anfassen. Ist aus Kunststoff.

Die neue Lea, wie das „lea-contraceptivum“ verkürzt genannt werden kann, ist aus Silikon-Gummi und mag beim ersten Hinschauen recht groß und massig erscheinen. So ganz neu ist das Produkt aber nicht. Schon seit einem Jahr ist es in Deutschland, der Schweiz und Österreich auf dem Markt, seit Mai 1995 in Kanada FDA-geprüft, das ist die strengste amerikanische Kontrolle für Pharmazeutika.

„Lea-contraceptivum? Das ist das neue Frauenkondom!“, meinte die Pharmazeutin in der Rathsapotheke.

Dr. Christiane Wunn von der MEDISAVE GmbH in Freiburg, jenemPharmavertrieb, der das amerikanische Produkt hier auf den Markt gebracht hat, will Lea damit allerdings nicht verglichen wissen. „Das Frauenkondom ist doch ähnlich erotisch wie eine Alditüte“, meint sie. „Lea ist eine Fortentwicklung der Portio-Kappe. Sie legt sich aber nicht wie die Portio-Kappe wie ein Fingerhut über den Gebärmutterhals, sondern hält sich vor dem Muttermund selbst fest.“ Das Kontrakeptivum hat einen ventilartigen, rüsselförmigen Verschlußmechanismus, der eine wichtige Rolle für seine schwangerschaftsverhütende Funktion spielt. Es baut einen Unterdruck auf und wird auf diese Weise von den Vaginalwänden gehalten. Der Vorteil des Kontrazeptivums ist, daß es nicht extra angepaßt werden muß. Es paßt jeder Frau.

„Manche Frauen finden es schwierig, Lea einzu-führen, und vor allem finden es man-che Frauennicht ein- fach, den Unterdruck aufzulösen, bevor sie das Kontrakeptivum wieder aus der Scheide herausholen“, weiß Monika Haas zu berichten.

Sie führt als Hebamme bei Pro Familia Bremen Beratungen durch. Aber über negative Erfahrungen klagten eigentlich nur etwa 15 Prozent der Frauen, die das neue Produkt schon ausprobiert haben. Keine besonders hohe Zahl.

„Bei mir rufen die Frauen an und wollen ganz viel wissen, bevor sie Lea das erste Mal kaufen“, sagt Christiane Wunn, „sie wollen mit ihren Freundinnen darüber reden.“ Sie kann ihnen antworten: Lea verhütet ohne Hormone, ohne Risiko - auch ohne Lustverlust? Das Ding kann bis zu 48 Stunden in der Scheide bleiben und beeinflußt die Spontaneität deshalb nicht. Es wird mit Wasser und Seife gewaschen und kann sechs Monate oder auch bis zu zwölf Monate lang verwendet werden. Aus hygienischen Gründen, da sich eventuell Eiweißstoffe anlagern, sollte Lea dann erneuert werden. Die medizinischen Werte können sich sehen lassen: 2,2 Prozent Schwangerschaftsrate bei Benutzen mit spermizider Salbe, 2,9 Prozent ohne. Die MEDIASAVE Freiburg will in zwei Jahren Studien vorlegen, daß das „Lea-contraceptivum“ ohne spermizide Salben und trotzdem sicher benutzt werden kann. Damit wäre ein weiterer Vorteil zum Pessar gegeben, denn viele Frauen reagieren allergisch auf die Gels und Salben.

Warum der Name Lea? Ein amerikanischer Herzchirurg aus einer jüdischen Familie hat das Lea-contraceptivum entwickelt. Lea ist der Name seiner Frau. Die bat ihn nach der Geburt des dritten Sohnes: Entwickele bitte etwas für mich!

Im medizinischen Labor hat er 20 Jahre an dem Verhütungsmittel gearbeitet. 1984 kam er mit den ersten Entwürfen heraus, 120 Prototypen sind es letztlich geworden, bis „Lea-contraceptivum“ gut war.

Katrin Patzak

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen