Mircea Cărtărescus neues Buch „Solenoid“

Produkt eines riesenhaften Geistes

„Solenoid“ ist eine Freude. Wer Spaß an Fantastik, an metaphorischen und allegorischen Rätseln hat, sollte Mircea Cărtărescus neues Buch lesen.

Ein Mann steht in der Dunkelheit an einem kleinen See vor Plattenbauten in der Stadt Bukarest und angelt

Bukarest, „die traurigste Stadt auf dem Erdboden, aber gleichermaßen die einzig wahre Stadt“ Foto: AP

Die Lektüre der Romane des rumänischen Schriftstellers und Dichters Mircea Cărtărescu ist ein ganz eigenes Vergnügen. Wohl kein anderer zeitgenössischer Autor hat eine derart opulente, alle Maßstäbe sprengende Fantasie. Und keiner hat dabei seine Heimatstadt auch sprachlich auf immer neue, überraschende Weise zu solch einer surrealen Welt gemacht. Das gilt besonders für Cărtărescus „Orbitor“-Trilogie „Die Wissenden“, „Der Körper“ und „Die Flügel“.

Sein neuer Roman, „Solenoid“, knüpft an diese Trilogie an. Der namenlose Ich-Erzähler ist wie in den „Orbitor“-Romanen in einem riesigen Plattenbau an der Straße Ştefan cel Mare aufgewachsen, hat nächtelang aus dem Fenster seines Kinderzimmers auf die Lichter der Stadt gesehen und sie mit seinen Träumen zu einer imaginären Welt verschmolzen.

Diesmal jedoch stehen andere Erlebnisse und Phasen seines Lebens im Zentrum der Erzählung. Zum Beispiel die Erinnerung an den ersten Verrat der Mutter, die dem jungen Erzähler eines Morgens sagt, dass sie zu seinem Cousin fahren. Stattdessen aber geht es zu einer Operation in eine Zahnklinik. Ein traumatisches Erlebnis, das er nie vergessen hat.

Gedicht ist „literarische Pathologie“

Auch die Phase des Studiums kennt der Leser der „Orbitor“-Romane noch nicht. Hier ist das entscheidende Erlebnis ein Treffen des „Mond-Literaturkreises“, datiert auf den 24. Oktober 1977. Das Gedicht, das der Erzähler vorträgt, sollte wie ein Bombe einschlagen, stattdessen wird es von den Kritikern des Kreises wie ein Stück „literarischer Pathologie“ behandelt.

Mircea Cărtărescu: „Sole­noid“. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsol­nay/Hanser, Mün­chen 2019, 912 S., 36 Euro

Der Erzähler wird zwar nicht rücksichtslos „abgeschlachtet“, wie er schreibt, sondern „nur so nebenbei, verächtlich und mit einem Lächeln auf den Lippen“; aber fortan gibt er all seine dichterischen Ambitionen auf. Und wird an einer Schule in einem Vorort Bukarests Rumänischlehrer.

Man könnte meinen, Căr­tă­rescu, der nach dem Literaturstudium zeitweilig auch Lehrer war, würde mit „Solenoid“ einen alternativen Lebensweg ohne all seinen Erfolg und Ruhm wie im wirklichen Leben durchspielen. Aber die Haltung des Ich-Erzählers, seine Bedeutungslosigkeit, ist gleichzeitig zentraler Bestandteil seines poetologischen Konzepts.

Das Gefängnis Leben

Die Anonymität des Schreibens ist für ihn dabei entscheidend. „Weil ich kein Romanschriftsteller bin und keine falschen Türen auf Mauern zeichne, bin ich glücklich beim Schreiben, dieses Glück ersetzt mir allen Ruhm.“ Mit Türen sind hier die Ausgänge aus dem Gefängnis gemeint, als dass der Erzähler sein Leben empfindet.

Ruhm dagegen, heißt es weiter, führe nur zu „Konformismus, Falschheit, Selbstbetrug, Größenwahn und Enttäuschung“. Weil sie sich selbst und die eigenen Texte für nichtig hielten, sei Wahrhaftigkeit für großen Autoren, wie etwa Kafka, erst möglich geworden.

Also schreibt Cărtărescus Anti­schriftsteller und Erzähler nur für sich selbst. Und zwar über weite Strecken des Romans ganz realistisch. Zum Beispiel über die Zeit, die er als Neunjähriger in den 1960er Jahren in einem Lungensanatorium für Kinder verbracht hat. In dem die Verhältnisse so gewalttätig waren wie später in der Schule, in der er unterrichtet. Dort kommen die Eltern zu ihm und bitten ihn, ihre Kinder zu schlagen. „Hauen Sie ihnen in den Nacken, Herr Lehrer, lassen Sie sich nicht den Schneid abkaufen, sonst steigen die Ihnen aufs Dach!“

Fantastische Welten

Gleichzeitig bricht in diese Ceau­șescu-Welt immer wieder das Fantastische ein. So verschwinden Kinder in der großen Pause in einer stillgelegten Fabrik, die sich gegenüber der Schule befindet. Der Direktor beauftragt den Erzähler und einen seiner Kollegen, herauszufinden, was sie auf dem verlassenen Gelände machen.

Eine Magnetspule lässt ihn und seine Freundin auf Knopfdruck im Bett schweben

Bei der Expedition in die Fabrik taucht an einer der Wände der riesigen Halle eine Tür auf, die durch ein Zahlenschloss gesichert ist. Das Unbewusste des Erzählers hilft ihm, die Zahlenkombination zu finden: Intuitiv fällt sie ihm ein. Hinter der Tür verzweigt sich dann ein Gang schnell in ein „Labyrinth aus Sälen und Sälchen vollgestopft mit Exponaten, biologischen Präparaten, die künstlich eingefärbt worden waren, Gläser mit widerwärtigen Wesen, Lehrtafeln an den Wänden, auf denen die Weltraumbiologie einiger Albtraumwesen gefeiert wurde.“

Es sind nicht immer Angst­räume, die die fantastischen Passagen des Romans prägen. Unter dem alten Haus, das der Erzähler einem älteren Herrn abkauft, befindet sich ein Solenoid, eine Magnetspule, die ihn und seine Freundin auf Knopfdruck im Bett schweben lässt. Ein Solenoid, der dann in größerer Form an einer anderen Stelle des Romans die Stadt Bukarest aus dem Boden reißt.

Eine von Anfang an ruinierte Stadt

Bukarest, „die traurigste Stadt auf dem Erdboden, aber gleichermaßen die einzig wahre Stadt“. Denn im „Unterschied zu allen anderen Städten … ist Bukarest das Produkt eines riesenhaften Geistes, das mit einem Mal da war“. Ein Geist, der die geniale Idee gehabt habe, „eine von allem Anfang an schon ruinierte Stadt zu bauen“.

Als Leser ahnt man, dass all die Visionen, Allegorien und Metaphern des Romans auf etwas anderes hindeuten. Beeindruckend ist auch der sprachliche Reichtum, mit dem der rumänische Autor erzählt. Dieser Reichtum und der inhaltliche Anspruch mag nicht im Trend der gegenwärtigen, für den Tag und aufs Publikum hin geschriebenen Prosa liegen. Aber für jemanden, der Geduld, der Spaß an fantastischen Visionen, an metaphorischen und allegorischen Rätseln hat, für den ist „Solenoid“ eine lohnende Lektüre.

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