■ Millionen Ruander können nicht irren: Schutzzonen für die Flüchtlinge!
Eine Million, zwei Millionen, dreieinhalb Millionen – jeden Tag wird die Zahl der ruandischen Flüchtlinge in den Nachbarländern größer, jeden Tag wird die Lage unübersichtlicher, jeden Tag wird dieses beispiellose humanitäre Drama ein Stück außergewöhnlicher. Daß eine solch einmalige Situation eine einmalige Antwort erfordert, liegt auf der Hand. Aber wo ist sie? Die wenigen Flugzeuge mit Hilfsgütern sind bisher ein Tropfen auf den heißen Stein, sie decken nur wenige Prozente des Bedarfs. Und die politischen Konsequenzen, die entstehen, wenn ein halbes Land sich auf die Flucht vor einer neuen Regierung macht, werden weder diskutiert, noch zieht man aus ihnen Schlüsse.
Die Hilfsorganisation „Oxfam“ hat eine einfache Rechnung aufgestellt: Die Versorgung allein der 1,2 Millionen Ruander im zairischen Goma erfordert täglich die Landung von 40 Herkules-Maschinen mit Hilfsgütern. Und sie stellt die einfache Forderung: Die Mächte der Welt sollten eine international koordinierte Hilfsaktion nach Art der Berliner Luftbrücke von 1948 einrichten. Man kann dies blauäugig nennen. Aber wo ist die Alternative? Von einem „Marshallplan für Afrika“ wurde schon geredet, als die schwelenden Konflikte und Krisen des Kontinents lange nicht das heutige Ausmaß erreicht hatten. Jetzt ist die Katastrophe da. Handeln ist unausweichlich.
Was hindert Frankreich daran, seine zunehmend sinnlose „Schutzzone“ im Südwesten Ruandas – aus der ja inzwischen auch die Leute fliehen – aufzugeben und sich statt dessen mit internationaler Unterstützung den Fluchtgebieten Ost-Zaires zu widmen? Was hindert Frankreich oder die USA und – warum nicht – auch Großbritannien oder gar Deutschland daran, ein Mandat der UNO zur Versorgung dieser Menschen und zur Sicherung ihrer Fluchtgebiete zu übernehmen? Das wäre nicht nur eine humanitäre Erwägung. Nur wenn die Regionen um Goma und Bukavu auch versorgt und stabilisiert werden, wird verhindert, daß die mit den Millionen nach Zaire gewanderten Stützen des alten ruandischen Regimes Atem schöpfen und demnächst wieder als Untergrundarmee nach Ruanda einfallen, um die dortigen Wiederaufbauversuche von UNO und einer RPF-geführten Regierung zu torpedieren und den Bürgerkrieg von neuem zu beginnen. Die auf Rache sinnenden Flüchtlinge müssen unter Kontrolle gebracht werden, die lediglich aus Angst Geflüchteten müssen eine Lebensperspektive erhalten.
Wenn Ruanda eine Zukunft haben soll, darf es nicht zur Entstehung eines kleinen „Gegen-Ruandas“ auf zairischem Boden kommen. Von dem darniederliegenden zairischen Staat ist hier nichts zu erwarten. Einfache Rückkehrappelle reichen in einer Situation abgrundtiefen Mißtrauens auch nicht aus. Müssen wieder erst Tausende sterben, bevor die Einsicht durchdringt, daß Nichtstun nur die nächste Krise heraufbeschwört? Dominic Johnson
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