Mikita Frankos Roman „Die Lüge“: Miki will normal sein

Eine Leichtigkeit zieht sich durch den Roman „Die Lüge“ von Mikita Franko. Doch das Thema – Homophobie in Russland – ist immer präsent.

Autor Mikita Franko in weißem Hemd, die Stirn auf seine rechte Hand gestützt

Mikita Franko lebt in Moskau und kennt als trans Mann die Queerfeindlichkeit in Russland Foto: privat

Wenn Miki in der russischen Kleinstadt, in der er aufwächst, auf den Spielplatz geht, kommen nie beide Eltern mit. Niemand soll wissen, dass er zwei Väter hat: Slawa, der eigentlich sein Onkel ist und sich seit dem Tod von Mikis Mutter um ihn kümmert, und dessen Freund Lew. „Hier, zu Hause, sind wir in Sicherheit“, trichtert ihm Slawa ein. „Aber vor anderen Menschen können wir uns nicht so verhalten wie zu Hause. Du darfst niemandem erzählen, wie wir leben.“

Andere Kinder dürfen nur zu Besuch kommen, wenn Lew auf der Arbeit ist und Slawa die Familienfotos und das Regenbogenfähnchen weggeräumt hat. Miki versteht nicht, warum jemand etwas gegen seine Familie haben könnte, und ist überzeugt: „Wenn ich nur jedem erzähle, wie cool wir sind, wird schon alles gutgehen.“

Mikita Franko: „Die Lüge“. Aus dem Russischen von Maria Rajer. Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, 384 Seiten, 24 Euro.

In seinem Debütroman „Die Lüge“ erzählt der junge kasachische Autor Mikita Franko von Mikis Kindheit und Jugend und macht dabei für die Le­se­r*in­nen greifbar, was die tiefsitzende und durch staatliche Propaganda befeuerte Homophobie für den Alltag queerer Menschen in Russland bedeutet. Mikita Franko, der „Die Lüge“ im Alter von 22 Jahren geschrieben hat, lebt schon seit einigen Jahren in Moskau und als trans Mann kennt er die Queerfeindlichkeit in Russland.

Angst vor Ausgrenzung

Franko bleibt beim Schreiben nah an seiner Hauptfigur und erzählt den Roman aus der Sicht des Kindes. Diese Perspektive gelingt ihm gut, er fängt den kindlichen Witz, die Neugier und das Unverständnis für die Erwachsenenwelt ein, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Vielmehr zieht sich eine angenehme Leichtigkeit durch den Text. Gleichzeitig ist der Ernst des Themas immer präsent, die Angst vor Ausgrenzung, Mobbing und die Gefahr, dass Slawa das Sorgerecht verliert, wenn jemand erfährt, dass er schwul ist.

Es belastet Miki, niemandem von seiner Familie erzählen und nicht die Wahrheit sagen zu dürfen, obwohl man doch eigentlich nicht lügen soll. Als er in der Schule die Hausaufgabe bekommt, einen Aufsatz über seine Familie zu schreiben, starrt er lange auf das leere Blatt, bis er sich schließlich doch für die Wahrheit entscheidet: „Ich habe zwei Väter. Sie sagen, andere Leute denken, das wäre schlecht, aber das glaube ich nicht.“ Als Lew, der weniger verständnisvolle und einfühlsame der beiden Väter, den Aufsatz in Mikis Schulheft findet, schreit er den Jungen an und reißt die Seiten wütend aus dem Heft.

Es macht ihn wütend

Miki, der niemanden hat, dem er sich anvertrauen kann, wird depressiv und aggressiv, er hat Suizidgedanken. Es macht ihn wütend, nicht so sein zu können wie alle anderen. Jeden Tag erlebt er in der Schule eine Welt, in die er nicht hineinpasst: Jungs, die stark sein müssen und Schwächere schikanieren, Klassenkameradinnen, die Homosexuelle eklig und unnatürlich finden und glauben, dass man sich bewusst dafür entscheidet, schwul zu sein, und Lehrerinnen, die die Kinder Panzer aus Knete als Geschenk für ihre Väter basteln lassen.

Eigentlich findet es Miki okay, dass seine Väter keine Panzer mögen, er fühlt sich wohl bei ihnen, liebt sie. Trotzdem sehnt sich Miki nach Normalität und der Unbeschwertheit, mit der scheinbar alle anderen leben. In einem Wutanfall beschimpft er seine Eltern als Schwuchteln. Und als er später merkt, dass auch er selbst Jungs attraktiv findet, wehrt er sich mit aller Kraft dagegen. Er lädt ein Mädchen nach dem anderen ins Kino ein – und macht seine ersten sexuellen Erfahrungen dann doch mit seinem Mitschüler Gleb.

Es ist erschütternd zu lesen, wie sehr sich Miki anschließend selbst hasst, wie vehement er die eigenen Gefühle abwehrt. Er ist sich sicher, dass auch seine Eltern ihn hassen werden, wenn er die homophobe Propaganda bestätigt, dass Kinder vor homosexuellem Einfluss geschützt werden müssten, weil sie sonst ebenfalls homosexuell würden.

Ausweg Emigration

Ob es Miki gelingen wird, sich selbst anzunehmen, bleibt am Ende offen. Den einzigen Ausweg, den Slawa und Lew sehen, ist die Emigration. Denn ein unbeschwertes Leben, wie Miki es sich wünscht, ist für Regenbogenfamilien und generell queere Menschen in Russland kaum möglich.

„Die Lüge“ ist ein berührender und mitreißender Text, dem man allerdings anmerkt, dass er nicht als Roman geplant war, sondern aus Blogeinträgen von Mikita Franko zusammengestellt wurde. Die einzelnen Szenen folgen recht willkürlich aufeinander, und einige Handlungsfäden verlaufen ins Leere – etwas mehr Struktur hätte dem Roman gutgetan. Trotzdem lohnt die Lektüre. Die Figuren, die Franko entwirft, sind interessant und vielschichtig, seine Sprache, deren Leichtigkeit Maria Rajer gekonnt ins Deutsche übertragen hat, ist mitreißend und unterhaltsam.

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