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Michael Brake GeschmackssacheTante Enso, meine Kasse des Vertrauens

Der Kasse des Vertrauens begegnet man im Sommer häufig an Brandenburgs Straßen. Für gewöhnlich steht sie in einem Holzregal neben selbst erzeugten Lebensmitteln: Marmelade, Eier, Gemüse, aktuell sind Zucchinis sehr beliebt. Das Geld dafür wirft man in eine kleine Sparbüchse.

Will man andere Dinge kaufen, wird es schwieriger. Dass Dorfläden sterben, ist Realität. Sie lassen eine Lücke, die „Tante Enso“ füllen will. In Orten, die mindestens 5 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt sind, sucht Enso Unterstützer:innen, die für 100 Euro Genossenschaftsanteile zeichnen. Sind 300 Leute beisammen, wird ein Markt eröffnet.

In wenigen Jahren hat man es so auf deutschlandweit 80 Filialen gebracht. Eine davon steht in Wustrau im Nordwesten Brandenburgs, nicht weit von dem Haus, in dem ich seit Kurzem häufiger bin. Die Angebotspalette ist ordentlich breit, es gibt halt nicht von allem 20 Varianten, doch sie reicht von glutenfreier Bio-Falafel bis zu Deutschland-Deko-Fähnchen, vom Fitnessproteinpulver bis zur Tageszeitung. Nur bei Obst, Gemüse, Frischfleisch sieht es etwas schmal aus. Sweet ist dafür eine Tafel, auf der die Kun­d:in­nen Wünsche äußern können, was zukünftig verkauft werden soll.

So weit, so dorfladig. Der Clou an Tante Enso ist aber, dass die Filialen zwar selten mit Personal besetzt sind, aber dennoch rund um die Uhr zugänglich. Man braucht nur eine Chipkarte, die man auch ohne Genossenschaftsanteil bekommt, und dann kann man um 3 Uhr nachts allein in den Supermarkt gehen und sich alles nehmen, bezahlt wird per Self-Check-out. Die Kasse des Vertrauens, da ist sie wieder. Okay – und diverse Überwachungskameras.

Bei meinem ersten Besuch bei Tante Enso, zu den regulären Öffnungszeiten, gab es kein frisches Brot. Das kommt nämlich vom Bäcker nebenan und der hat montags Ruhetag. Dafür bekam ich die Nischenzutat Vanilleschote für einen geplanten Kuchen. Beim zweiten Besuch, diesmal an einem Abend, funktionierte das mit der Zugangskarte nicht, und ich musste hektisch weiter in die nächste Stadt mit „echtem“ Supermarkt fahren. Auf dem Rückweg versuchte ich es noch einmal, mit mehr Ruhe, und verstand, warum es erst nicht geklappt hatte. Ich kaufte noch Aprikosen.

Michael Brake blickt jeden Monat auf neue und alte Trends in Restaurants, Küchen und Supermarkt­regalen.

Das sind Startschwierigkeiten, aber ja nicht schlimm. Und ich hoffe so sehr, dass auch nix Schlimmes kommt. Dass kein fieser Skandal aufgedeckt wird, keine Mit­ar­bei­te­r:in­nen ausgebeutet werden, kein Datenschutzshizzle passiert. Dass eine toll und weltverbessernd klingende Idee einfach mal genau das ist: toll und weltverbessernd. Weil ich dran glauben will, habe ich mir sogar einen Genossenschaftsanteil geholt. Es sind meine 100 Euro Vorschuss in die Kasse des Vertrauens.

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