: Meisterinnen der Miniatur
Unsere Autorin hat einen Vorsatz: Jeden Tag mit der Lektüre einer kleinen Geschichte beginnen. Auf ihrem Nachttisch liegen die Bücher von Anita Daniel, Natalia Ginzburg, Clarice Lispector. Wer sind diese Frauen?
Von Luciana Ferrando
Natalia trägt kaputte Schuhe. Und auch die Schuhe ihrer Freundin, mit der sie in Rom wohnt, sind kaputt. Anita fragt sich, warum der Prinz von Wales so traurig ist – und dann auch, warum er es nicht sein sollte. Schöner Prinz zu sein, sei nicht einfach, meint sie. Clarice wiederum stiehlt Rosen aus den Reichen-Villen ihrer Nachbarschaft in Recife, Brasilien. „Wer noch nie gestohlen hat, wird mich nicht verstehen, und wer noch nie Rosen gestohlen hat, ganz sicher nicht. Als Kind habe ich Rosen gestohlen“, schreibt sie.
Etwas anderes, das Clarice als Kind jeden Tag macht: Sie badet vor Sonnenaufgang im Meer. Die ganze Familie ist dabei, sie nehmen die Tram um 4.30 Uhr. Auf dem Rückweg leckt Clarice ihren Arm, er schmeckt nach Salz und Jod. Nie wieder wird sie so glücklich sein, wird sie eines Tages schreiben.
Auch ich habe ein morgendliches Ritual. Gegen 7 Uhr koche ich Kaffee, gehe mit der Tasse zurück unter die vielen Decken, unter denen ich Sommer wie Winter schlafe, lege das Handy mit dem Display nach unten auf den Nachttisch, als läge es dort zur Buße. Dann nehme ich eines der drei Bücher auf meinem Nachttisch und lese ein Stück – eine kurze Erzählung, eine Miniatur.
Das hatte ich mir vorgenommen: Jeden Tag mit einer Geschichte zu beginnen. Mit der Spitze meines Zeigefingers war ich über die Buchrücken im Regal gefahren und fand sie so wieder: drei meiner liebsten Autorinnen, drei Vorbilder. Die Bücher: „Die kleinen Tugenden“ von Natalia Ginzburg, „Mondän ist nicht mehr modern“ von Anita Daniel und die spanische Ausgabe von „Aprendiendo a vivir“ („Leben lernen“) von Clarice Lispector.
Von Anita lass ich mich heute überzeugen, dass Taschen „erfreuliche Dinge sind“, denn „sie bieten einen praktischen Vorwand für etwas Hübsches“. Aber was ich von ihr vor allem bekomme, ist die Bestätigung, dass alles – selbst das Kleinste und Alltäglichste wie eben eine Handtasche – ein Thema sein kann, ein Thema ist, über das man schreiben kann. Was sie von tätowierten Männern hält, wie sie noch einen Winter aushalten kann, nichts ist banal, nichts ist uninteressant, auch jetzt nicht, Jahrzehnte nach ihrem Tod.
Natalia wiederum gestand mir gestern, dass sie gerne eine Leidenschaft für Musik hätte. „Wenn ich die Musik geliebt hätte, hätte ich sie mit Leidenschaft geliebt, aber ich verstehe sie nicht.“
Und noch vor zwei Tagen entdeckte Clarice die Unendlichkeit dank des ersten Kaugummis ihres Lebens, den ihr ihre große Schwester gab und für den sie Geld gespart hatte. „Pass auf, dass du ihn nicht verlierst, denn dieses Karamell geht nie zu Ende. Es hält ein Leben lang.“
Nach dem Lesen und bevor ich das Haus verlasse, sehe ich den noch unausgepackten Koffer von meiner letzten Reise im Zimmer stehen und überlege, etwas über unausgepackte Koffer zu schreiben. So wie Anita sich fragt „Soll man Briefe zerreißen?“, würde ich mich im Text fragen, ob man unausgepackte Koffer tatsächlich irgendwann auspacken muss. Draußen vor der Tür reihen sich kleine Wodkaflaschen und ich frage mich, ob das Müll, ein Kunstwerk oder ein Witz von den Krähen ist, die gerade Sachen hin und her transportieren und irgendwo deponieren.
„Danke Natalia! Danke Anita! Danke Clarice!“, denke ich dann.
Alle drei waren Meisterinnen der alltäglichen Beobachtung. Sie dokumentierten ihr Leben und konnten sowohl über ihre Friseure schreiben als auch spürbar machen, wie schwierig es war, Frau und Schriftstellerin zugleich zu sein. Sie waren Ehefrauen und Mütter. Sie wurden weltweit als große Stimmen der Literatur anerkannt und bereisten die Welt. Ihren Beruf liebten sie mehr als alles andere. So schrieb es Natalia: „Mein Beruf ist es, Geschichten zu schreiben, erfundene Dinge oder Dinge, an die ich mich aus meinem Leben erinnere, aber in jedem Fall hat das nichts mit Kultur zu tun, sondern nur mit Erinnerung und Fantasie. Das ist mein Beruf, und ich werde ihn bis zu meinem Tod ausüben.“
So wie die kleinen Freuden des Alltags kannten alle drei Autorinnen auch das große Leiden. Sie erlebten direkt oder indirekt antisemitische und faschistische Gewalt. Sie mussten fliehen und verloren geliebte Menschen.
Anita Daniel ging 1933 in die Schweiz ins Exil und 1939 nach New York. In einem Bild aus 1934 lacht sie elegant gekleidet in die Kamera, ist motorisiert in den Bergen unterwegs. Geboren wurde sie um die Jahrhundertwende in Rumänien. In Berlin schrieb sie für den Ullstein-Verlag und feierte 1925 erste Erfolge in Die Dame, einem der einflussreichsten Magazine der Weimarer Republik. Ihre Feuilletons über „die moderne Frau“ zeichnete sie nur mit ihrem Vornamen – so wie viele, die der Bohème angehörten. Auch in New York schrieb sie für Zeitungen und Zeitschriften, darunter die Vogue und das jüdische Monatsmagazin Aufbau. 1978 starb sie dort.
Bereits ein Jahr zuvor war Clarice Lispector in Rio de Janeiro an Krebs gestorben – am Tag vor ihrem 57. Geburtstag. 1920 wurde sie in der Ukraine geboren, als sie noch ein Baby war, floh ihre Familie vor antisemitischen Pogromen nach Brasilien. 1944 veröffentlichte sie „Nahe dem wilden Herzen“, ihren Debütroman, der zur Sensation wurde. Clarice schrieb bis spät in die Nacht, rauchte viel und nahm Schlaftabletten. Eines Tages schlief sie mit einer Zigarette in der Hand ein. Das Haus brannte, sie versuchte, ihre Manuskripte aus den Flammen zu retten, und verlor beinahe ihre rechte Hand.
Natalia Ginzburg wurde 1916 geboren, sie lebte ihr Leben lang in Italien. Als Jugendliche hatte sie die Verfolgung ihrer Brüder und ihres Vaters, die Mussolini-Gegner waren, miterlebt. 1943 wurde ihr Mann Leone Ginzburg von Gestapo-Soldaten in einem römischen Gefängnis ermordet.
„Angesichts des Schreckens seines einsamen Todes, angesichts der quälenden Entscheidungen, die ihm vorausgingen, frage ich mich, ob das wirklich uns geschah, uns, die wir Orangen im Laden von Girò kauften und durch den Schnee spazierten“, schrieb sie über das Familienleben in den Abruzzen, wohin sie verbannt worden war.
Obwohl sie nur das Schreiben genoss, musste Natalia nach dem Krieg auch als Lektorin und Übersetzerin für den Verlag arbeiten, der von ihrem Mann mitgegründet worden war, um ihre Kinder zu versorgen. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1991 verabschiedete sie sich von ihrem Urenkel: „Das ist das Leben, nicht die Bücher“, sagte sie ihm.
Während Claire und Natalia oft über tragische Ereignisse ihrer Leben schreiben, sucht Anita die Leichtigkeit, das Glück. „Glück haben bedeutet auch: kein Unglück haben. Man vergisst das so oft“, schrieb sie 1942. Und im gleichen Text: „Großes Glück gibt es nur in der Erinnerung und in der Sehnsucht. Wer daneben ein bisschen Glück noch hat, kann sehr zufrieden sein.“
Für mich ist es ein kleines großes Glück, jeden Tag eine Geschichte zu lesen. Warum ich das tue? Nur, um es zu tun. Wie Clarice mit den Rosen. „Und dann rannten wir zwei, die Rose und ich, blass, weit weg von dem Haus. Was tat ich mit der Rose? Nur das: Sie war meine (…) Es war so gut. Es war so gut, dass ich einfach anfing, Rosen zu stehlen.“
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