: Mein Vater war ein Gastarbeiter
Erschreckend wenige Menschen in Deutschland kennen die Geschichte der Gastarbeiter. Dabei haben sie beigetragen zum Aufbau im Nachkriegsdeutschland und nicht zuletzt zum Wohlstand in diesem Land. Über Vergessen und Erinnern.
Von Fatma Sagir↓
Als mein Vater starb, beerdigten wir ihn auf seinen Wunsch in Anatolien. Dort stand ich auf dem Flughafen und flog ohne meinen Vater zurück. Reiste in das Land zurück, in das er gekommen war, in dem er nicht in der Gegenwart, sondern immer in einer Zukunft gelebt hatte. Einer Zukunft, die schließlich für immer in seiner Imagination bleiben musste. Manche Träume realisieren sich nicht. Manche bleiben ungelebt. Mein Vater war ein Gastarbeiter.
Die von den Gastarbeitern angestrebte Rückkehr – nur ein paar Jahre arbeiten, Geld verdienen und dann zurück – war schließlich endgültig mit dem Tod eingetreten. Dieser für mich bis dahin unbekannte Schmerz des Verlustes brachte anderen Kummer mit, andere, neue Erkenntnisse. Ich wurde wieder ein Gastarbeiterkind. Von meinem Vater war keine Spur mehr in Deutschland. Niemand erinnerte sich an ihn. An die Gastarbeiter. Selbst im Tod bleiben sie unsichtbar.
Erschreckend wenige Menschen aus der Mitte dieser Gesellschaft kennen die Geschichte der Gastarbeiter, wissen um ihre Leistung, um ihren Beitrag für den Wohlstand, den Aufbau im Nachkriegsdeutschland, der letztlich nicht unerheblich zur Etablierung einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft beigetragen hat.
Rechten und rechtspopulistischen Narrativen zufolge, wie sie etwa in Youtube-Videokommentaren häufig zu finden sind, habe man diese Gastarbeiter, die ab 1955 aus Italien beginnend in die BRD als Arbeitskräfte angeworben wurden, überhaupt nicht gebraucht, Deutschland sei bereits zu diesem Zeitpunkt aufgebaut gewesen. Das ist ein Extrem des Negierens und Unsichtbarmachens dieser Menschen und aus dieser Mentalität heraus erwartbar dazu. Die Gastarbeiter erinnern sich, dass sie in ein Deutschland kamen ohne feste Straßen, ein Deutschland, in dem sie kilometerlang Bahngleise verlegten, am Fließband schraubten, in Nähereien saßen, Teer gossen, Hochöfen reinigten ohne Arbeitsschutz. Oder schlicht gesagt: arbeiteten. Arbeit, ein ganzes Gastarbeiterleben lang. Und nun vergessen?
Dass es bis heute keinen bundesweiten Erinnerungsort gibt oder kollektive, offizielle erinnerungskulturelle Praktiken, die die Gastarbeiter in der Geschichte dieses Landes würdigen, ist für uns Nachfahren untragbar. Zumal in einem Land, das sich der eigenen erinnerungskulturellen Praktiken rühmt.
Eine unsichtbare Arbeitergeschichte in diesem Land
Durch nahezu alle sozialen Milieus und Bildungsschichten kennen Deutsche diese Geschichte und die Geschichten dieser Menschen nicht. Sie wissen nicht, wie wir und unsere Elterngeneration gelebt haben. Sie wissen vielleicht noch etwas davon, dass wir jedes Jahr tausende Kilometer mit dem Auto in die Türkei reisten, aber nicht, woher genau Gastarbeiter aus dem Mittelmeerraum stammten, oder was mit ihnen geschehen ist.
Eine Internetrecherche zum Schlagwort Gastarbeiter ergibt Dutzende schwarz-weiß Fotos von jungen Männern, gelegentlich auch Frauen, im Anzug mit Koffern in der Hand, sich drängend an deutschen Bahnhöfen. Niemand scheint sich zu fragen, wo diese Menschen nun sind. Der Begriff des Gastarbeiters wird heute, wenn überhaupt, ikonenhaft verwendet. Ich verwende Gastarbeiter als Arbeitsbegriff, der Männer und Frauen vereinnahmt und stellvertretend für die Jahrzehnte des Aufbaues nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Der aber auch eine unsichtbare Arbeitergeschichte in diesem Land symbolisiert.
Viele erinnerungskulturelle Ansätze in Ausstellungen oder Dokumentationen, wie etwa in diesem Bericht des „Spiegel“ zur aktuellen Fotoausstellung im Ruhr Museum Essen, werden noch einer heute veraltet wirkenden Rahmung der „Fremden Heimat“ und innerhalb des ebenfalls nicht nur überholten, sondern auch fragwürden Paradigmas der „Integration“ verortet. In all dieser Erinnerung sind die Deutschen abwesend. Die Gastarbeiter seltsam ortlos.
Doch Erinnerung bedeutet Anerkennung, wie ich an verschiedenen Stellen bereits geschrieben habe, wie etwa in meinem Buch „Alphabet der Sehnsucht. Texte zum Vergessen“ (Edition SchreibStimme Zürich, Herbst 2021) oder in meinem Essay unter dem Titel „Erinnerung bedeutet Anerkennung“ für das deutsch-türkische Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung, der diesen Sommer auf Deutsch und Türkisch erscheinen wird.
Im 60. Jahr des Anwerbeabkommens, das sich am 30. Oktober 2021 nähert, fordern die Nachfahren dieser Gastarbeiter die Erinnerung an ihre Eltern und Großeltern, und damit auch die Anerkennung nicht nur ihrer Leistungen, sondern die gesellschaftliche und politische Anerkennung der eigenen Generation. Erinnerungskultur ist in diesem Land hochpolitisch. Doch neben den Ausstellungen, Filmen, Dokumentationen und Texten, die häufig auf Initiative der Nachfahren erst entstehen, herrscht eine ohrenbetäubende Stille in der Republik, was die Erinnerung an die Gastarbeiter angeht.
Ein Beispiel für den Umgang der sogenannten Mitte mit dem Thema ist der Film „Gleis 11“ (Cocktailfilms 2020) des Kölner Regisseurs Cağdaş Eren Yüksel, der die Geschichte seiner Großeltern und anderer Gastarbeiter filmisch darstellt. Diesen Film, so der Regisseur, lehnten die öffentlich-rechtlichen Sender (etwa WDR und ZDF) mit der Begründung ab, das Thema sei „nicht relevant genug.“ Der Regisseur organisierte daraufhin Crowdfunding und Social-Media-Kampagnen, sodass der Film nun bundesweit auf Kino-Tournee geht.
Gurbet heißt Entwurzelung, Sehnsucht und Einsamkeit
Gurbet, so nennen türkischsprachige Gastarbeiter diese Arbeitsmigration. Ein Wort, das fast unübersetzbar ist, so wie Heimat im Deutschen. Es umfasst die Trennung, Sehnsucht, Entfremdung, Entwurzelung, Zerrissenheit und Einsamkeit der Menschen, die sich meist aus ökonomischen Gründen aus dem armen Süden Europas auf den Weg machten. Als ich einmal als Wissenschaftlerin in der Türkei arbeitete, sprachen mich viele türkische Kolleginnen und Kollegen an: Wie lange bist du schon in Gurbet? Über diese Frage war ich erstaunt, da ich diesen Begriff nur für meine Eltern und Großelterngeneration kannte. Doch für diese Personen, die alle eine Gurbetgeschichte erzählen konnten von Verwandten, die nach Almanya gegangen waren, waren wir alle offenbar immer in Gurbet. Für sie war es immer Trennung, was für uns, zumindest uns in der dritten Generation, nur Leben war.
Nicht alle Gastarbeiter kamen aus wirtschaftlichen Gründen, manche taten es aus Abenteuerlust. Nicht alle entstammten dem bäuerlichen Milieu Anatoliens, manche verfügten über hohe Bildungsabschlüsse. Der Eine oder Andere gehörte zur bürgerlichen Oberschicht, obwohl die große Mehrheit der Armut zu entrinnen suchte. Die Zusammensetzung war sozial, weltanschaulich, religiös, politisch, sprachlich und kulturell heterogen. Doch in der medialen und politischen Darstellung waren Gastarbeiter nur eine homogene Masse: die Italiener, die Türken, die Griechen.
Apropos Griechen: Selbst Kollegen, die in der Schlagerforschung arbeiten, und viele Freunde musste ich darauf aufmerksam machen, dass das Lied „Griechischer Wein“ (1974) von Udo Jürgens kein Schunkellied ist, sondern die bittere Realität von hunderttausenden Menschen in Deutschland erzählt. Das ist, so denke ich, ein weiteres Beispiel für diese Unkenntnis der Gastarbeiterrealität. Wann immer dieses Lied, und besonders diese Zeile „in dieser Stadt werde ich immer nur ein Fremder sein, und allein“, auf Studentenpartys lief, ging ich aufs Klo, um zu weinen. Währendessen hielten sich die anderen bierselig in den Armen und grölten laut den Refrain mit.
Heute, im 60. Jahr des Anwerbeabkommens mit der Türkei, sind viele dieser Gastarbeiter bereits tot. Wie mir ein junger Mann aus der vierten Generation einmal nach einer Lesung sagte: „Wenn die Arbeit endet, endet das Leben“. Andere leben zufrieden als Großeltern und Rentner, reisen häufig noch zwischen der „Heimat“ und Deutschland hin und her.
Wir, die Nachfahren, leben grundsätzlich andere Leben. In der dritten Generation hat es einen Milieuwechsel gegeben, einen „Schichtaufstieg“. Nahezu alle unsere Vorstellungen vom Leben sind anders als die unserer Eltern und Großeltern. Die Gesellschaft und Politik politisiert das oft gerne in einer verkürzten Erzählung von der Integrationsverweigerung. Die Geschichte dieser Gastarbeiter muss erzählt werden, muss in der Mitte gekannt und, um einmal ein altmodisches Wort zu verwenden, geehrt werden.
Gastarbeiter gehören zur Geschichte Deutschlands
Die nunmehr dritte und vierte Generation folgt nicht dem Beispiel der Eltern, die noch sagten „Kopf runter und weitermachen“. Sie sind artikuliert und verlangen gesellschaftliche und politische Anerkennung. Dazu gehört das Integrieren dieser Geschichte in die Historiographie der Bundesrepublik, in das Narrativ Deutschlands, das sich selbst erzählt, bisher unter Ausblendung des Beitrags von hunderttausenden Gastarbeitern.
Ein wenig mag es in diesem Jahr der Pandemie geschuldet sein, dass diese Erinnerung nur schleppend anläuft. Ein wenig sicher auch dem, was wir in diesem Land als erinnerungskulturell erinnernswert erachten. Gewerkschaften, Firmen, Markennamen, die in meinem Gedächtnis wie eine Landkarte der Gastarbeiterbiographien eingebrannt sind, sollten diese Aufgabe ebenfalls übernehmen: Ford, Mercedes, Thyssen, Krupp und Dutzende andere.
Umso mehr freut es mich, dass es in der baden-württembergischen Landeshauptstadt im DGB-Haus eine Fotoausstellung zum Thema gibt. Dass die Kulturanthropologin Ina Hagen-Jeske mit ihren Kollegen einen wunderbaren Band (Zurückgespult, Allitera 2021) mit Zeitzeugenberichten zur Augsburger Stadt- und Migrationsgeschichte und vor allem der Augsburger Kammergarnspinnerei (AKS) herausgegeben hat. Und dass die Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg anlässlich des Anwerbeabkommens ein digitales erinnerungskulturelles Projekt mit poetischen Stadtspaziergängen in Freiburg realisieren konnte. Auch die Social-Media-Plattform Instagram fungiert als erinnerungskulturelles Archiv. Hier veröffentlichen viele Akteure ihre Familiengeschichte mit Fotos, häufig in mehreren Sprachen.
Zahlreiche Initiativen, Publikationen und Dokumentationen, von der dritten Generation umgesetzt, werden diesen 60. Jahrestag begehen, mit großem Stolz und in Dankbarkeit an die Gastarbeitergeneration, um sie vor dem Vergessen zu wahren. Aber auch, um sich gegen die wahrgenommene Missachtung zu wehren und die eigene Geschichte anzunehmen, der Abwertung zu entziehen und sie selbstbestimmt zu erzählen.
Diese Geschichte ist unsere Geschichte, ist die Geschichte dieses Landes.
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