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Mehr rechte Cliquen als Parteien

■ Laut einer repräsentativen Studie sind doppelt so viele Ost- wie Westberliner rechtsextrem/ Der Rechtsradikalismus im Ostteil ist eher subkulturell geprägt/ Rechte Parteien nehmen kaum Einfluß

Berlin. Vorliegende Erkenntnisse über rechtsextreme Einstellungen der Berliner präsentieren in beiden Stadthälften ein unterschiedliches Bild. Laut einer repräsentativen Studie der Freien Universität, die zu Beginn des Jahres veröffentlicht wurde, ist das extrem rechte Einstellungspotential mit 17 Prozent im Ostteil etwa doppelt so hoch wie im Westteil. Dabei nimmt in Ost wie West das rechte Einstellungspotential mit steigendem Alter zu.

Als wesentliche Merkmale von Rechtsextremismus fragte der Politologe Richard Stöss bei seiner Erhebung im Sommer 1990 nach Entfremdung, Nationalismus, Ethnozentrismus und Autoritarismus. Dabei stellte sich das Autoritarismuspotential mit 40 Prozent im Ostteil als zweieinhalbmal so hoch heraus wie im Westteil; das Entfremdungspotential war dreimal so hoch. Der Ostberliner Rechtsextremismus, so Stöss, sei geprägt durch »die autoritären Strukturen des stalinistischen Regimes sowie durch die allgemeine Orientierungslosigkeit«.

Als wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung von Rechtsextremismus stieß der Politologe auf Angst und Unsicherheit. Anfällig seien insbesondere jene, die »im Zuge des sozialen Wandels und der technologischen Modernisierung« auf der Strecke zu bleiben drohten. Besonders hohe Anteile wiesen Arbeiter sowie Arbeitslose, Teil- und Kurzarbeiter auf. Ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein hingegen, so Stöss, stelle eine deutliche Barriere für die Herausbildung extrem rechter Einstellungen dar.

Organisatorisch schlägt sich das rechte Potential in Ost-Berlin allerdings bisher kaum nieder. Während der Rechtsextremismus in den alten Ländern durch zahlreiche Organisationen und Verbände geprägt sei, so Stöss, handle es sich im Osten um eine subkulturelle Bewegung in Gruppen wie Skinheads, Hooligans und Jungfaschos. Der Protest sei spontan, aber in erheblichem Umfang gewaltbereit, fand Stöss heraus. Das heterogene »Cliquen- und Bandenwesen« in Ost-Berlin lehne feste Bindungen an die aus dem Westen oder aus Österreich gesteuerten Organisationen noch weitgehend ab. Auch die Bereitschaft, eine rechtsextreme Partei zu wählen, ist laut der Studie im Westteil etwa siebenmal höher als im Ostteil. Wichtig bei der Suche nach Gegenstrategien ist für Stöss die Unterscheidung zwischen Rassisten und Wohlstandschauvinisten. Während die (ungleich kleinere) Gruppe der Rassisten anderen Völkern wegen angeblicher Minderwertigkeit das Lebensrecht abspreche, empfänden letztere aus Angst, etwas von ihrem Wohlstand abgeben zu müssen, Ausländer als Bedrohung im eigenen Land. Mit einer öffentlichen Diskussion und mit Hilfe der Politik sei es vermutlich möglich, den Wohlstandschauvinismus zu beheben. jgo

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