Medien in Argentinien: „Journalist zu sein macht Angst“

Inmitten von Zensur, Korruption und Machtkämpfen wird es in Argentinien immer schwerer, unabhängigen Journalismus zu betreiben. Journalist Christian Sanz berichtet über seinen Alltag.

Diese Journalisten scheinen ein gutes Verhältnis zu Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zu haben.

Herr Sanz, an welchen Themen arbeiten Sie sich bevorzugt ab?

Christian Sanz: Politik und Drogenhandel.

Wurden sie wegen ihrer Recherche zu diesen oder anderen Themen schon einmal bedroht?

Nicht nur einmal. Von mir sind neun Klagen wegen Bedrohungen bei der Justiz anhängig. Aber nicht nur das: Auch gegen mich wurde und wird prozessiert. Viele Regierungsfunktionäre verklagen mich regelmäßig wegen meiner Veröffentlichungen. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, der am meisten verklagte und angezeigte Journalist Argentiniens zu sein.

Findet in Argentinien Zensur statt?

Ja, absolut. Durch die Regierung und die Eigentümer der Medien selbst. Freilich nicht von allen, aber von der Mehrzahl.

Christian Sanz, 39, geschieden, Vater von drei Kindern lebt in argentinischen Stadt Mendel. Seine Karriere als Journalist begann er vor 15 Jahre beim Radio. Später arbeitete er beim Fernsehen. Sanz ist Autor des Buches „Die Mafia, das Gesetz und die Macht“ in dem er über den Drogenhandel und die Politik in Argentinien schreibt. *** Gegenwärtig ist er Direktor der Internetzeitung „Tribuna de periodistas“ (Tribüne der Jounalisten) und Herausgeber der Tageszeitung „MDZ“, die in Mendoza erscheint.

Seit fast sieben Jahren liegt die Führung Argentiniens in den Händen der Kirchner-Familie. 2003 wurde zunächst Néstor Kirchner zum Staatspräsidenten gewählt. Seine Regierung trug maßgeblich zur Stabilisierung der argentinischen Wirtschaftskrise bei. Noch während der Amtszeit wurden ihm jedoch undemokratische Methoden im Umgang mit der Pressefreiheit vorgeworfen. Im Oktober 2007 löste seine Ehefrau Cristina Fernández de Kirchner ihn im Amt ab.

Wenn Sie eine Landkarte der Zensur für Argentinien erstellen müssten, wo wären die roten Zonen?

Eindeutig in den Provinzen, weniger in der Hauptstadt Buenos Aires. In den Provinzen herrschen die Gouverneure noch immer wie die Caudillos. Die setzen ihre Macht auch heute noch mit Geld oder Gewalt durch.

Wie steht es mit der Pressefreiheit?

Die gibt es nicht. Die Freiheit über Dinge zu schreiben oder zu berichten geht bis zu einem gewissen Punkt, danach gibt es Druck von der Regierung.

Wie ist die Situation der kritischen Journalisten heute?

Niemand kann in Argentinien die Regierung kritisieren, ohne dafür beleidigt oder lächerlich gemacht zu werden. Darin gleicht Argentinien Venezuela. Dazu kommen die Übergriffe, die wir gegenwärtig von den Anhängern der Kirchner-Regierung erleben.

Wie ist das Verhältnis der Kirchners zu den Medien?

Schwarz- Weiß. Sie lieben sie oder sie hassen sie. Grautöne gibt es nicht. Umgekehrt ist es genauso. Die Regierungstreuen liegen ihnen zu Füßen. Die Oppositionellen wollen sie absetzen. Das ist eigentlich nichts Neues, denn als Néstor Kirchner noch Gouverneur der Provinz Santa Cruz war, spielte sich alles auf der Provinzebene ab.

Hat sich die Situation der Journalisten während der Kirchner-Ära verschlechtert?

Ja, absolut. Der Journalismus leidet stark unter dem Druck der Regierung. Sie duldet keine Kritik an ihrer Amtsführung. Dazu kommen zwei neue Phänomene: Zum “Escrache”, dabei wird vor der Wohnung des Journalisten Krach gemacht, um darauf hinzuweisen, dass er hier wohnt. [Anm: Diese Protestform wurde bisher gegen die Militärs der früheren Diktatur angewendet.] Und Journalisten werden ausspioniert, ihre Unterhaltungen werden abgehört und sie werden verfolgt. Heute und hier Journalist zu sein, macht Angst. Und ich sehe noch finstere Zeiten auf uns Pressemenschen zukommen.

Wie lässt sich der argentinische Medienmarkt beschreiben?

Der Markt ist im Wesentlichen zweigeteilt und die Verbreitung der Information konzentriert auf zwei Gruppen. Eine Gruppe mit Sergio Szpolski an der Spitze. Sie steht auf Seiten der Regierung. Die andere ist die Gruppe Clarín. Sie macht gegen die Regierung Front. Das ist der Kampf der Giganten, einer will den anderen niederringen. Ein Gigant mit der Macht des Staates, der andere als einflussreichster Medienriese des Landes. Clarín versucht die Regierung zu kippen. Daneben gibt es noch verschiedene Medien, die aber keine große Rolle spielen.

Wie funktioniert das Geschäft zwischen Politik und Medienmachern?

Es ist recht einfach: Alle Medien brauchen für ihr finanzielles Überleben die bezahlten Anzeigen der Regierung. Deren Quelle dafür scheint unerschöpflich zu sein. Wer nicht spurt, dem wird der Hahn eben abgedreht. Da wird verhandelt, da gibt es Absprachen und die Informationspflicht wird den Interessen geopfert. Das geht eindeutig zu Lasten der Gesellschaft.

Was halten Sie von dem Vorwurf der geschmierten Medien?

Das Ausmaß der Korruption in Argentinien ist horrend. 80 Prozent der Journalisten erhalten unrechtmäßiges Zuwendung. Dafür schreiben sie dann in der Regel nichts über die Vorwürfe gegen bestimmte Personen oder sie veröffentlichen schlichtweg erfundene Sachen.

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