#MeToo-Spielfilm „The Assistant“ auf DVD: „Vorurteile machen mich wütend“

Die Regisseurin Kitty Green spricht über Sexismus in der Filmbranche und #MeToo. Ihr Spielfilmdebüt „The Assistant“ zeigt eine weibliche Perspektive.

Schauspielerin Julia Garner mit einem Stapel Papier in einem Büro. Filmausschnitt aus "The Assistant"

Alltag aus Angst: Jane (Julia Garner) vor dem Büro ihres unsichtbaren Chefs ​ Foto: Ascot Elite

taz: Frau Green, „The Assistant“, der nach seiner Europapremiere auf der Berlinale nun in Deutschland im Heimkino erscheint, handelt von einer jungen Frau, die als Assistentin eines mächtigen Filmproduzenten einen Arbeitsalltag aus Angst und Missbrauch erlebt. Ist dies ein Film über Harvey Weinstein?

Kitty Green: Ja und nein. Natürlich ist mein Film unter dem Eindruck der Enthüllungen über Harvey Weinstein entstanden und von seinem Fall beeinflusst. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die für ihn gearbeitet haben, und vieles, was ich gehört oder auch über ihn gelesen habe, fand seinen Weg in mein Drehbuch. Aber wenn wir „The Assistant“ bloß als Film über die Causa Weinstein sehen, tun wir ihm unrecht. Und zwar nicht nur dem Film, sondern auch der Sache an sich. Denn dann könnte man ja sagen, der Fall ist doch erledigt, Weinstein ist nicht mehr in der Branche tätig, er ist verurteilt, wir können die Sache hinter uns lassen. Doch ich will natürlich auch zeigen, dass das Problem viel größer ist als er. Wir haben es hier mit einem systemischen und kulturell verankerten Problem zu tun, das sich auf der ganzen Welt und in allen Arbeitsumfeldern findet. Es geht um Verhaltensmuster und Mikroaggressionen, um all die Dinge, die Frauen so oft daran hindern, in Machtpositionen aufzusteigen.

Der Boss ist im Film nie zu sehen, man hört nur seine Stimme. Und die klingt tatsächlich ein wenig nach Weinstein …

Darauf hatte ich es gar nicht unbedingt angelegt. Ich muss gestehen, dass mir Weinsteins Stimme auch gar nicht allzu vertraut gewesen ist. Aber als der Schauspieler, den wir als Sprecher engagierten, ins Tonstudio kam, sagte ich ihm, er solle mal eine Art Weinstein-Imitat abliefern, einen mächtigen, übergriffigen Boss. Er meinte, er wüsste genau, was ich will, denn solche Typen hätte er in seiner Karriere millionenfach erlebt. Mir lief es dann kalt den Rücken herunter, als er seine Sätze einsprach. Das war genau, wonach ich suchte, egal ob es nun klang wie Weinstein oder nicht.

„The Assistant“. Regie: Kitty Green. Mit Julia Garner, Matthew Macfadyen u. a. USA 2019,

88 Min.

Stand für Sie von Anfang an fest, dass er im Film eine Stimme bleibt und alle Interaktionen zwischen Ihrer Protagonistin und ihrem Chef auf E-Mails und Telefonate beschränkt bleiben?

Ja, das war für mich immer klar. Ich wollte meinen Film komplett auf die Frau und die weibliche Perspektive beschränken. Es gibt schon so viele Filme und Geschichten über böse Männer, dieser hier sollte nicht noch einer sein, in dem jemand wie er alles dominiert und kein Raum für Frauen bleibt. Aber natürlich musste ich ein Gespür für die Macht vermitteln, die er nicht nur über meine Protagonistin, sondern auch über alle anderen in diesem Betrieb hat. Ich musste genau ausloten, wie viel ich wo von ihm sicht- beziehungsweise hörbar machen musste, damit ganz klar ist, dass er für dieses Klima der Angst und des Schweigens verantwortlich ist.

Viel passiert nicht in „The Assistant“, der Film spielt an einem einzigen Tag. Wir sehen, wie die Protagonistin die buchstäbliche Besetzungscouch putzt, sie muss Termine koordinieren und die wütende Ehefrau des Chefs anlügen, einmal wird sie in der Personalabteilung vorstellig. Warum nicht mehr Plot?

Ich wollte, dass mein Film eine Sammlung schlichter Momente ist. Es sollte eben gerade nicht um schockierende große Vorfälle gehen und auch nicht einfach nur um ein Arschloch als Chef, wie ihn auch Männer erleben. Sondern um die kleinen Details und Mikroaggressionen, in denen Frauen im Arbeitsalltag Misogynie und Sexismus erfahren. Die Banalität und Gewöhnlichkeit des Bösen, wenn Sie so wollen. Meine Protagonistin erlebt ja selbst vieles nur indirekt, doch trotzdem ist das toxische Umfeld schon morgens spürbar, wenn sie ins Büro kommt und die Kaffeemaschine anmacht.

Sie gönnen nicht einmal am Ende Erleichterung oder Erlösung, weder dem Publikum noch Ihrer Protagonistin.

Weil es in diesem System, in diesen Arbeits- und Machtstrukturen, die seit Jahrzehnten existieren, ja auch keine Erlösung gibt. Für die Assistentinnen solcher Chefs gibt es keine Erleichterung, ihr Arbeitsalltag fühlt sich endlos an. Sicherlich ändert sich zum Glück gerade vielerorts zumindest ein bisschen was, nicht zuletzt das Bewusstsein. Trotzdem wollte ich ein Gefühl von Aussichtslosigkeit vermitteln. Es kam für mich auch nicht infrage, zu zeigen, dass diese Frau einfach kündigt. Das hätte sich falsch angefühlt, nach einer zu einfachen Lösung. Denn erstens ist es nicht jedem ohne Weiteres möglich, einen Job aufzugeben. Und zweitens hat man damit noch nicht automatisch sexistische Machtstrukturen hinter sich gelassen.

„The Assistant“ ist Ihr erster Spielfilm, nachdem Sie zuvor rein dokumentarisch gearbeitet haben. Wäre das für die Thematik nicht auch eine Idee gewesen?

Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Aber in diesem Fall war es mir dann doch sehr wichtig, fiktional zu arbeiten, denn ich wollte mich wirklich auf die Details, die Blicke und die kleinen Momente konzentrieren. Das ist, selbst bei geduldigem Beobachten, bei einem Dokumentarfilm nicht immer möglich. Da muss man einfangen, was passiert, und kann nicht zwingend gezielt diesen einen ganz bestimmten Moment mit einer Großaufnahme einfangen. Bei einem Spielfilm hat man mehr Kontrolle über die Spezifitäten, die man zeigen will, das war mir in diesem Fall wichtig.

Hatten Sie den Traum vom Spielfilm schon länger?

Ich habe sogar Spielfilm studiert. Zum Dokumentarfilm kam ich zunächst nur deswegen, weil niemand eine 21-jährige Studienabsolventin einen Spielfilm inszenieren lässt. Aber dokumentarische Jobs, etwa „Behind the scenes“-Aufnahmen, die waren damals zu bekommen. Ich habe also anderer Leute Spielfilme mit der Kamera begleitet und bin so in den Dokumentarfilmbereich gerutscht. Selbst dort hatte ich allerdings zuletzt das Gefühl, mich Film für Film Richtung Spielfilm zurückzuarbeiten. Meine Geschichten wurden zusehends fiktionalisierter, wenn man das so sagen kann.

Kitty Green wurde 1984 im australischen Melbourne geboren, wo sie Film studierte. Ihr Regiedebüt war der Dokumentarfilm „Ukraine Is Not a Brothel“ (2013) über die feministische Femen-Bewegung. Greens Film „Casting JonBenet“ (2017) über den Tod einer Kinder-Schönheitskönigin und dessen popkulturelle Nachwirkungen läuft auf Netflix.

Denken Sie eigentlich auch, dass ein Film wie „The Assistant“ noch vor vier Jahren nicht zu finanzieren gewesen wäre?

Da haben Sie sicherlich recht. Man sagt ja, dass Hollywood nichts mehr liebt als Filme über die Filmbranche, aber dieser hier ist sicher die Ausnahme von der Regel. Selbst nach #MeToo und dem Fall Weinstein war es noch schwer genug, diesen Film auf die Beine zu stellen. Und tatsächlich war es wie zu erwarten so, dass immer die Frauen in den Produktionsfirmen deutlich interessierter an meinem Projekt waren als die Männer. Doch es gibt noch einen anderen Grund dafür, warum „The Assistant“ vor fünf Jahren nicht möglich gewesen wäre.

Nämlich?

Damals hatten wir noch nicht einmal die Sprache, um über Fehlverhalten dieser Art zu sprechen. Gefühlt können wir das, was in meinem Film passiert, überhaupt erst seit Weinstein und #MeToo benennen. Meine Hoffnung ist, dass eine junge Assistentin wie meine Protagonistin heute verstehen würde, was das ist, das sie da am Arbeitsplatz erlebt. Inzwischen gibt es zum Glück Kategorien, mit denen sich so etwas einordnen lässt und die dafür sorgen, dass man so etwas nicht mehr nur als Normalität hinnehmen muss.

Was sagen Sie selbst denn, als in der Filmbranche tätige Frau? Wandelt sich etwas zum Besseren?

Ich denke schon. Und ich hoffe es vor allem, wenn es um tatsächliche Übergriffigkeiten und sexuellen Missbrauch geht. Aber der ganz alltägliche, tief verankerte Sexismus, der verschwindet nicht so schnell. Der begegnet mir, seit ich in diesem Beruf tätig bin, auch heute noch. Als weibliche Regisseur*in muss ich mir immer wieder einen Respekt erarbeiten, der meinen männlichen Kollegen eigentlich automatisch entgegengebracht wird. Jeden, den ich treffe, ob Produzent*innen oder Presse, muss ich erst einmal davon überzeugen, dass ich weiß, was ich tue und wovon ich spreche. Allein diese Sprüche, die immer kommen, wenn mein Gegenüber realisiert, dass er oder sie es mit einer zierlichen jungen blonden Frau zu tun hat. Ich hatte Sie mir ganz anders vorgestellt! Ich dachte, Sie sind älter! Furchtbar. Oder Journalisten, die zum Interview kommen, mich sehen und zur Presseagentin sagen, dass sie statt der angedachten 20 Minuten doch nur 10 brauchen. Weil sie automatisch davon ausgehen, dass ich nichts zu sagen habe. Das habe ich selbst im Kontext von „The Assistant“ wieder erlebt. Solche unbewussten – oder bewussten? – Vorurteile machen mich einfach wütend. Bis heute.

„The Assistant“. Regie: Kitty Green. Mit Julia Garner, Matthew Macfadyen u. a. USA 2019, 88 Min.

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