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Maskottchen bei Olympia 2026Die Kraft der Schönheit und des Schwanzes

Kolumne
von Johannes Kopp

Tina und Milo, die Maskottchen der Winterspiele, beeindrucken durch Vielseitigkeit. Sie verkörpern den olympischen Geist und den Zeitgeist zugleich.

Sie können nicht anders: Den Olympiamaskottchen Tina (l.) und Milo ist das Lächeln angeboren Foto: imago

Z u Beginn dieser Winterspiele in Norditalien empfiehlt es sich, einen genaueren Blick auf die beiden Maskottchen Tina und Milo zu werfen. Denn wie das Internationale Olympische Komitee wissen lässt, haben Maskottchen seit 1968 die Aufgabe, dem olympischen Geist konkrete Gestalt zu geben. Und diesem Geist fühlt sich diese Kolumnenreihe besonders verpflichtet.

Bei der Premiere damals im französischen Grenoble ist das nur leidlich geglückt. „Shuss“, wie die neue Kreation genannt wurde, hatte einen überdimensional großen, runden Kopf, dazu einen sehr länglichen, dünnen Körper ohne Arme. Name und Aussehen führten schnell dazu, dass „Shuss“ in aller Öffentlichkeit als „skifahrendes Spermium“ verspottet wurde. Fairerweise muss erwähnt werden, dass in der IOC-Geschichtsschreibung dieser Shuss noch als inoffizieller Olympiamitarbeiter gelistet wird. Erstes offizielles und dann schnell sehr beliebtes Maskottchen ist der Dackel Waldi, der im Jahr 1972 in München die Welt erblickte. Das „skifahrende Spermium“ kann jedoch zumindest als sein Geburtshelfer bezeichnet werden.

Maskottchen kamen und gingen und wie Shuss wurden sie meist männlich gelesen. Das erste Maskottchenpärchen, Hidy und Howdy, trat 1988 in Calgary auf. Und seit sich das IOC Geschlechterparität auf die Fahnen geschrieben hat, ist natürlich auch die olympische Maskottchenwelt deutlich weiblicher geworden.

Doch wes Geistes Kind sind nun Tina und Milo? So einfach anzusehen ist das den beiden Hermelinen aus 100 Prozent Polyester nicht. Weil die Veranstalter der Olympischen Spiele um diesen Missstand wissen, haben sie den beiden Charaktereigenschaften und Lebensläufe angedichtet.

Ein recht unbeweglicher Geist

Tina, die für die aktuell beginnenden Winterspiele im Großeinsatz ist, so erfährt man auf der Olympia-Website, „liebt Kunst und Musik und glaubt an die Kraft der Schönheit“. Ihr Bruder Milo dagegen, der bei den paralympischen Winterspielen herumwieselt und ohne Pfote geboren wurde, hat gelernt „seinen Schwanz zu nutzen und seine Besonderheit in eine echte Stärke zu verwandeln“.

Die Kraft der Schönheit auf der einen Seite und die Kraft des Schwanzes auf der anderen. Der olympische Geist von Mailand und Cortina d'Ampezzo hinterlässt vorab einen nicht sonderlich beweglichen Eindruck. Aber diese Stofftiere müssen ja auch möglichst zahlreich verkauft werden.

Und auf ihren Schultern lastet zudem eine weitere Aufgabe. „Sie stehen für einen zeitgemäßen, lebendigen und dynamischen italienischen Geist“, heißt es ebenfalls auf der Olympia-Website.

Ausnahmsweise könnte das einmal zu bescheiden formuliert sein. Es ist gut möglich, dass Milo und Tina den Zeitgeist verkörpern. Und den stalkt der olympische Geist bekanntermaßen schon lange.

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taz-Sportredakteur
Jahrgang 1971, bis Ende März 2014 frei journalistisch tätig. Seither fest mit dem Leibesübungen-Ressort verbunden.
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