Markus Meckel (SPD) verlässt den Bundestag: Im Abgang wütend

Im Herbst 1989 gründete Markus Meckel die SPD im Osten. Jetzt packt er Kisten. Er hat seinen Bundestagswahlkreis verloren. Gegen eine von der Linken

Die guten alten Zeiten: Markus Meckel, Wolfgang Thierse und Willy Brandt im Sommer 1990 Bild: ap

Das Willy Brandt-Buch? Geht in die Kiste mit der Innenpolitik. Der Slowenien-Bildband? In die Osteuropa-Kiste. Die roten Enquete-Akten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stehen noch im Regal. Sie werden verschenkt.

Markus Meckel, der letzte Außenminister der DDR, geht durch sein Bundestagsbüro und packt. 20 Jahre nach dem Mauerfall verstaut er seine Karriere in Umzugskisten. "Ein bisschen von dem, was mich an die Tage vor 20 Jahren erinnert, werde ich schon behalten", sagt er. Aber das meiste packt der 57-Jährige nicht für sich ein. Schon seit den frühen 90er-Jahren hat Meckel einen Vertrag mit der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Für den Fall, der jetzt eintritt, hat er sich einen geordneten Rückzug gewünscht, kein Wegschmeißen der Vergangenheit. Die Bücher, Fotos, Akten und Dokumente, die Meckel in die Umzugskisten legt, wandern ins Ebert-Archiv. Wer so packt, weiß, dass es aus ist.

Nach 19 Jahren im Bundestag endet Meckels politische Karriere. Er hat sein Direktmandat verloren gegen Sabine Stüber, Kandidatin der Linkspartei, die zum ersten Mal angetreten ist in seinem Wahlkreis in der Uckermark.

"Ich hatte mich daran gewöhnt, meinen Wahlkreis zu gewinnen", sagt Meckel. "Die Stimmung auf der Straße war auch diesmal nicht schlecht." Selbst als er im Willy-Brandt-Haus die ersten Prognosen hörte, wonach die SPD unter das Niveau einer Volkspartei gefallen war, glaubte er noch, dass es so kommen würde wie jedes Mal seit der Wende: Er würde gewinnen. Verloren hatte er ein Direktmandat noch nie. Wer als Sozialdemokrat zu Kohl-Zeiten siegt, schafft das auch jetzt. Als die Stimmen im Wahlkreis ausgezählt waren, fehlten Meckel 5 Prozentpunkte.

Seiner Partei ist in den letzten zehn Jahren die Hälfte der Wähler weggelaufen. Wenn das für einen gewöhnlichen Abgeordneten hart ist, was bedeutet es dann für Meckel, der sich die schlichte Existenz der Sozialdemokratie erkämpfen musste?

Um die Wucht der Niederlage zu verstehen, muss man in seine Vergangenheit gehen, in die Nacht des 7. Oktober 1989, auf einen Bahnsteig am S-Bahnhof Warschauer Straße. Meckel war damals evangelischer Pfarrer und Oppositioneller, seine Stasiakte war dick und sein Wille, der SED zu schaden, groß. Er traf sich mit dem befreundeten Pfarrer Martin Gutzeit auf dem Bahnsteig, um zum Pfarrhaus des brandenburgischen Dorfs Schwante zu fahren. Die Nacht ging in die Geschichte ein: Meckel und Gutzeit versammelten dort 40 Oppositionelle und gründeten die SDP, die Ost-SPD. Nur fünf Monate später regierte die Partei das Land. Nach der ersten und gleichzeitig letzten freien Wahl in der DDR bildete sie zusammen mit der Blockpartei CDU eine große Koalition. Meckel wurde Außenminister. Er gehört zu den Vätern der SPD im Osten. Jetzt, zwanzig Jahre später, geht sein Kind ein.

Den freundlich lächelnden Meckel von den Wahlplakaten gibt es nicht mehr. Der Meckel, der im Bundestagsbüro die Kisten packt, ist ein anderer. Er wirkt älter, sein Haar noch weißer, er sieht müde aus. Er hat eine Niederlage erlitten, die sein Leben verändern wird. Doch auf wen darf er wütend sein? Wenn jemand rausgeschmissen wird aus einer Firma, ist die Frage einfacher zu beantworten: Der Chef ist schuld, der Verlag, der Vorstand. Bei Verlust eines Mandats liegt die Sache komplizierter. Es könnten die Wähler sein, die Partei. Oder auch man selbst. "Mein Verarbeitungsprozess sucht nicht die Schuldfrage", sagt Meckel. Es sind die Worte eines Pfarrers. Doch er spricht sie mit einer Stimme, die Wut verrät.

"Meine bundespolitische Tätigkeit wurde im Wahlkreis kaum wahrgenommen", sagt Meckel. Die Lokalpresse interessiere sich nicht dafür. Das, was er mache, stehe in überregionalen Zeitungen, die in der Uckermark kaum jemand lese. Meckels Blick richtete sich zwei Jahrzehnte lang auf die Außenpolitik. Er traf den Dalai Lama, um über Tibet zu sprechen, setzte sich ein für die Osterweiterung der Nato und wurde Vorsitzender der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe. "Keiner im Bundestag kennt Polen wie ich", sagt er. "Und dann kommt eine Kandidatin der Linken, völlig unbekannt, und fordert: Raus aus Afghanistan! Was soll ich da machen?"

Auf die Linkspartei wütend zu sein fällt Meckel nicht schwer. Vielleicht ist es nirgends so einfach, die Linken als Nachfolgepartei der SED zu sehen, wie in Brandenburg. Sein Direktmandat muss er an eine Politikerin abgeben, die Anfang der 80er-Jahre der SED beigetreten ist. Wenn Meckel morgens die Zeitung aufschlägt, liest er, dass Kerstin Kaiser, Fraktionschefin der Linken im Brandenburger Landtag, als "IM Kathrin" Kommilitonen denunzierte.

"Sollte sich die SPD den idiotischen Positionen der Linkspartei öffnen, wäre das selbstmörderisch", sagt Meckel. Mit einem Abgeordneten wie ihm verliert die SPD ihren natürlichen Widerstand gegen die Linke. Oder sie gewinnt Flexibilität, wie mans nimmt. Im künftigen Bundestag werden noch drei Abgeordnete sitzen, die früher einmal in der Ost-SPD waren. Es sind ostdeutsche Politiker, die schon vor der Wende parlamentarische Demokratie erlebten. Einer von ihnen ist der Vizepräsident des Bundestages, Wolfgang Thierse. Er kennt Meckel seit 1990.

Der jähe Absturz

"Es muss sich für Meckel anfühlen wie ein jäher Absturz, eine tiefe persönliche Verletzung", sagt Thierse. Er sitzt auf einem Sofa in seinem Bundestagsbüro im Jakob-Kaiser-Haus und trägt eine rote Krawatte. Sein Direktmandat hat auch er verloren, gegen einen Linke-Kandidaten. Im Bundestag bleibt er trotzdem, sein Landeslistenplatz war hoch genug. "Ich hatte, als ich Montagmorgen die Ergebnisse sah, das wahnwitzige Gefühl, die DDR kommt wieder", sagt Thierse. Mit Meckel gesprochen hat er seit der Niederlage nicht. Nur kurz gesehen haben sie sich auf einer Veranstaltung anlässlich des Mauerfall-Jubiläums.

Thierse sagt, Meckel sei ein selbstbewusster, systematisch denkender Mensch. Die Erfahrungen, die er in der DDR-Zeit gemacht habe mit prekären, unsicheren Situationen, würden ihm dabei helfen, mit seiner Niederlage fertig zu werden. "Er schafft das." Über Thierses Kopf hängt ein Willy-Brandt-Porträt. Andy Warhol hat es gemalt. Es ist ein Original. Thierse veranlasste den Kauf, als er noch Bundespräsident war. Es blieb hängen in seinem Büro. Wie lange noch, ist nicht klar, denn dass die SPD weiterhin zwei stellvertretende Bundestagspräsidenten stellen darf, ist unwahrscheinlich.

In Meckels Büro hängt außer einem Plakat, auf dem der "Stammbaum der deutschen Geschichte" aufgezeichnet ist, nichts mehr. Er hat noch ein paar Termine. Er soll als Zeitzeuge der Wende bei Podiumsdiskussionen sprechen, in den USA, in Polen. Was danach kommt, weiß Meckel nicht: "Erst mal räume ich mein Büro aus." Bis Ende Oktober will er sich dafür Zeit nehmen. Seine Pension wird hoch ausfallen, für jedes Jahr im Bundestag bekommt er ein Übergangsgeld von 7.668 Euro. Maximal werden einem Abgeordneten 18 Jahre angerechnet. Meckel war 19 Jahre im Bundestag. Er hat die Grenze überschritten.

"Ich werde den Einfluss vermissen, den ich als Parlamentarier hatte", sagt Meckel. Er blickt aus dem Fenster neben seinem Schreibtisch auf die ehemalige amerikanische Botschaft. Er hat gekämpft für diesen Blick. Hinter ihm stehen die Kisten.

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