: Mann in der Synagoge
Santiago Kovadloff
Mann in der Synagoge
Oft kam ich auf der Suche nach Trost hierher,
als ich eine Frau liebte, die mich nicht wollte.
Und als ich denen, die mir zugehört hatten,
nicht mehr zuhörte, und die verletzte,
die mich geliebt hatten, kam ich
hierher
auf der Suche nach Vergebung.
Eines Tages zerbrach der letzte
Spiegel,
mein Leben wurde eine gestaltlose Last
und ich kehrte hierher zurück
auf der Suche nach Gott.
Gott schwieg wie immer,
und so entdeckte ich die Synagoge:
ihre festen Mauern,
die gütige Stille,
den frischen Frieden dieses Raumes im Sommer,
und ich ging nicht mehr hin.
Draußen drängt die Ungnade zum Glauben
und der Glaube in die Leere.
Hier drinnen ist die Abwesenheit Gottes kaum wichtig.
Argentinischer Philosoph, Essayist, Dichter, geb. 1942 in Buenos Aires. Kovadloff ist in der dritten Generation Argentinier ukrainisch-jüdischer Herkunft.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen