Mangelware: Lesepaten mit Migrationshintergrund: Ein neues Kapitel aufschlagen

Lesepaten helfen bei der Verbesserung der Lesekompetenz von Schülern. Nur wenige haben Migrationshintergrund - im Gegensatz zu den Kindern, die sie betreuen.

Bücher: Da kann man ja heute gar nicht mehr früh genug mit anfangen... Bild: AP

"Deeer Iiigeel frisst … einen Aaapfel." Erleichtert lehnt sich die sechsjährige Shirin mit hochroten Wangen auf ihrem Stuhl zurück. Banu Macar lächelt kurz, dann geht es weiter im Text. Shirin und ihre Mitschüler lesen jeden Dienstagvormittag mit der 32-jährigen Fremdsprachenkorrespondentin. Seit September vergangenen Jahres ist sie an der Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule als ehrenamtliche Lesepatin tätig. Ihr Arbeitgeber, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, stellt sie dafür eine Stunde frei. In dieser Zeit übt sie jeden Dienstag mit einer kleinen Gruppe von Erst- und Zweitklässlern Lesen und Textverständnis.

Auf Türkisch fragt Shirin die Lesepatin flüsternd, ob sie auf ihren Schoß darf. Banu Macar erwartet gerade selbst ihr erstes Kind und kann deshalb der kleinen Shirin den Wunsch nicht ausschlagen. "Otur tabii - klar, setz dich", flüstert sie leise zurück. Nicht viele Lesepaten in Berlin können der Mehrsprachigkeit der Kinder so begegnen. Selbst an dieser Kreuzberger Grundschule, an der es 16 Lesepaten gibt, bezeichnen nur zwei von ihnen Deutsch und Türkisch als Muttersprachen.

"Es gibt mehr als 1.900 Lesepaten - doch diejenigen mit Migrationshintergrund machen nur einen Bruchteil davon aus", sagt Sybille Volkholz und seufzt. Sie ist Projektleiterin des "Bürgernetzwerks Bildung", das vom "Verband der Berliner Kaufleute und Industriellen" finanziell unterstützt wird. Seit fünf Jahren ist das Projekt in den Berliner Innenstadtbezirken präsent. Die Anzahl der Paten ist mit jedem Jahr gestiegen. Nur die Zahl derjenigen, die Türkisch oder Arabisch als Zweitsprache mitbringen, ist konstant "im unteren zweistelligen Bereich" geblieben, so Volkholz. Zwar habe sie schon verschiedene türkische und arabische Vereine um Mithilfe gebeten, es sei aber bei Lippenbekenntnissen und einzelnen Verweisen in den Newslettern der Vereine geblieben, so ihre Klage.

Der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, hat den Mangel an bikulturellen Lesepaten schon vor vier Jahren als Problem erkannt und mit dem türkischen Frauenverein Betak gezielt um zweisprachige Lesepatinnen geworben. Auch er kennt die Schwierigkeiten, Migranten als freiwillige Lesepaten zu gewinnen. "Zielgerichteter akquirieren", lautet seine knappe Aussage zu den bisherigen Bemühungen des "Bürgernetzwerks Bildung". Das Thema "Lesepatenschaft" müsse immer wieder in die Medien, vor allem in die türkischsprachige lokale Presse, um über dieses Ehrenamt aufzuklären. "Es gibt keine Tradition des Bücherlesens in der türkischen Community. Gut ausgebildete Migranten können als Lesepaten eine Vorreiterfunktion übernehmen, wenn die Kinder Lesen als Zeitvertreib in ihrem Umfeld nicht kennen", so Mutlu.

Das würde auch Sybille Volkholz ohne Bedenken unterschreiben. Ihr Traum-Lesepate ist "jung, männlich und arabischsprachig". Darüber kann die Leiterin des arabischen Frauenvereins "Al-Dar", Renée Abul-Ella, nur herzhaft lachen. "Die haben andere Probleme oder arbeiten. Da hat man doch keine Zeit übrig für ein Ehrenamt", meint sie. Sie findet Lesepaten ohne Migrationshintergrund ohnehin viel besser: Hier sei gewährleistet, dass den Kindern fehlerfreies Deutsch vermittelt werde. Viele Eltern, die kaum schulisch gebildet oder gar Analphabeten sind, würden einem arabischsprachigen Lesepaten deshalb eher Misstrauen entgegenbringen. Deshalb bemüht sich Abul-Ella, deutschen Lesepaten die arabische Community näher zu bringen. An der Freien Universität Berlin bietet sie Weiterbildungskurse für die Lesepatinnen an. "Unsere Community ist sehr verschlossen", gibt sie zu bedenken, "deshalb muss ich um Verständnis bei den deutschen Lesepaten werben."

Nalan Arkat von der Türkischen Gemeinde Deutschland sieht das anders. "Die Kinder profitieren von der gelebten Zweisprachigkeit eines erfolgreichen Lesepaten", sagt sie entschieden. Arkat ist Koordinatorin der "Interkulturellen Freiwilligenagentur". Diese gründete sich am 1. Februar unter dem Dach der Türkischen Gemeinde und der Bagfa - der Interessengemeinschaft der Freiwilligenagenturen in Deutschland. Nalan Arkat hat sich vor allem die Gewinnung von Lesepaten mit Migrationshintergrund auf die Fahne geschrieben. "100 Lesepaten in diesem Jahr" sei ihr Ziel.

Ihre Erwartungen an die Lesepaten sind hoch: "Ein gutes Vorbild in jeglicher Hinsicht" sollen diese sein. Die Kinder sollen die deutsche Sprache auf einem hohen Niveau erleben und emotional in der Familiensprache abgeholt werden: "Das schaffen nur bikulturelle Lesepaten", so Arkat.

Aus ihrer eigenen Erfahrung kann Lesepatin Banu Macar dem nur beipflichten. Für sie ist es "ein kleiner zeitlicher Aufwand mit großer Wirkung". Sie liest gern auf Deutsch, unterhält sich aber auch auf Türkisch mit den Kindern, wenn sie das möchten. "Uns verbindet, dass meine Eltern auch keine Bücherwand im Wohnzimmer hatten und ich trotzdem meine gesamte Freizeit in der Schulbücherei verbrachte", erzählt Macar. "Mir eröffnete das Lesen neue Welten - das will ich weitergeben."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de