Malerin aus Kuwait über Provokation

„Es wird zu viel geheuchelt“

Die Malerin Shurooq Amin über die Behörden in Kuwait, das geheime Bild der Frau in der Gesellschaft des arabischen Landes und das Leben hinter verschlossenen Türen.

Austellung „Society Girl“ von Shuroog Amin in Kuwait City 2010. Bild: dpa

taz: Frau Amin, Sie arbeiten über tabuisierte Themen wie Homosexualität oder Zensur in Ihrer Kunst. Was war das Motiv für Ihre kontroverse Kunst?

Shurooq Amin: Alles begann mit meiner Scheidung. Ich war vorher 17 Jahre verheiratet. Danach fühlte ich mich frei und wie neu geboren. Ich wollte es in die Welt hinausschreien, dass jede Frau, egal wie alt sie ist und welchen Status sie in unserer Gesellschaft hat, sich komplett neu erfinden kann. Meine Kunst gab mir die Plattform, um mich frei zu entfalten.

Darauf folgte 2009 Ihre erste große Ausstellung, „Society Girl“, in Kuwait.

„Society Girl“ handelte vom geheimen Leben der Frau in unserer Gesellschaft. Etwas, worüber sonst niemand sprechen will. Hauptelement ist die traditionelle lange Kleidung, die Abbaja. Anstatt die Frauen zu bedecken, entblößt sie ihre Körper. Symbole soziokultureller Tradition prallen auf Erotik und Rebellion in meinen Bildern.

Die Künstlerin wurde 1967 in Kuwait geboren. Ihre Mutter ist Syrerin, ihr Vater stammt aus Kuwait. Sie studierte u. a. moderne Literatur in England. Neben ihrer Malerei hat Amin zwei Gedichtbände veröffentlich und lehrt Englisch an der Universität Kuwait. Ihre Ausstellung „We’ll Build This City on Art and Love“ ist in der Ayyam-Galerie in Dubai und ab November in London zu sehen.

In Ihrer Reihe „It’s a Man’s World“ sind die Gesichter der Männer konturlos, sie tragen traditionelle oder moderne Kleidung und trinken Whiskey. Um sie herum rankt Efeu und Blumen sprießen. Was steckt hinter dieser Komposition?

Für mich ist das eine sehr akkurate Beschreibung vieler Männer in unserer Region. Ich porträtiere homo- und heterosexuelle Männer, Spielsüchtige, Alkoholiker, Drogensüchtige, Hypokraten und Fremdgeher. Ihr Leben findet hinter verschlossenen Türen statt. Der fantastische Rahmen mit den Blumen ist mein Stil. Ich bin sehr feminin und liebe die Schönheit. Die Inhalte meiner Kunst provozieren, deshalb versuche ich die Aussage sanfter zu vermitteln.

Die Ausstellung „It’s a Man’s World“ wurde 2012 von den kuwaitischen Behörden geschlossen. Warum?

Sie sagten, dass die Kunstwerke blasphemisch, pornografisch und antiislamisch seien. All diese Anschuldigungen sind unberechtigt. Ihrer Meinung nach demütigten und beschmutzten meine Bilder das Image des arabischen Mannes. Mit dem Ausstellungs-Aus wollten sie mich maßregeln. In der Nacht schmuggelten wir die Bilder aus der Galerie.

Gab es weitere Reaktionen?

Der Hass auf meine Arbeit war groß. Sogar meine Kinder wurden in der Schule beschimpft. Andererseits bekam ich viel Unterstützung aus den USA, Europa, Thailand, Indien, Australien und Russland. Aus Städten, von denen ich niemals in meinem Leben gehört hatte. Von Leuten, die ich nicht kenne.

Danach beschäftigten Sie sich mit dem Thema Zensur.

Meine Kunstreihe „Popcornographic“ setzte sich mit freier Meinungsäußerung und vor allem mit Zensur von Frauen in der Gesellschaft auseinander. Meine kleine Tochter gab der Reihe ihren Titel. Sie hatte das Wort „pornografisch“ aufgeschnappt, als die Behörden meine Ausstellung „It’s a Man’s World“ geschlossen hatten. Am nächsten Morgen fragte sie mich: „Warum sagen sie, dass deine Bilder popcornografisch sind?“ Ich war begeistert. Niemand kann das Wort zensieren. Der Titel ist meine Art und Weise, den Behörden die Zunge rauszustrecken.

Doch in Kuwait durften Sie nicht mehr ausstellen.

Ja, seitdem stelle ich in Dubai aus. Ironischerweise wurde ich 2013 in Kuwait als „Künstlerin des Jahres“ ausgezeichnet, trotz Ausstellungsverbot. Das motivierte mich sehr, denn es bedeutete, dass mehr und mehr Leute meine progressive Arbeit verstanden haben.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in den arabischen Gesellschaften ändern?

Es wird zu viel geheuchelt. Wir verbergen unser wahres Leben. Die Gesellschaft blickt nicht dahinter, da sie an die vorgetäuschte Realität gewöhnt ist. Aber nur durch die Exposition unseres geheimen Leben ist der Weg für einen offenen Dialog über unsere gesellschaftlichen Probleme frei.

In Ihrer neuen Ausstellung, „We’ll Build This City on Art and Love“, sind Kinder wichtig. Sind die Ihre Hoffnung?

Unsere Kinder stehen momentan vor einer hoffnungslosen Zukunft in dieser zerstörten Region. Aber es ist noch nicht zu spät. Wir müssen die Kinder so erziehen, dass sie sich eines Tages selber retten können.

Was ermutigt Sie, weiterzumachen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Araber eines Tages wieder positiv in die Zukunft schauen können, auch weil es hier viele talentierte und kreative Menschen gibt. Nur leider verlassen mehr und mehr von ihnen die Region, da unsere Länder uns die Meinungsfreiheit entziehen. Aber ich halte die Stellung. Für die Alltagsextremisten hier bin ich all das, was sie nicht von einem kontroversen Künstler erwarten würden: eine Frau, Muslima und alleinerziehende Mutter in den 40ern. Indem ich hier bleibe, versuche ich, anderen ein Vorbild zu sein.

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