Lockdown im Berliner Kulturbetrieb: „Das Vertrauen ist verloren“

Berlins Kultureinrichtungen bleiben weiter geschlossen. Daniel Wesener (Grüne) spricht über das, was jetzt am meisten drängt.

Alles zu, auch hier in der Columbiahalle Foto: bildgehege/imago

taz: Herr Wesener, wird die Verlängerung des Shutdowns in den Berliner Kultureinrichtungen am Montag Thema im Kulturausschuss sein?

Daniel Wesener: Mit Sicherheit werden wir die Beschlüsse der Länderregierungen rekapitulieren. Aber wir werden auch den Blick nach vorn richten und der Frage nachgehen, was jetzt geschehen muss, damit die Kultureinrichtungen nicht wie im Sommer die Letzten sind, die infolge allgemeiner Lockerungen wieder aufmachen können.

Sie sollen die Ersten sein?

Nein. Es geht darum, Vertrauen in die Politik wiederherzustellen, das vielen Kulturschaffenden anlässlich des zweiten Shutdowns verloren gegangen ist.

Der Berliner Senat beschloss Ende Oktober, dass aufgrund der hohen Zahl der Ansteckungen mit dem Coronavirus die Berliner Kulturstätten ein zweites Mal geschlossen werden müssen nach dem ersten umfassenden Shutdown im Frühling. Betroffen waren erneut Museen, Theater, Kinos und Konzerthäuser. Die Schließungen galten vorerst bis zum 30. November.

Am vergangenen Donnerstag entschied der Senat, dass der erneute Teil-Shutdown zunächst bis zum 22. Dezember verlängert wird. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sagte allerdings am Freitag auf Twitter, dass Kultureinrichtungen in Berlin frühestens Mitte Januar 2021 wieder eröffnen können. Gleichzeitig versprach er, dass die Liquiditätshilfen weiterfließen. (sm)

Verstehen Sie diesen Vertrauensverlust?

Ich habe den Eindruck, dass viele im Kulturbereich nachvollziehen können, dass man auf ein allgemeines Infektionsgeschehen mit einer allgemeinen Reduzierung von Kontakten reagieren muss. Was viele zu Recht nicht verstehen, ist, wenn mit zweierlei Maß gemessen und der Stellenwert von Kultur für eine Gesellschaft ignoriert wird. Es geht ja nicht nur um das wirtschaftliche Überleben von Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch um kulturelle Teilhabe und die Relevanz von Kultur für den sozialen Zusammenhalt.

Viele Kulturschaffende sind frustriert, weil sie viel investiert haben, um nach dem ersten Shutdown wieder aufzumachen zu können.

Ja, viele haben sich unglaublich angestrengt, um das zu gewährleisten, was ihnen von der Politik abgefordert wurde, nämlich Kulturveranstaltungen Pandemie-resilienter zu machen. Die Suggestion war: Wenn ihr euch genügend ins Zeug legt, wird das schon irgendwie. Und dann kam der zweite Shutdown. Daraus müssen wir lernen. Kulturveranstaltungen brauchen naturgemäß ein gewisses Maß an Planungssicherheit. Wir Grüne fordern deshalb einen Stufenplan, aus dem klar hervorgeht, unter welchen Bedingungen was und wann in geschlossenen Räumen wieder möglich sein wird. Hier müssen belastbare Kriterien und Standards definiert werden, etwa durch Benchmarks bei der Raumluftqualität oder eine Zertifizierung von Lüftungstechnik.

Wie lief es finanziell für die Kulturschaffenden?

Bund, Länder und Kommunen haben geholfen, aber ein Großteil dieser Hilfen war viel zu bürokratisch aufgesetzt und diverse Kulturschaffende und Betriebe fallen bis heute durchs Raster. Gleichzeitig steht natürlich die große Frage im Raum: Wie hält es diese Gesellschaft eigentlich grundsätzlich mit der Kultur? Ist die nur ein Teil unserer Freizeitgestaltung? Haben wir es womöglich mit einem Sterben auf Raten zu tun, weil die öffentlichen Kulturhaushalte die Kosten der Coronakrise bezahlen müssen? Die bayerische Landeshauptstadt hat gerade angekündigt, ihren Kulturetat zu kürzen.

Daniel

Wesener

ist parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion und Sprecher für Kultur und Haushalt. Von 2011 bis 2016 war er Landeschef der Partei.

Ist es noch vermittelbar, dass ich mir nach wie vor in einer kommerziellen Galerie ein Bild kaufen, aber keins in einem öffentlichen Ausstellungshaus ansehen darf?

Auf den ersten Blick gibt es viele reale und vermeintliche Absurditäten. Das von Ihnen genannte Beispiel folgt zumindest einer allgemeinen Systematik: Galerien sind formal Gewerbebetriebe mit einem Geschäftszweck; die allermeisten Museen und Kunsthallen nicht. Aber natürlich ist das schwer vermittelbar. Zumal es den Kulturschaffenden ja nicht um eine Privilegierung, sondern um Gleichbehandlung geht. Verheerend ist aber vor allem, wenn der Eindruck entsteht, dass es die Politik an Wertschätzung vermissen lässt und Kulturschaffende im Ungewissen darüber gelassen werden, wie es für sie überhaupt weitergeht.

Wie finden Sie die Idee, dass es Kurzarbeit für alle geben müsste?

Wir hatten und haben in vielen öffentlichen Kultureinrichtungen Kurzarbeit. In der Coronakrise ist aber die Gerechtigkeitslücke zwischen der institutionell geförderten Kultur und dem, was man gemeinhin Freie Szene nennt, besonders grell zutage getreten. Für freischaffende Künstler und Kreative gibt es keine Kurzarbeit. Genau das steckt aber hinter der Idee des fiktiven Unternehmerlohns, mit der Einnahmeverluste im Vorjahresvergleich zu einem relevanten Anteil kompensiert werden. Viel von dem verständlichen Zorn und Misstrauen, die es in Teilen der Kulturszene heute gegenüber der Politik gibt, wäre allen Beteiligten erspart geblieben, wenn es diesen Unternehmerlohn von Anfang an gegeben hätte.

Früh gab es aber den erleichterten Zugang zu Grundsicherung. Was halten Sie davon?

Die Grundsicherung ist keine adäquate Hilfe für eine Berufsgruppe, die ja nicht arbeitslos ist. Künstlerinnen und Künstler können ihrer Arbeit nachgehen und tun das so weit wie möglich auch, dürfen ihre Kunst aber aufgrund der Einschränkungen nicht präsentieren. Dem muss die Politik Rechnung tragen.

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