: Linke Grüne ohne Linken
Die Berliner Grünen in der Nach-Ströbele-Ära: Landeschefin Regina Michalik ruft zunächst vergeblich zur Geschlossenheit auf, die Kreuzberger Mitglieder drohen damit, den Wahlkampf zu boykottieren
von STEFAN ALBERTI
Als am Abend nach fast acht Stunden die letzte Entscheidung gefallen ist, geht die grüne Landesvorstandssprecherin ans Mikro. Sie will zur Geschlossenheit aufrufen, so wie es Parteichefs üblicherweise nach inneren Streitigkeiten oder Richtungskämpfen tun. Doch Regina Michaliks Appell verhallt. Die Mitglieder sind schon in Hut und Mantel und drängen aus dem Saal, in dem Christian Ströbeles Bundestagskarriere soeben zu Ende gegangen war.
Als links gelten die Berliner Grünen bei anderen Landesverbänden. Bundesweit sogar könne Ströbele „die sensiblen linken WählerInnen“ binden, schrieben seine Anhänger auf Flugblättern. Was macht ein linker Verband nun ohne linke Ikone, dafür mit einem „bürgerlichen Reformoptimisten“ (Werner Schulz über Werner Schulz)?
Sibyll Klotz, die Sprecherin der Abgeordnetenhausfraktion, müht sich, den Ball flach halten: Sie glaube nicht an eine Richtungsentscheidung, die Mitglieder hätten sich pragmatisch danach entschieden, was der Partei bei der Bundestagswahl am meisten bringt. „Die Frage, was links ist, entscheidet sich nicht an einer Person.“
Für ihre Fraktionskollegin Alice Ströver schon. Sechs oder sieben der 14 Grünen im Abgeordnetenhaus hatten sich intern für Ströbele ausgesprochen, darunter auch die Exkulturstaatssekretärin. Nicht aus persönlicher Begeisterung, sondern „weil er für etwas steht, was ich bei den Grünen sehen will“. Das war noch vor der Wahl.
Regina Michalik hatte vor der Abstimmung – wie die anderen Partei- und Fraktionsoberen – keinen der Kandidaten öffentlich favorisieren wollen. Danach guckt sie aber eher gequält. „Das Problem ist jetzt, die Linke im Wahlkampf zu mobiliseren.“ Gespräche soll es geben, mit Ströbeles Unterstützern, aber auch mit den Anhängern von Andrea Fischer. Ströbele selbst hält am Tag danach gegenüber der taz die Frage offen, ob er nach der Schlappe als Direktkandidat zur Verfügung steht.
Seine Kreuzberger Freunde erreicht der Appell von Landeschefin Michalik zur Geschlossenheit vorerst nicht. Für Heidi etwa, nach eigener Darstellung erprobte Wahlkämpferin, steht am Samstagabend im Foyer fest, dass ihr Kreisverband für die Bundestagswahl ausfällt. „Wenn ich jetzt auf die Straße gehen soll, weiß ich nicht, welche Positionen ich vertreten soll.“
Die Kreuzberger Grünen, mit 550 Mitgliedern nur ein Ströbele-Wahlverein? Natürlich dementiert Heidi heftig. Es gehe um Positionen, aber die kenne sie bei Werner Schulz nicht.
Die Fraktionsvorsitzende Sibyll Klotz mochte solchen Protest und vielleicht auch Rückzug von Einzelnen verstehen. Ströbele zukünftig nicht mehr im Bundestag, das sei ein herber Verlust. Aber: „Ich hätte kein Verständnis dafür, wenn sich ein ganzer Kreisverband hinstellen würde und sich aus dem Wahlkampf ausklinkt.“
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