Lilli Braun : Schwäne und Croissants
Eins der ersten Dinge, die ich in Berlin gemacht habe, war ein Spaziergang am Maybachufer. Mit M., meiner Mitbewohnerin für die nächsten paar Monate, und den Dutzenden Schwänen, die neben uns auf dem Wasser treiben. Gefroren ist der Landwehrkanal noch nicht, aber es ist bitterkalt, lange wird es nicht mehr dauern. Jetzt bin ich also hier, endlich, doch fühle mich noch fremd zwischen all den Leuten, die mit mir spazieren.
Alle laufen vorsichtig, passen auf, dass sie auf dem vereisten Boden nicht hinfallen, um mich herum rudernde Arme, M. empfiehlt mir vorsichtshalber, meine Hände aus den Jackentaschen zu nehmen. Und dann laufen wir an dieser einen französischen Bäckerei vorbei und da sitzen doch tatsächlich Leute draußen, recken ihr Gesicht in die Sonne, einer hält seine nackten Unterarme ins Licht, sie trinken ihren Kaffee, essen ihr Croissant. Gemütlich sieht das aus, denke ich erst, aber doch total absurd, so kalt wie es ist. „Ein richtiger Hipsterladen“, urteilt M.
Die französische Backkunst verfolgt mich. Auf dem Weg zum Ballhaus Ost laufe ich schon wieder an einem französischen Café vorbei, „Suzette“. Hier gibt es bretonische Crêpes und Galettes. Ich mache ein Foto und schicke es meinem Bruder, hier müssen wir mal hin, sind wir doch als Kinder immer in die Bretagne gefahren. Mit den Gedanken bei Zucker und Orange, Sommer und Atlantik, schlendere ich die letzten Meter durch die Kälte.
Im Ballhaus Ost ist es schön warm. Fünf Performer*innen laufen in BIOFUCK! in einer Linie, brechen sie immer mehr auf, bewegen sich alleine, verschmelzen und lösen sich voneinander. „Ankunft ist nicht ein Moment, sondern viele“, sagt eine von ihnen. Der Satz bleibt mir im Kopf. Ich überlege, wie viele solcher Momente ich hier schon hatte. Viele fallen mir nicht ein, aber ich bin noch nicht lang da, beruhige ich mich. Am Ende wird das Publikum auf die Bühne eingeladen, alle tanzen zusammen, und ich weiß nicht, ob ich lieber mittanzen oder dem Ganzen einfach nur zuschauen möchte. Das könnte doch so ein Moment sein, denke ich, aber um mich herum bleiben zu viele sitzen. Es bleibt beim Zuschauen.
Statt Croissant gibt es Menemen zum Frühstück, J. und M. sind zu Besuch. Nachmittags spielen wir Karten, ich zeige ihnen das Maybachufer. Da sind sie doch, die Momente. Am Abend haben manche Schwäne ihren Kopf schon unters Gefieder gesteckt. Ich frage mich, ob ich jemals so viele Schwäne auf einmal gesehen habe. Friedlich sehen sie aus, zwischen all den Menschen, die jetzt erst aufzuwachen scheinen.
Ich gehe auch raus, C. feiert Geburtstag. Wir sind in Dresden, zumindest heißt so die Bar. Auf dem Tisch Konfetti, am Kopfende der Geburtstagskuchen mit bunten Kerzen und verlaufenem Zuckerguss. Gespräche über den Auslandsaufenthalt in Aix-en-Provence, später im Auto besingt eine französische Sängerin ihre liebsten Ecken der Stadt. In einem Keller in Moabit wird heute Nacht aufgelegt, um mich herum dopsende Köpfe, kühle Kellerluft statt stickiger Hitze, überraschend angenehm. Später dann Seifenblasen im Neonlicht, fast schon zu Klischee, denke ich am nächsten Morgen, nachdem ich viel zu spät aufgewacht bin. Aber auch das könnte einer von diesen Momenten gewesen sein.
Und ich möchte noch einen draufsetzen, denke schon das ganze Wochenende darüber nach, eigentlich bleibt mir gar nichts anderes übrig. Verschlafen ziehe ich meine Schuhe an und stapfe los. So eisig wie am ersten Wochenende ist es nicht, trotzdem kalt genug. Von Weitem kann ich sie schon sehen, die Schlange. Ich stelle mich dazu, M. würde sagen, zu den ganzen Hipstern, und bestelle mein Croissant. Mich nach draußen zu setzen, ist mir dann aber zu viel, so angekommen bin ich doch noch nicht.
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