piwik no script img

Lieber Karl May als Karl Marx“

■ Umfrage im Buchhandel: DDR-Kunden kaufen Karl May, Erotika und DDR-Autoren im TB-Format

Sabine von der Wohlthat'schen Buchhandlung, Budapester Straße: „Na klar hat sich die Nachfrage seit der Öffnung der Mauer geändert. Alle wollen sie Karl May und keinen Karl Marx mehr. Leider haben wir Karl May gar nicht. Und ständig fragen die Kunden aus der DDR nach Strickbüchern, Tier- und Aquarienbücher - die scheinen drüben alle Aquarien zu haben. Und alle Bücher von Stefan Heym neueren Datums gehen gut, „Colin“ (10,80 Mark) und „Schwarzenberg“ (12,80 Mark). Heyms „Nachruf“ geht nicht gut, gibt's nicht als Taschenbuch. Pornos verkaufen wir jetzt dreimal so viel, egal welche und wie teuer. Der Laden ist immer noch total verstopft, kann man nicht sagen, daß es hier abebbt.“

Oliver Grätsch von der Buchhandlung Kiepert („Bücher für alle“), Hardenbergstraße: „Karl May (7,80 Mark) wird viel gekauft, egal welcher der 74 Bände, und Stefan Heyms „Nachruf“ (48 Mark) natürlich, „Die Troika“ vom Markus Wolf (39,80 Mark) und „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ von Walter Janka (zehn Mark). Der Reißer da drüben scheint „Die Geschichte der O.“ von Pauline Reage (6,80 Mark) zu sein. Da fragen alle danach - haben wir aber nicht.“

Das Europäische Buch: („Bücher aus der DDR“), Knesebeckstraße: „Janka und Markus Wolf sind ständig ausverkauft. Wir werden immer nach Literatur von DDR -Oppositionsgruppen gefragt, aber da gibt's gar nichts.“

Prinz Eisenherz, Bleibtreustraße: „Nee, bei uns hat sich nichts geändert, wir sind ja eine Spezialbuchhandlung mit Schwerpunkt „Sexualität“. Pornos sind zu teuer - die paar, die wir im Ramsch haben, die gehen weg. Stadtpläne natürlich auch und unsere beiden Schwulenführer verkaufen wir doppelt so oft, der zu vier Mark geht viel besser, als der zu 5,80 Mark. Und unser selbstgedrucktes Faltblatt mit Adressen von Beratungsstellen, ausgesuchten Pornoshops, Saunen, Cafes und Bars, geht weg wie warme Semmeln.“

Frauenbuchladen Lilith, Knesebeckstraße: „Ab und zu kommen schon mal ein paar Frauen, aber eher kommen noch Männer, die nicht fassen können, daß der Laden nur für Frauen ist. Verlangt wird Lesbenliteratur, gestaunt wird über die Preise. Ingeborg Bachmann (Belletristik) verkaufen wir ganz gut, Tendenz ist eben Taschenbuch.“

Antiqauriat Düwal, Schlüterstraße: „Es kommen sehr viele her, die Bücher anbieten, auch neue. Gute alte Bücher kaufen wir. DDR-Kunden kaufen meist Taschenbücher, bei neueren Sachen scheint die DDR ein literarisches Ödland zu sein.“

Buchabteilung im Kaufhaus des Westens, Tauentzienstraße: „Die Kunden aus der DDR gehen viel kultivierter mit Büchern um, rupfen die nicht einfach raus, sind bescheidener. Als erstes werden Taschenbücher verlangt, Christa Wolf und Stefan Heym. Kinderbücher suchen die Kinder meistens selbst aus, Hauptsache hübsch und schön farbig. Hobbybücher aller Art werden auch viel gekauft, meist Aquaristik. Stadtpläne gibt's überhaupt nicht mehr.“

diak

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen