Leichtathletik-WM in Budapest: Der kleine Bolt

Noah Lyles hat bei der Leichtathletik-WM in Budapest den 100-Meter-Sprint gewonnen. Nun tut der Amerikaner alles, um im Gespräch zu bleiben.

Sprinter Noah Lyles jubelt.

Noah Lyles jubelt nach seinem Sieg über 100 Meter Foto: Matthias Schrader/ap

Was 9,83 Sekunden dauert, sollte doch eigentlich schnell erzählt sein. Wenn es nach Noah Lyles geht, der am Sonntagabend bei den WM in Budapest in dieser Zeit den 100-Meter-Lauf der Männer gewann, könnte die Erzählung dieser knappen 10 Sekunden allerdings 11 Monate dauern. Dann nämlich finden in Paris die Olympischen Sommerspiele statt, und so lange will der Amerikaner im Gespräch bleiben.

„Das ist der Beginn einer Dynastie“, sagte der 26-Jährige nach seinem Sieg. Zweiter wurde Letsile Tebogo aus Botswana, der mit 9,87 Sekunden exakt eine tausendstel Sekunde schneller war als der Brite Zharnel Hughes. Tebogo, gerade mal 20 Jahre alt, ist der erste Afrikaner in der Geschichte der Männerleichtathletik, der über 100 Meter eine WM-Medaille gewann. „Es ist wirklich erstaunlich für Afrika“, sagte er, „wir haben uns nach einer Medaille gesehnt.“ Tebogo, Sieger bei den vergangenen U20-WMs, gilt als eines der größten Talente im leichtathletischen Sprint, und vielleicht gehört ihm ja die Zukunft.

Aber die Gegenwart gehört Noah Lyles. Der war keinesfalls als Favorit über 100 Meter nach Budapest gereist. Nur er selbst hat sich mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein als Favorit präsentiert. Auf Instagram hat er vor wenigen Wochen mitgeteilt, er wolle 9,65 Sekunden laufen, und über 200 Meter visiere er 19,10 Sekunden an. Letzteres wäre neuer Weltrekord, Ersteres bliebe knapp hinter der 9,59-Sensationsbestmarke des zurückgetretenen Usain Bolt aus Jamaika.

Noah Lyles

„Ich habe einfach geglaubt, dass ich der Schnellste bin, als ich rausging. Und das habe ich so lange geglaubt, bis ich die Linie überquert hatte.“

Lyles ist ein großer Verkäufer seiner selbst. „Ich glaube, dass die Leichtathletik sich besser vermarkten muss“, sagte er vor der WM, und als Beispiel, wie das geht, führte er sich selbst an: „Es ist einfach, mich zu vermarkten, denn ich bin da draußen, ich bin aufgeregt, ich bin glücklich, ich lasse mich auf die Zuschauer ein.“ In Interviews berichtete er auch offen von psychischen Problemen, die er während und nach Covid hatte. Vor Kurzem beschlossen Lyle und Netflix, einen Dokumentarfilm zu drehen, der an seinem Beispiel zeigt, wie es im Training von Sprintern zugeht.

Egal, was er macht, Noah Lyles achtet er sehr darauf, dass er ganz groß rauskommt. Nach seinem WM-Triumph bekräftigte er seinen Führungsanspruch noch einmal. „Ich habe einfach geglaubt, dass ich der Schnellste bin, als ich rausging“, sagte er. „Und das habe ich so lange geglaubt, bis ich die Linie überquert hatte.“

Spott der Kollegen

Tatsächlich hatte nur er an seinen Sieg geglaubt, vielleicht noch sein Trainer, aber sehr viel mehr waren es nicht. Seine bisherige 100-Meter-Bilanz war eher dünn. Und die etablierten Sprinter hatten sich über ihn zunächst einmal lustig gemacht. Der Titelverteidiger, Fred Kerley aus den USA, spottete über Lyles’ 9,65-Prognose: „Das sagen sie alle, bis sie geschlagen werden.“ Und der amtierende Olympiasieger Marcell Jacobs aus Italien nannte die Ankündigung nur „lustig für die Leute“. Lyles solle doch bitte erst reden, „wenn das letzte Rennen zu Ende ist, nicht das erste“.

Noah Lyles will bei der WM Budapest das Triple holen. Die Siege über 100 Meter, 200 Meter und mit der 4x100-Meter-Staffel hat seit der Ära des legendären Usain Bolt niemand mehr geschafft, und dessen Fußstapfen sind es ja, die Lyles ausfüllen möchte.

Den Spott der Konkurrenz hat Lyles erst einmal sehr gut gekontert. Kerley und Jacobs erreichten in Budapest gar nicht das Finale, und überhaupt ist der Männersprint seit Bolts Abgang in einer Krise. Bei den vergangenen drei WMs gab es neun verschiedene Medaillengewinner. Von den drei besten Sprintern der vergangenen WM im amerikanischen Eugene hat es bei dieser WM keiner ins Finale geschafft. Die Sportart sucht noch nach jemand, der den Jahrhundertsprinter Bolt aus Jamaika wenigstens halbwegs ersetzen könnte.

Drei leichtathletische Sprinter vor dem Start, von oben fotografiert

Er fühlt schon mal vor: Noah Lyles vor seinem Start im 100-Meter-WM-Finale Foto: imago/xinhua

Auf diese Stelle bewirbt sich Noah Lyles nun. „Wenn die Leute auf dieses Jahr zurückblicken, werden sie sagen: ‚Das ist das Jahr, in dem Noah die 200, die 100 und die 4x100 gewonnen hat‘“, nahm er nach seinem Sieg in Budapest den Mund voll.

Lackmustest am Freitag

Über die 200-Meter-Strecke tritt Lyles am Freitag – anders als über die 100 Meter – als Favorit auf die Bahn. Hier war er schon zweimal Weltmeister. Und zusammen mit seinem Trainer Lance Brauman arbeitete er zuletzt daran, in der ersten Hälfte der halben Stadionrunde schneller zu werden. „Als ich ihn bekam“, sagte Brauman, „sagte mir alle Welt, dass er ein 200- und 400-Meter-Typ ist. Aber er wollte ein 100-Meter-Läufer sein.“ Ein guter Starter ist Lyles definitiv nicht, und das konnte auch Brauman ihm nicht beibringen. Bei dem Finale in Budapest war er nach etwa 50 Metern erst auf Platz vier, doch dann zeigte er sein Können.

Wenn Noah Lyles am Freitag auch über 200 Meter gewinnt – und danach vielleicht noch mit seinen US-Kollegen die Sprintstaffel –, dann wird die Erzählung seiner 9,83 Sekunden elf Monate dauern – bis Olympia. Wenn er nicht gewinnt, dann wird seine Weltmeisterzeit schon nach 5 Tagen auserzählt sein.

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