Lehrer nach Vorschrift: Die Macht der Bonbons
Keine Theater AG, Klassenreisen und Wettbewerbe mehr? Viel zu späte Korrektur der Abiturklausuren? Das stiehlt Jugendlichen Chancen und alles, was Schule nett macht, will man sich empören. Aber das wäre zu kurz gedacht.
Kommentar vonSANDRA WILSDORF
Denn es ist das Wesen von Arbeitnehmer-Protesten, dass er meist Unschuldige als Geiseln nimmt. Nur deshalb bewegt er manchmal zum Einlenken. Und mit ihrem Dienst nach Vorschrift planen die Gewerkschafter noch nicht einmal einen Streik. Sie wollen nur klarmachen, dass alles, was wir für selbstverständliche und notwendige Chancen halten, eigentlich pädagogische Bonbons sind, die die Lehrer aus eigener Tasche bezahlen.
Darauf aufmerksam zu machen, ist das gute Recht der Pädagogen. Weil aber die breite Öffentlichkeit noch immer nicht zur Kenntnis genommen hat, dass der gemeine Lehrer mehr arbeitet als er muss, ist fraglich, ob die Aktion vorhandene Vorurteile nicht sogar noch bestärkt. Aber genau dieses Missverhältnis zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung ist, neben den tatsächlichen Arbeitsbedingungen, eine ständig sprudelnde Quelle pädagogischen Frustes.
Ebenfalls riskant für diese Frendwahrnehmung wäre aber auch das kategorische Nein zu einem Arbeitszeitmodell. Verständnis gibt es für Protest gegen den Sparauftrag – nicht aber, wenn die Lehrer das Modell nur deshalb ablehnten, weil es Streit unter den Kollegen birgt. Denn das legt den Eindruck nahe, dass der Ist-Zustand so schlimm wohl doch nicht sein kann.
Die Engagierten stärken
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen