Landtagswahl in Baden-Württemberg: Happy dank Heidi und trotz der „ganzen Scheiße da draußen“
Die Linkspartei im Südwesten ist im Aufwind. Bei einem Wahlkampfauftritt in Stuttgart wird Heidi Reichinnek wie ein Popstar gefeiert.
Der Saal ist voll. Über tausend Leute sind ins etwas graue Willy-Bleicher-Haus in Stuttgart geströmt. Sie mussten sich vorher anmelden und stehen nun nach dem Alphabet sortiert an, um den Star der Linkspartei, Heidi Reichinnek, zu hören. Oder vielleicht auch vor allem, um nachher ein Selfie mit der linken Fraktionsvorsitzenden im Bundestag zu bekommen. Das Posing mit Reichinnek nach der Veranstaltung solle bitte nicht mit politischen Gesprächen aufgehalten werden, erklärt der Moderator.
Ja, Auftritte von Heidi Reichinnek haben was von Popkonzerten, und die Linke ist, „bei aller Scheiße da draußen in der Welt“, wie Reichinnek später sagt, von sich und ihrem Erfolg doch ziemlich begeistert. Mittlerweile hat die Linkspartei auch in Baden-Württemberg, wo sie in der Landespolitik noch nie eine Rolle spielte, über 10.000 Mitglieder – mehr als die FDP. Und während die Liberalen in Umfragen seit Monaten bei 5 Prozent herumkrebsen, liegt die Linke seit Frühjahr letzten Jahres stabil bei 8 Prozent. Vom Einzug in den Landtag geht man daher fest aus, vielleicht sogar zweistellig, träumt Luigi Pantisano, der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete, der durch diesen Abend führt.
Dieser Erfolg, auch im Südwesten, geht wesentlich auf das Konto von Heidi Reichinnek, die mit ihrem viral gegangenen Brandmauer-Rant im Bundestag die unerwartete Wiederauferstehung der Linkspartei mit eingeleitet hat. Und so läuft sie dann zum Höhepunkt der Veranstaltung ein, mitten durch das Publikum, von ihrem Social-Media-Kamera-Team bestens ausgeleuchtet, und hüpft mit Pantisano zu dem Remix „Zeit, dass sich was dreht“ auf der Bühne herum. Nur ältere Linke hält es da noch auf den Sitzen.
Zur Landespolitik kein Wort
Dann erklärt Reichinnek mit ihrem Fraktionskollegen als Stichwortgeber im gewohnten Reichinnek-Tempo die Rolle der Linkspartei im Bundestag: Warum es richtig war, bei der Richterwahl und dem Rentenpaket die CDU zu unterstützen. Sie geißelt aber auch die „dummdreisten Ideen der CDU zum Sozialabbau“ mit der schönen Pointe, dass es am Ende dann wohl doch nicht die Ausländer seien, die den Deutschen die Zahnarzttermine wegnähmen, sondern die CDU selbst mit dem Vorschlag, Zahnarztleistungen aus der Krankenkasse herauszunehmen.
Das alles ist ziemlich unterhaltsam und wirkt familiär. Die beiden Politiker schaffen es, ein großes Wirgefühl zu erzeugen: Als würde ohne das Engagement jedes Einzelnen im Saal das Land längst der AfD und den Kapitalisten zum Fraß vorgeworfen. Nur um Landespolitik geht es an diesem Abend an keiner Stelle.
Die anwesende Spitzenkandidatin Mersedeh Ghazaei, die hier in Stuttgart antritt, darf keine fünf Minuten reden. Am Anfang winkt sie kurz mal aus der ersten Reihe ins Publikum. Als sie ganz am Ende beim Schlussapplaus ein paar Worte sagt, drängt Moderator Pantisano sie „Hopphopp, ’s isch net so viel Zeit“ erstaunlich paternalistisch, ein Ende zu finden. Aber wer möchte nach so einem linksflauschigen Abend noch etwas über die Details des Mietrechts oder Strategien gegen den Krankenhausrückbau hören, oder wie es dem einstigen Autoland aus der Krise helfen soll, wenn die Industrie – wie im Wahlprogramm gefordert – verstaatlicht wird?
Dabei könnte etwas mehr Bekanntheit dem Linken-Spitzentrio der Linkspartei nicht schaden. Neben der 28-jährigen Ghazaei sind das die 26-jährige Heidelbergerin Kim Sophie Bohnen und die 22-jährige Amelie Vollmer, die in Offenburg antritt. Die drei sind weitgehend unbekannt, und das Reichinnek-Hochamt trägt wenig dazu bei, das zu ändern.
Aber bei dieser Besetzung geht es wohl weniger um die einzelnen Personen als um ihre Primärmerkmale jung und weiblich. Denn eigentlich wollte die Partei mit einer Doppelspitze mit der Kommunalpolitikerin Ellena Schumacher Koelsch, 38, in den Wahlkampf ziehen. Doch die Gemeinderätin aus Schwäbisch Hall wurde vom Landesvorstand unter der Ex-Bundesvorsitzenden Sahra Mirow am Tag vor dem Nominierungsparteitag recht ruppig beiseitegeschoben und konnte nicht einmal einen aussichtsreichen Platz auf der Wahlliste ergattern. Sie verzichtete dann ganz.
Und so geht die Linke statt mit kommunalpolitischer Erfahrung jetzt mit einem eher blassen Spitzentrio in den Wahlkampf. Was sich aber mit Blick auf die jungen Wählerinnen in den Universitätsstädten Freiburg, Heidelberg, Tübingen und auch Stuttgart als marktgerechter Schachzug erweisen könnte. Hier will die Linkspartei kräftig in grün-linken Milieus wildern, die sich von Özdemirs konsequentem Kurs der Mitte nicht abgeholt fühlen. Aber vielleicht ist das alles auch ein bisschen egal und sie wählen links, vor allem wegen Heidi.
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