Landesbürgschaft für Schalke 04: Kein Konsens mehr um Kohle

Steuergeld in den Profifußball zu pumpen, hat Tradition. Dass dies heutzutage skandalisiert wird, hat mit dem Wandel des Business zu tun.

Ein Stromkasten mit Schalke-Grafiti

Schützenswertes Kulturgut: Schalke-Kunst in Gelsenkirchen Foto: Cord/imago

Skandal! Steuergeldverschwendung! Populismus! Natürlich ist es einfach, die Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für den FC Schalke 04 zu kritisieren. Und die Kritik ist ja auch berechtigt. Warum soll man einen Klub, der Millionäre beschäftigt, deren vordringliche Aufgabe es ist, in einem Sportwettkampf zu bestehen, mit staatlichen Kreditabsicherungen vor der Insolvenz retten? Die Frage kann man sich schon stellen in Zeiten, in denen etwa Borussia Dortmund auf Kaufangebote für seinen Angestellten Jadon Sancho wartet und wahrscheinlich erst bei einer Summe von weit über 100 Millionen Euro darüber nachdenkt, in Verhandlungen einzusteigen.

Und doch ist es so einfach nicht. Das liegt nicht allein an der Bedeutung des FC Schalke 04 auch als Arbeitgeber für die nun wahrlich nicht mit Wohlstand gesegnete Stadt Gelsenkirchen. Hätte sich NRW dazu entschieden, den Klub nicht abzusichern, wäre das einem Kulturbruch gleichgekommen. Denn es ist keineswegs eine Besonderheit, dass Fußballklubs mit staatlichen Bürgschaften am Leben gehalten werden. Eine Besonderheit wäre gewesen, wenn NRW den Antrag der Schalker abgelehnt hätte.

Die Förderung des Kulturguts Fußball durch die öffentliche Hand ist eine lange eingeübte Praxis, die auf einem großen gesellschaftlichen Konsens beruhte. Gewiss ist es ein Feld, auf dem Politiker punkten können, wenn sie sich nach Applaus sehnen. Ein Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz möchte nicht als Totengräber des ruhmreichen 1. FC Kaiserslautern in die Landesgeschichte eingehen. Und zur Geschichte des Landes gehört eben auch dieser mittlerweile fast zugrunde gewirtschaftete Fußballverein. Weil dort so schlecht gearbeitet wurde, dass es schier wehgetan hat, gab es immerhin größere Diskussionen um die Sinnhaftigkeit der Beihilfen für den Klub und dessen Stadion aus Landesmitteln.

Bürgschaften noch und nöcher

Normalerweise schaffen es Nachrichten über die Förderung des Profifußballs in Deutschland aber nicht in die ganz dicken Schlagzeilen. So hat eine Recherche des WDR über Bürgschaften des Landes NRW für Stadiongesellschaften von Profiklubs kaum für Aufsehen gesorgt. Zu Lockdownzeiten berichtete der Sender über Risiken für das Landesbudget durch möglicherweise fällige Bürgschaften, sollte der Spielbetrieb der Ligen pandemiebedingt angehalten werden.

Hätte Drittligist MSV Duisburg die Coronakrise nicht überlebt, wären demnach 4,5 Millionen Euro fällig gewesen. Beim Zweitligisten VfL Bochum wären es 5,7 Millionen gewesen. Und für die Stadiongesellschaft des FC Schalke errechnete der WDR bei einer Insolvenz eine Zahlungsverpflichtung des Landes in Höhe von 38,5 Millionen Euro. Große Diskussionen darüber gab es nicht.

Und auch wenn es in München Kritik daran gab, dass die Landeshauptstadt und der Freistaat Bayern über 200 Millionen Euro in die Erschließung des Stadions mit Straßen und U-Bahn investiert hat, so ist darüber ebenso wenig eine große Diskussion entstanden wie über die Überlassung des Grundstücks zu einem niedrigen Erbbauzins. Auf günstige Grundstücksdeals für kommunale Flächen konnten sich Profiklubs beim Bau von Stadien oder Trainingsanlagen immer verlassen. Ein Feld für große politische Auseinandersetzungen war das nie. Der Fußball galt als prinzipiell förderungswürdig.

Dass die Landesbürgschaft für Schalke so hohe Wellen schlägt, ist ein Beleg dafür, dass sich die Rolle des Profifußballs und seine Wahrnehmung in der Gesellschaft verändert. Das Kulturgut Profifußball wird mehr und mehr als Business wahrgenommen. Der Fan in seiner Kutte ist nur noch die Kulisse für ein Produkt, das um Kunden wirbt. Der entgrenzte Profifußball verliert seine gesellschaftliche Anbindung. Die Skandalisierung der Bürgschaft für Schalke ist eine Folge davon.

Gut möglich, dass es die letzte Bürgschaft ist, die der Klub erhält.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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