Land in einer Transformations-Simulation : Brain fog over Germany
Zunehmend haben Leute genug von den Veränderungen. Dabei haben sie selbst gar keine vollzogen. Wolf Lotter über Schönrederei und Rückwärtsbewegung.
taz FUTURZWEI | Es gibt Menschen, die sind arm dran. Dazu gehören die Millionen, die am Chronischen Fatigue-Syndrom leiden. Fatigue bedeutet so viel wie Müdigkeit. Betroffene fühlen sich immer erschöpft. Nur wenige sind in der Lage, unter Mühen ihren Alltag zu bewältigen. Das Fatigue-Syndrom beschäftigt Mediziner auf der ganzen Welt, es ist in nahezu allen Gesellschaften und Kulturen verbreitet, und auch auf dem Vormarsch. Menschen mit Krebs- und Herzerkrankungen leiden darunter ebenso wie viele, die an Long COVID erkrankt sind. Trotz ihrer tiefen Erschöpfung finden die Leidenden oft keinen Schlaf, sie wälzen sich sorgenvoll und meist unter Schmerzen in ihrem Bett und ihre geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab – der brain fog, so der Fachbegriff, vernebelt ihre Sinne.
Diese Menschen verdienen unser Mitgefühl und unsere Hilfe.
Es gibt aber auch Leute, die leiden am soziokulturellen Fatigue-Syndrom. Das hat überhaupt nichts mit einer ernsthaften Erkrankung wie der oben angeführten zu tun, außer natürlich die Sache mit dem brain fog. Matt und vernebelt ziehen sie durch Talkshows und Feuilletons und soziale Medien. Das Sozialkulturelle Fatigue-Syndrom (SKFS) ist so verbreitet, dass manche es schon für normal halten, und der dabei entstehende brain fog ist so dicht, dass von der Realität kaum noch etwas zu erkennen ist.
Diese Leute verdienen unsere volle Aufmerksamkeit.
Betrifft mich nicht!
Wie darf man sich den typischen Patienten vorstellen? Vielleicht so wie die Gesprächspartnerin in einer österreichischen Fernsehsendung aus den frühen 1970er-Jahren, als ein Reporter des ORF eine Umfrage unter zufällig ausgewählten Passanten machte. Das Thema war damals die stark zunehmende Arbeitslosigkeit im Land rund um die erste große Energiekrise des Westens 1973, eine Folge des Jom-Kippur-Krieges, und die Angst vor dem Verlust der materiellen Existenz, die damit einherging. Fast alle Befragten drückten ihre Sorge aus, sie fanden überdies, dass „die Politik“ hier dringend was machen sollte, für Klarheit sorgen – das wäre jetzt wichtig. Zum Schluss der Fernseh-Straßenumfrage aber hatten die Reporter, die damals noch wussten, dass Gesellschaftskritik keine Frage des Beschäftigungsverhältnisses ist, noch eine Dame mittleren Alters vor der Kamera. Sie stellten ihr die gleiche Frage wie allen anderen. Ob sie sich Sorgen mache. Wegen der Zukunft. Und überhaupt. „Nein“, antwortete die Dame in ruhigem Ton, „das betrifft mich nicht, ich bin Beamtin.“
Die Diagnose ist differenziert: Die meisten Leuten verließen sich damals wie heute „auf die Politik“, die was regeln soll, und gemeint war damit natürlich, dass Öl, Benzin, Diesel und Heizöl billiger werden müssten. Das ist vernebelt, klarer Fall, aber noch ein wenig nachvollziehbar, wenn das Geld knapp ist und Existenzängste groß. Den brain fog der verbeamteten Damen hingegen kann man schneiden: Dass man sich um sie kümmert, erwartet sie erst gar nicht, das ist für sie ein Naturgesetz. Das Elend der anderen, ihre Zweifel, ihre Nöte, ihre Ängste, das geht sie nichts an. Sie existiert im brain fog in einem Paralleluniversum, im tiefen Sozialkulturellen Fatigue-Syndrom, wie er nur im SKFS-Milieu entstehen kann.
Wolf Lotter ist Autor und Journalist mit den Schwerpunkten Transformation und Innovation. Er ist Gründungsmitglied von PEN Berlin.
In der taz FUTURZWEI schreibt er regelmäßig die Kolumne Lotters Transformator. Im November erscheint von ihm: Digital Erwachsen: Streitschrift für mehr natürliche Intelligenz. Haufe 2025, 220 Seiten, 22 Euro.
Die Unmöglichen
In der Pariser Studentenbewegung von 1968, die sich von ihrem deutschen Pendant vor allem durch intellektuelle Feinheit und Fröhlichkeit unterschied, gab es den schönen Satz: „Bleiben wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“
Die deutschen 68er haben da meist was falsch verstanden. Sie wurden realistisch, indem sie sich in jene verwandelten, die für sie noch kurz zuvor die Ursache aller Reaktion, Ignoranz und Macht waren, zu Beamten, also Staatsdienern. Damit das aber alles seine Ordnung hatte, erklärte man den „Marsch durch die Institutionen“. Natürlich wollte man die Gesellschaft transformieren. Natürlich wollte man, dass die Leute endlich machten, was man ihnen politisch vortrug. Aber das aus der sicheren Distanz einer unkündbaren Position, auf die man einen Anspruch hatte. Revolution unter Wahrung des Dienstrechtes also, eine deutsche Konstruktion, bei der man stets folgenfrei über die Veränderung reden kann, ohne sie zu vollziehen. Über das jeweilige Objekt, mal Ökologie, mal Wirtschaft, mal Arbeiterklasse, lässt sich aus sicherer Distanz plaudern.
Das ist SKFS im Endstadium: Wenn einem nichts mehr passieren kann, passiert auch sonst nichts. Für die Transformation sind diese Leute gestorben. Wem nichts passieren kann, durch den passiert auch nichts. Es ist Transformationstheater, dass da gespielt wird, eine Inszenierung, die der Legitimierung dient. Und bei der, mit Sicherheit, immer dann, wenn es brenzlig wird, die Karte gezogen wird, auf der steht: Es betrifft mich nicht, ich bin Beamter.
Die intellektuellen Eliten, oder was man in diesem Land mangels Angebot und Nachfrage dafür hält, entwickelten einen brain fog der Sonderklasse. Sie ermahnten alle zur Besserung – außer sich selbst. Betrat man eine Hochschule, eine Redaktion, und blies nicht auch den brain fog in die Runde, wurde man sofort moralisch niederkartätscht. Das ist natürlich Orwell, Farm der Tiere, alle sind gleich, nur einige gleicher, und letzteres heißt: Die Transformation ist für alle, nur nicht für die weisen Anführer der Transformation, die bekommen Sonderverpflegung auf dem langen Marsch. Dabei spielt es, aufgepasst, keine Rolle, ob diese Ansprüche mit dem Etikett LINKS, RECHTS, BÜRGERLICH oder GRÜN versehen werden. Die vermeintliche politische Einstellung hat damit nicht das Geringste zu tun. Auch die ist ja Schutzbehauptung. Man könnte nun sagen, das alles ist schlimm, aber wir wissen ja, dass es noch andere gibt. Doch das ist falsch. Denn die Scheintransformatoren, die nicht transformieren, haben ihre entscheidende Rolle in der Öffentlichkeit, nicht nur in den Medien, auch an den Hochschulen, in der Politik, und ja, auch im Management, in dem sich ebenso prima das eine sagen und das andere machen lässt. Heuchelei ist im Marsch durch die Institutionen, wie man in diesen Kreisen furchtbarerweise sagt, „in unserer DNA“.
„Natürlich merken das die Leute, die echte Probleme haben, und dann wählen sie Parteien, die noch größere Probleme machen. Das ist der politische, gesellschaftliche Preis des Heuchelns.“
Es-betrifft-mich-nicht-ich-bin-Beamtin ist keineswegs nur auf Beamte umlegbar, die wissen, dass sie die Ersten sind, um die sich die Politik kümmert, wenn es eng wird. Es gibt auch noch die Variante Mir doch egal, ich habe geerbt und Ich kann gerade nicht, ich muss nach Mallorca fliegen oder Was juckt mich das, ich habe einen großartigen Abfindungsvertrag! oder, auch immer gerne, Ich bin ausbildungstechnisch dafür nicht zuständig – um nur einige zu nennen. Dieses Land besteht zu einem wesentlichen Teil aus Menschen, die es nicht betrifft, die nicht zuständig sind, die gerade nicht können, weil sie im Urlaub oder im Meeting sind oder die es sich einfach leisten können, drauf zu pfeifen, so wie die „Dame“ aus Wien in den 70er-Jahren. Die Deutschen sind transformationsmüde, und zwar vom reinen Zuhören, und überdies, weil es sie ja nicht betrifft.
Die Schönredner
Natürlich merken das die Leute, die echte Probleme haben, und dann wählen sie Parteien, die noch größere Probleme machen. Das ist der politische, gesellschaftliche Preis des Heuchelns. Deshalb stimmt ja das Gerede von der konservativen, reaktionären Wende eben nur an der Oberfläche.
Ja, es kommen wieder die aus den Löchern, die stramme Betriebsführung und Autorität einfordern, dummen Fleiß statt Denken und Gehorsam statt Selbstbestimmung. Aber ist das nicht auch deshalb so, weil die, die behauptet haben, die Gesellschaft bei ihrem Marsch durch die Institutionen gründlich verändert zu haben, gar nichts oder wenig erreicht haben, weil ihre Ambitionen dann doch eher nur für einen gemütlichen Spaziergang gereicht haben?
Unübersehbar ist das. Deshalb gelingt es ja auch wieder vielen von denen, die jahrzehntelang die Notwendigkeit der Transformation beschworen haben, nun ihre ganz persönliche konservative Wende zu vollziehen. Sie sagen: Es ist ja ohnehin alles prima, Deutschland stehe gut da, das soziale System und die materielle Sicherheit wären sehr gut. Wer weiterhin kritisch herummäkle, der nutze nur der AfD – seltener der Linken, aber das auch. Nun sind die Kritiker der Elche endgültig dort angekommen, wo sie mental immer schon waren, im Lager all jener, die schon vor fünfzig, sechzig Jahren den langhaarigen, laute Musik hörenden Rotznasen erklären, dass sie sich ja ruhig nach Biafra aufmachen könnten oder Indien oder in die DDR, wenn ihnen hier was nicht passe. Der brain fog ist so dicht, die Realität so getrübt, dass die hässliche Lage nur mehr schöngeredet werden kann.
Das Schönreden ist immer die letzte Stufe vor dem Untergang. Im Grunde genommen sind das bereits Durchhalteparolen. Es ist zu offensichtlich, wie sehr Deutschland, nein, die ganze EU, die Entwicklung verpennt hat in den letzten Jahrzehnten. Deshalb konnte Donald Trump Ende Juli 2025 vor laufenden Kameras die Hand der EU-Chefin Ursula von der Leyen tätscheln, wie ein Opa das mit seiner vierjährigen Enkelin macht.
Man muss an dieser Stelle Trump dankbar sein dafür, denn das ist wie ein Fenster in die Wirklichkeit, durch den brain fog der Europäer hindurch, das auf die wahren Verhältnisse ein klares Licht wirft. Von der Leyen hatte gerade die US-Zölle für europäische Waren von 30 auf 15 Prozent runtergehandelt, was nur dann ein Sieg ist, für den man sich feiern lassen kann, wenn man schon die Grundrechenarten für Teufelswerk hält. Nun aber kann man natürlich nicht zugeben, Teil eines Systems zu sein, das die Transformation auf allen Kanälen verschlafen hat, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa (abzüglich Skandinaviens, die sind nicht so doof, sich am Stillstand zu orientieren). Nichts, gar nichts ist geschehen außer dem Gerede über Transformation. Die Menschen, die ernsthaft daran gearbeitet haben, wurden insgeheim für dumm verkauft von denen, die es nicht betrifft. Abhängig, nicht transformierbar, risikoscheu und rückwärtsgewandt haben sich hier alle etwas vorgemacht.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°35: Wohnzimmer der Gesellschaft
Demokratie braucht Orte des Gemeinsamen, Wohnzimmer der Gesellschaft. Die damit verbundenen positiven Gefühle konstituieren Heimat. Mit jeder geschlossenen Kneipe, leerstehenden Schule, verödenden Ortsmitte geht das Gefühl des Gemeinsamen, geht Heimat verloren. Das ist ein zentraler Zusammenhang mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus.
Mit: Aladin El-Mafaalani, Melika Foroutan, Arno Frank, Ruth Fuentes, Maja Göpel, Stephan Grünewald, Wolf Lotter, Luisa Neubauer, Jana Sophia Nolle, Paulina Unfried, Nora Zabel und Harald Welzer.
In sicherem Abstand zur Wirklichkeit, vom brain fog umweht, tun diese Nachtwächter mwd jetzt so, als scheine rund um die Uhr die Sonne. Und schon der Hinweis darauf, dass das nicht so ist, gilt als Vaterlandsverrat.
Die Schönredner sind da. Es wird hässlich.
Die Allianz der Trägen
Wer trägt diese Schönrederei und Rückwärtsbewegung?
Es gibt eine neue Allianz, die nicht die Mitte darstellt, sondern ein merkwürdiges Milieu aus Leuten, denen nichts passieren kann, ganz gleich, ob sie für den Staat arbeiten oder für Konzerne oder die einfach ihren Wohlstand anderen verdanken, etwa dem Erbe, das sie verzehren. In den Sinus-Milieu-Studien, die die deutsche Gesellschaft vermessen, gibt es eine Gruppe, die als „Nostalgisch-Bürgerliches Milieu“ beschrieben wird und die rund elf Prozent der sogenannten Mittleren Mittelschicht ausmacht. Diese Gruppe grenzt an und verbindet sich in der Milieuforschung stark mit der Oberschichtklasse des „Konservativ-Gehobenen Milieus“ und dem „Traditionellen Milieu“, und das, was dort gedacht wird, findet im „Adaptiv-Pragmatischen Milieu“ viel Aufmerksamkeit. Pragmatismus hat in Deutschland ja nicht die Bedeutung von eigener, nüchterner Analyse der Verhältnisse, sondern von nach- und mitmachen, ist also eigentlich purer Opportunismus.
Gemeinsam bringen es diese Milieus, in denen heute die Transformationsmüden das Sagen haben, auf mehr als 40 Prozent der Bevölkerung. Das reicht locker aus, um Grundstimmungen zu erzeugen, bei denen das SKFS zum neuen Normal wird, sogar mehr als das, zum neuen politischen und kulturellen Establishment. In Zeiten der großen Veränderungen und ökonomischen Krisen ist die Einteilung der Welt in Reiche und Arme allein nicht mehr trennscharf genug. Es gibt Gesicherte und Ungesicherte, Leute, die kaum ein Existenzrisiko haben und welche, denen man ständig noch was draufschaufelt. Ersteres eint Beamte und De-facto-Unkündbare im öffentlichen Dienst mit Managern, die sehr gute Abfindungsverträge haben. Denn die Leute, die anderen Leuten gerne allerlei Risiken zumuten, achten bei Vertragsabschluss sorgfältig darauf, dass sie selbst keine eingehen. Nicht die Weltsicht, erst recht nicht die Parteizugehörigkeit definiert dabei die Allianz, sondern die Gewissheit, zu denen zu gehören, die sich, Krise hin, Krise her, rüberretten konnten. Sie sind es, die Norbert Blüm meinte, als er 1986 behauptete, „die Rente ist sicher“. Für sich und seinesgleichen hat er ja auch Recht behalten.
Die Opfer
Die anderen aber sind die Verlierer der Geschichte, die Menschen, die ihre Jobs in Krisenbranchen haben, von denen es immer mehr gibt. Oder die Angst haben, mit ihrer Rente nicht klarzukommen, die im Schnitt ja nur die Hälfte der Kosten eines Pflegeplatzes ausmacht. Oder Bürgergeldempfänger und Alleinerziehende, die beschämt und fassungslos vor den Regalen der Supermärkte stehen, und für die, anders als für das Brain-fog-Establishment, keine Inflationsausgleichszahlungen existieren, die auch nur einen Bruchteil der enorm gestiegenen Kosten auffangen würden. Diese Leute sind die Opfer der alten Transformationsmüdigkeit, die in Deutschland immer Politik und große Wirtschaft gemacht hat, selbstgerecht, als Autoland, dem angeblich niemand etwas kann, und als Partner autoritärer Regimes, die man hochmütig als verlängerte Werkbank sah – obwohl sie, wie Peking, längst vom Mündel zum Vormund geworden waren.
„Diese Leute sind die Opfer von denen, die eine grüne Wende beschworen, aber nicht gemacht haben, weil man auch mit Greenwashing schon überall durchkam, besonders, wenn man damit ein Amt ergatterte.“
Diese Leute sind die Opfer von denen, die eine grüne Wende beschworen, aber nicht gemacht haben, weil man auch mit Greenwashing schon überall durchkam, besonders, wenn man damit ein Amt ergatterte. Diese Leute sind die Opfer von denen, die das Renten- und Sozialsystem, von dem man seit den 70er-Jahren weiß, dass es einen betrifft, gegen jede Logik und jede Einsicht nicht reformierten. -Diese Leute sind die Opfer von professionellen Schönrednern, die behauptet haben, es könne alles so bleiben, wie es ist. Das ist die Tatgemeinschaft des Establishments, das sich mal in Form träger Intellektueller, mal in Form selbstgerechten Managements und mal in Form einer Politik zeigt, die die Lüge, alles bleibe beim Alten, so lange erzählt hat, dass niemand mehr die Wahrheit hören will.
Transformation wird nun zu einem demokratischen Störfaktor. Das Establishment behauptet, dass es hier eigentlich gar nichts zu ändern gäbe, weil alles ohnehin ganz prima laufen würde. Nur Links- und Rechtsaußen wären die Leute, die das System schlecht machen würden, weil das zu ihrem Geschäftsmodell gehöre. Matt und satt erheben sich die Stimmen der alten Männer, die meinen, mir geht es gut, und dann sagen, uns geht es bestens. Verzieht euch mit euren Problemen!
Diese Leute sind, anders kann ich es nicht sagen, verlogenes Gesindel. Diese Leute sind transformationsmüde, und ich frage mich: Wovon eigentlich? Sie haben nichts geschaffen, vieles blockiert, verhindert, selten offen, meistens hintenrum, sie haben die Naivität der Leute systematisch ausgenutzt. Und jetzt behaupten sie, es müsse gar nicht so viel Transformation geben, das sei ja überschätzt. Das ist nicht nur eine Lüge, sondern eine Kriegserklärung an alle, die zu den Opfern dieser Schönredner gehören, bei denen ständig die Realität anruft, aber niemand den Hörer abnimmt. Reaktionär sind sie allesamt, von links bis rechts.
Die Perfidie der Trägen
Die Mattigkeit ist weitgehend selbstverschuldet. Ja, es gibt Putin, Xi, Trump, alle drei sind, mit Verlaub, Arschlöcher historischen Ausmaßes. Und es gibt im Land die AfD und noch so einiges politische Gesindel mehr, dem an der -Destabilisierung der Republik und der Zerlegung der Demokratie sehr gelegen ist. Es gibt Medien – ich sage nur Buletten-Prawda – die gerne auf die Schlagzeilen ballern, was alles schlecht läuft im Land, die Bahn, die Energieversorgung, die Verwaltung und vieles andere mehr, und leider, man muss das mal so sagen, hat diese Propagandaschleuder, offizieller Name Berliner Zeitung, dabei nicht selten die Realität auf ihrer Seite.
Man kann auf die Vorwürfe der politischen Gegner, nein: Feinde, nun auf zweierlei Art reagieren: Indem man endlich eingestehen würde, dass das Weiter-so und Mehr-vom-Gleichen ein Irrweg war, jahrzehntelang, und dass es höchste Zeit ist, sich zusammenzureißen. Dass das Buch des weltklugen Robin Alexander über die gegenwärtige Bundesregierung den Titel Letzte Chance trägt, ist kein PR-Gag, sondern Realität. Aber sie wird nicht nur nicht genutzt, im Gegenteil, man gibt den Affen auch noch Zucker, indem man es für schlau hält, das Alice-Weidel-Sommergespräch vor dem Hintergrund einer Lärmkulisse immer noch im Außenbereich zu präsentieren, dort also, wo es Weidel und ihren Leuten am meisten nutzt – Märtyrertum ist eine wichtige Währung in der Politik. Da schmiert der sozialdemokratische Vizepräsident des baden-württembergischen Landtages ein Hakenkreuz auf seinen Stimmzettel und schiebt erst die Schutzbehauptung nach, er habe damit gegen die AfD protestieren wollen, um dann, wo alle merken, dass das Blödsinn ist und das Gegenteil erzeugt, nachzuschieben, sein „Gehirn habe ausgesetzt“. Die Frage ist bei solchem Personal: Wie lange ist das schon der Fall? Und ist diese geistige Schlichtheit nicht ein, wenn nicht sogar ein ganz wesentlicher Grund, warum sich die Zerstörer der Demokratie und die Hasser der Veränderung so leichttun?
„Kompetenz ist erstmal glaubwürdige Klarheit, dass man in der Lage und willens ist, die vielen Baustellen aus der alten Industriegesellschaft zu beseitigen, die Probleme also zu lösen, anstatt nur darüber zu reden und davon zu leben, dass sie weiter existieren.“
Wem das Können und der Verstand fehlen, nüchtern soziale, politische, ökonomische und ökologische Inventur zu machen, ohne selbst auch nur ein Gramm Risiko auf sich zu nehmen, macht sich zu Weidels Wahlhelfern. Da braucht es keine Brandmauer, keine Demos, kein Tamtam und auch nicht die perfide Behauptung, das Land sei ohnehin im besten Zustand, und nur Nazis und andere Extremisten sähen das anders. Das ist eine verlogene Schutzbehauptung für die eigene Unfähigkeit, die Verhältnisse ändern zu können und ändern zu wollen. Es braucht Kompetenz.
Gegenschlafmittel
Das ist das eigene Gegenmittel zum SKFS.
Kompetenz ist erstmal glaubwürdige Klarheit, dass man in der Lage und willens ist, die vielen Baustellen aus der alten Industriegesellschaft zu beseitigen, die Probleme also zu lösen, anstatt nur darüber zu reden und davon zu leben, dass sie weiter existieren. Das ist das Erste. Kompetenz ist auch Können – und zwar anders, als wir es in der selbstgerechten Werbekampagne des untergehenden Autolandes Baden-Württemberg erlebten, in dem angeblich alles gekonnt wurde, außer Hochdeutsch. Das war eine „lustige“ Wendung, hinter der sich das sture Weiter-so im Namen der Autoindustrie und der vor ihr abhängigen Zulieferbetriebe verbarg. Wer widersprach, wurde gefeuert oder diskreditiert. Heute sind die Insolvenznachrichten so zahlreich, dass sich in den zerfallenden Industriezonen rund um Stuttgart eine Stimmung breitmacht, die Sozialhistoriker aus der Studie Die Arbeitslosen von Marienthal von Marie Jahoda und Paul Felix Lazarsfeld aus dem Jahr 1933 kennen.
Auch damals waren diese armen Menschen keine Transformationsverlierer, sondern im Gegenteil: Sie waren die Opfer von Transformationsverhinderern. Das war die Vorbereitung zur totalen Diktatur. Eine Elite, die ihre Inkompetenz in Problemlösen und Handeln schönredete, die es einfach nicht konnte, und die allen, die ihnen dafür nicht Beifall klatschten, den Mund verbieten wollte. Schönreden ist autoritär und zynisch, ein Akt der Gewalt der Mächtigen gegen die ohnmächtig Gemachten. Das endet nie gut, sondern nur noch viel schlechter als gedacht.
Wer also behauptet, Kritik an den Verhältnissen, am Stand der Transformation, am dysfunktionalen deutschen Sozial- und Gesundheitssystem sei gleichsam ein Zuspiel für die Extremisten, der lügt oder ist dumm, oder beides. Dass man mit diesem brain fog durchkommt, liegt an einem weiteren, nur mit einem Anglizismus zu beschreibenden -deutschen Problem, dem eyes wide shut, wenn es um die eigene Rolle geht. Das kennt man: Leute, die sich immer nur mit ihresgleichen abgeben, die in ihrer Bubble bleiben, weil diese Bubble sich selbst von allen Zweifeln am eigenen Tun freigespielt hat – und nur noch anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. So geht der Tag vorbei. So bleibt alles unerledigt. In gewisser Hinsicht gleichen also auch all jene, die schönreden, den lethargischen Arbeitslosen von Marienthal. Sie wiederholen ihre Phrasen gebetsmühlenartig, ganz so, als ob ihr brain fog die Realität wäre.
Der brain fog ist aber nur brain fuck.
Es braucht auch wieder jenes „walk the talk“, also das, was man behauptet, auch offensichtlich selbst zu leben. Wer andere auffordert, schneller zu rudern, muss selbst an den Riemen, die Risiken, die er anderen zumutet, auf sich nehmen. Skin in the Game hat das der amerikanische Publizist Nassim Nicholas Taleb in einem seiner Buchtitel genannt. So ist es.
Wer nie am Ruder saß, nie den Riemen zog, sollte einfach mal die Klappe halten oder ganz von Bord gehen. Das geht raus mit schönem Gruß an alle selbstzufriedenen Schönwettertransformatoren: Versucht mal das Unmögliche. Werdet Realos.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ – erhältlich im taz Shop.