Kurzgeschichte zum Valentinstag: Treffen zwischen 4 und E

Am kitschigsten Tag sollte man nicht vergessen: Liebe entspringt den seltsamsten Orten. Eine fiktive Annäherung an die Banalität der Romantik.

Das Innere eines Aufzugs

Dieser Aufzug hat eigentlich Platz für zwölf Personen. Hier transportiert er eine Liebes­geschichte Foto: Jonathan Browning/Millennium/plainpicture

Die Spitze ihres Stöckelschuhs streifte den E-Knopf des Fahrstuhls, der nun aufleuchtete; woraufhin sie, die Spitze, wenige Sekundenbruchteile später, an der Innenseite der äußeren Knopfumrandung hängenblieb; woraufhin der daran, am Stöckel, am Schuh, hängende rechte Unter-, dann auch Oberschenkel Frau Küchlers sich ruckartig verkrampfte, Frau Küchler aufschrie und Herr Vidmar, der für sie bisher unbemerkterweise auch im Fahrstuhl stand, vor Schreck kurz vom Boden abhob.

Man muss so ausgiebig beschreiben, denn das war ihre erste Begegnung. Dann folgte sieben Monate gar nichts. Herr Vidmar war DHL-Paketbote, davor Billigfleischer bei Wiesenhof gewesen. Schlecht, immer diese kalten Schweinehälften. Besser, diese mittelwarmen Pakete, jetzt. Vidmar hatte an ausschnittsweise ausgiebig beschriebenem Tag seinen Kollegen vertreten.

Dessen Zustellbezirk umfasst einen Teil der etwas besseren Stadtteile und ist daher etwas kleiner als die anderen. So erhalten die etwas besseren Leute ihre Pakete etwas schneller und außerdem etwas zuverlässiger. Viele der im Viertel befindlichen Häuser besitzen überdies einen Portier, der die Pakete annimmt und verwahrt, falls die, für die sie bestimmt waren, mal wieder in irgendeinem der Türme um die Ecke die Bildschirme aufflackern lassen müssen; auch das machte Herrn Vidmar an diesem Tag die Arbeit erheblich einfacher.

Herr Vidmar, 53, über dessen Innenleben kaum etwas bekannt ist, weil, was ist schon ein Innenleben, war wahrscheinlich also gut gelaunt gewesen, oder zumindest nicht missgestimmt, als er die Amalienhöfe an jenem Tag betreten hatte. Das ist zwar völlig egal, soll aber trotzdem nicht unerwähnt bleiben. Irgendwas muss man ja sagen. In die Amalienhöfe trug er ein auf 1,21 x 0,45 x 0,86 Meter dimensioniertes Paket mit einer Artischockenleuchte, heruntergesetzt aus einem Online-Designoutlet. Nicht für Frau Küchler, sondern für Frau Becher, die abgewirtschaftete Erbin eines inzwischen abgewirtschafteten Tierfutterfirmen-Erbes.

Unverzeihliche Sünden

Frau Küchler bestellt nichts online, nur Klamotten, Schmuck und wechselnde Putzkräfte für ihre Fünfzimmerwohnung. Bei ihr lief es gut. Sie war 46 Jahre alt und seit sieben Jahren Chefin der Rechtsabteilung bei Hoboken-Schweps. Das ist eine große Frankfurter Unternehmensberatung, Spezialgebiet: Mittelstand, Business-to-Business, Beratung von Unternehmensberatungen. Frau Küchler war als Jugendliche Leistungsschwimmerin gewesen und einfach immer ein bisschen härter als die anderen. Dann Jurastudium, Volljuristin, Einstieg bei Strittmatter, Aufstieg; Glück, dass zur richtigen Zeit der Posten bei Hoboken frei geworden war.

Normalerweise pinkelt er in eine Flasche, scherzt er. Das macht Frau Küchler neugierig

Was Herr Vidmar sich nicht verzeihen kann: einmal bei Nacht mit seinem Lieferwagen einen Fuchs totgefahren zu haben. Füchse sind die Ritter des Waldes. Was Frau Küchler sich nicht verzeihen kann: sich als Jugendliche in der Achsel tätowieren lassen zu haben. Sie hatte das Tattoo – einen Schwan mit Musiknoten als Kopf – zwar schon längst wieder wegmachen lassen, aber seither tut ihr der Arm weh beim Heben.

Es ist in gewisser Weise eine Täuschung, beide so gleichberechtigt auftreten zu lassen. Denn sicher hat Herr Vidmar seine Wege, mit nervigen Kunden umzugehen: einfach mal einen Inkasso- oder Drohbrief, gibt’s im Internet, in den Briefkasten legen, zum Beispiel. Nein, das könnte er sich natürlich nicht erlauben, schließlich hat er nur sechs Stunden gleich viel zu wenig Zeit für den, also den größeren wie den kleineren, Bezirk. Nur Wut bleibt ihm, Nervosität, riskante Überholmanöver. Oder vielleicht hat er auch Spaß an Letzteren. Ich weiß es nicht.

Andererseits hatten beide – Frau Küchler vor der Arbeit, Herr Vidmar bei der Arbeit – nun mal im Aufzug gestanden, beide atmend, beide elektronisch belüftet und beliftet. Zwei Körper, zwei Gehirne, zwei Hosen, vier Schuhe, die man an der Aufzugbürste saubermachen könnte (der Aufzug hat eine eigene Schuhbürste). Vidmar war im fünften Stock eingestiegen, Küchler im vierten; das Haus hat sechs Stockwerke, der Aufzug Platz für zwölf Personen, max. 1.430 Kilogramm.

Das Unglück, das aus Küchlers morgendlich-täglicher Ich-krieg-das-­Bein-noch-so-hoch-Routine her­vorgegangen war, geschah ­irgendwo zwischen 4 und E wie Erdgeschoss. Sie hatte Vidmar, wie gesagt, zu diesem Zeitpunkt gar nicht bemerkt, was ihr fast zu denken gegeben hätte. Wäre da nicht der alles überstrahlende Beinschock gewesen.

Sieben Monate später ist Frau Küchler ein paar einschneidende Kilometer in Richtung Alles-Verloren-Hausen gefahren. Es wäre zu einfach zu denken, das alles habe mit dem Krampf im Aufzug begonnen.

Nein: Sie hatte einfach ein paar mal zu oft den Kürzeren gezogen in irgendwelchen rhetorischen Stellungskriegen in Meetings, ihren jungen, dynamischen Stellvertreter, Herrn Dunguins, unterschätzt, sich mit ihren Einschätzungen zur Übernahme von Habelstrater und Beine verkalkuliert und war dem Hund des Vorstandsvorsitzenden aus Versehen auf den Fuß, also die Pfote, getreten, der daraufhin einen Trümmerbruch erlitten, sich im Hundekrankenhaus einen Krankenhauskeim eingefangen hatte und gestorben war.

Zumindest ist das die Version der Geschichte, die man sich in gewissen Kreisen mittags am Suppenschalter im Biomarkt erzählt.

Sieben Monate später ist Herr Vidmar noch immer DHL-Paketbote und würde das hoffentlich noch ein paar Jahre bleiben, bevor er mit mickriger Rente in einem selbst ausgebauten Blockhaus im Harz verkümmern und, um die Verkümmerung etwas aufzuhalten, ab und zu mit einem sehr gebrauchten Lieferwagen noch immer Pakete ausfahren würde, wodurch er seine mickrige Rente außerdem aufbessern könnte.

Symbiotische Beziehung mit der DHL

Einer seiner Lieblingsfilme ist ja „The Transporter“ mit Jason Statham. Daraus entnimmt er die unerschütterliche Gewissheit, niemals das Paket zu öffnen. Daran hält er sich, noch immer. Eine symbiotische Beziehung, denn die DHL ist schon durchaus froh, wenn jemand so zuverlässig mitarbeitet.

Sieben Monate später ist Herr Vidmar wieder im Zustellbezirk seines nun ehemaligen Kollegen unterwegs, und zwar dauerhaft. Dem hat bei einer Vollbremsung ein lose herumliegender Schraubenzieher die Schädeldecke eingeschlagen. Das macht Herrn Vidmars Leben, wie gesagt, etwas angenehmer; jetzt dauerhaft. Frau Küchler hat sich zwanzig Packungen Kombucha bestellt, sie hatte einfach Lust darauf.

Der Portier leiht Herrn Vidmar widerwillig eine Sackkarre, mit der er zweimal sieben und einmal sechs Packungen Kombucha vier Stockwerke nach oben fährt, dann in Frau Küchlers Wohnung rollt, wieder zurückrollt und runter fährt, dann von Neuem. Wiederum weiß ich nicht, was dann genau geschieht. Jedenfalls sitzt Herr Vidmar nach der Auslieferung verbotenerweise auf Frau Küchlers Seidensofa, eine halbe Stunde lang.

Er fragt, ob er ihr Bad benutzen darf, weil er tatsächlich wahnsinnig dringend muss. Normalerweise pinkelt er in eine Flasche, scherzt er, im Auto. Das macht Frau Küchler neugierig. Herr Vidmar vergisst in der Eile, die Badezimmertür abzuschließen. Frau Küchler guckt durchs Schlüsselloch und öffnet die Tür, gerade als Herr Vidmar spült. Sie haut ihm auf den Arsch und wickelt dann seinen Unterleib in Paketband ein. Als sie fertig ist, ist das Paketband aufgebraucht und sie muss neues bestellen. Wie gut, dass sie Herrn Vidmar hat.

Am nächsten Tag kündigt Herr Vidmar seinen Job und zieht in eines der fünf Zimmer bei Frau Küchler. Frau Küchler kündigt auch. Sie hat noch dreieinhalb Millionen auf dem Konto. Vielleicht gründen sie einen Online-Versandhandel. Für Paketboten. Mal sehen.

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