Kunstausstellung „Bonds“ in Berlin: Wie ein Dildo aus einer anderen Welt

Die Künstlerin Julie Favreau zeigt in ihrer Berliner Ausstellung „Plops“. Das sind Formwandler, die mal an Vibratoren, mal an Zucchinis erinnern.

Videostill: Man sieht Gesichter und nackte Oberkörper von Menschen hinter einer Glasscheibe, die sich gegenseitig berühren

Ausschnitt aus dem Video „Will Deliquesce“ Foto: Julie Favreau

Eine junge Frau, die nur mit einem langen weißen T-Shirt bekleidet ist, geht über eine Wiese auf einen Wald zu. Neben ihr erscheint ein organisch wirkendes, doch digital generiertes Ding, das erst fleischfarben ist und wie ein fliegender Gehörgang aussieht, später halb transparent wie ein Kugeltierchen. Die Frau spielt mit dem seltsamen Objekt, das immer wieder leicht seine Form verändert, leitet es gedankenverloren mit dem Finger, als würde sie mit einem Schmetterling plänkeln. Im vertikalen Handyvideoformat zeigt die Arbeit „This Thing“ eine Art postbiologisches Balzritual.

Unwillkürlich denkt man da an den Horrorfilm „Das Ding aus einer anderen Welt“ aus den 50er Jahren. Doch das biomorphe Etwas ist nicht aus dem Weltall gekommen, um die Menschheit auszurotten. Eher wirkt es wie ein Wesen, das mit dem Computer entwickelt wurde und nun physisches Objekt geworden ist, um sich dem menschlichen Körper anzunähern; es scheint danach zu verlangen, in Körperöffnungen eingeführt zu werden oder Körperteile zu umfließen.

„Plops“ nennt die kanadische Künstlerin Julie Favreau diese Formwandler, die mal an Vibratoren, mal an Zucchinis, mal an Finger erinnern und die in ihrer Ausstellung „Bonds“ in der Schwartzschen Villa in Steglitz zu sehen sind. In ihrer Schwabbeligkeit sind sie trotz länglicher Form weniger phallisch, sondern lassen eine Art androgyner Post-Gender-Sexualität aufscheinen, in der die Gegensätze von männlichen und weiblichen Sexualorgane von einer neuen Art der körperlichen Vereinigung abgelöst wurden. Wie genau so etwas aussehen würde, dafür sind die „Plops“ aber eher Umschreibung als Bildfindung.

Julie Favreau: Bonds. Bis 11. Oktober, Schwartzsche Villa in Steglitz, Berlin.

Favreau, die als Stipendiatin des Künstlerhauses Bethanien nach Berlin kam, geht es ausdrücklich darum, digital erzeugte Quasi-Organismen mit dem menschlichen Leib in Kontakt zu bringen. In der Videoarbeit „Will Deliquesce“ werden sie von einer Gruppe unbekleideter, junger Leute genutzt, die sich in einer Art achtsamen Sexorgie ohne Penetration, Schweiß oder Stöhnen einander annähern. „Plops“ werden auf anderen Leibern platziert, es gibt vorsichtige Berührungen, Blicke und Annäherungen; weiter geht es nicht. Die Arbeit ist 2017 bei einem Projekt der ETH Zürich entstanden, bei dem Künstler, Philosophen und Biotechnologen gemeinsam nach neuen Bildern für künstliche Intelligenz suchten.

Erinnert an feministische Kunst der 70er

Obwohl das Video also lange vor der Coronakrise gedreht wurde, passt diese berührungslose Kontaktaufnahme gut in eine Zeit des Social Distancing. Gefilmt wurde durch ein Stück Glas, das an die Plexiglasscheiben erinnern, die an Supermarktkassen und Bankschaltern den Flug der Aerosole aufhalten sollen. Kleine Unebenheiten im Material verzerren den Anblick von Gesichtern und Körperteilen, als seien die Videobilder mit einem Grafikprogramm nachbearbeitet worden.

Unwillkürlich denkt man an die feministische Body Art der 70er Jahre, als der nichtperfekte weibliche Körper bei Performances und in Video- und Fotoarbeiten in seiner Verletzlichkeit, seiner Alltäglichkeit und seinem Verfall gezeigt wurde. Künstlerinnen wie Hannah Wilke, Carolee Schneemann oder Valie EXPORT wollten damit dem objektivierenden und idealisierenden Blick etwas entgegensetzen, den männliche Künstler jahrhundertelang auf den weiblichen Leib geworfen hatten.

Im Vergleich dazu erscheinen Favreaus Videos und Installationen wie Produkte des Instagram-Zeitalters. Bei „Will Deliquesce“ sind die Bilder so pastellfarben, als hätte sie ein App-Filter verschönert. Und „This Thing“ hat was von einem Selfie, bei dem sich eine Influencerin mit dem neu erworbenen Statussymbol ablichtet.

Hannah Wilke hat mit ihren Kaugummiplastiken eine Art Vorgänger von Favreaus Plops geschaffen. Die durchgekauten Kaugummis drapierte die Künstlerin auf ihrem nackten Körper oder zeigte sie als Gegenentwurf zu der glatten Ästhetik der Minimal Art im Raster angeordnet in Vitrinen. Sie wirkten ebenfalls organisch, im Gegensatz zu den glatten Plops allerdings gleichzeitig etwas unappetitlich. An Favreaus Objekten ist nichts abstoßend und verstörend, soll es wohl auch gar nicht sein.

Ob die Symbiose von Organischen und Technischem aber so – im Wortsinn – reibungslos und so sexy wie in ihren Arbeiten ist oder jemals sein kann, sollte man aber doch noch einmal hinterfragen. Besteht diese Symbiose in der Realität derzeit nicht eher aus Fitness- und Produktivitäts-Apps zur Selbstoptimierung für den kapitalistischen Überlebenskampf? Oder problematischen Geschäftsmodellen wie denen von Amazon, Uber oder Delivery Hero, die menschliche Körper nach Profitinteressen zurichten? Zu Ausbeutung, Quantifizierung und dem Eindringen von Neoliberalismus und Betriebswirtschaft in alle Lebensbereiche mithilfe von digitaler Technologie haben Favreaus sexualutopische Plops nichts beizutragen.

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