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Krüpplige Liebe

■ Radiohead über Geschmacklosigkeiten der britischen Presse und miserablen Rock

„Creep“ heißt der Song, mit dem sich vor drei Jahren die halbe Welt identifizieren konnte. Mit „I wish I was special, so fucking special“, sang sich Thom Yorke nicht nur seine eigene Frustration von der Seele. Ein großer Hit kann ein großer Fluch sein, Wiederholung ist angebracht. „Es ist schwierig“, gibt Gitarrist John Greenwood zu, „wir könnten in bestimmten Ländern jetzt immer noch mit „Creep“ touren. Wir haben den Fehler gemacht, das neue Album erst nach drei Jahren herauszubringen und nicht schon eher zu beweisen, daß wir noch etwas anderes können.“

Der Druck ist wohl groß, wie groß, läßt nicht zuletzt der Titel des im März dieses Jahres erschienenen neuen Albums erahnen: The Bends ist wohl nicht zufällig die englische Bezeichnung für „Druckluftkrankheiten“.

Neider kramen denn auch emsig in ihrer Plattensammlung. Da wird eifrig mit U2 verglichen – und das ist keinesfalls als Kompliment gedacht. Da ist Nirvana auch nicht weit, und Seattle liegt auf einmal in der Nähe von Oxford. Die Band will davon nicht allzu viel wissen. „Natürlich klingt der Anfang von „Just“ und der Refrain von „My Iron Lung“ nach Nirvana, und wir wollten beide Stücke auch erst von der Platte nehmen. Doch eigentlich spielen wir schon so lange zusammen, daß wir uns im Laufe der Jahre eher selbst kopieren.“

Unter Aufsicht von Produzentenguru John Leckie (Magazine) entstanden die neuen Songs manchmal zeitgleich zu Pablo Honey und knüpfen in der Tat inhaltlich wie musikalisch fast nahtlos an den Vorgänger an. Sie wirken nur noch eine Spur subtiler „als ein Resultat längerer Studioarbeit.“ Auch neue, potentielle „Creeps“ sind mit dabei. Bestimmt wird auch diesmal nach erster spontaner Begeisterung ein schaler Geschmack im Mund zurückbleiben. Nicht ohne Grund, denn Radiohead verbreiten Unbehagen. Unbehagen durch diese Kombination verzweifelt-nihilistischer Texte mit falsettartigem, pathetischem Gesang. Für beides zeichnet Thom Yorke verantwortlich.

Die englische Musikpresse macht natürlich auch vor Radiohead nicht halt und eine Schublade auf. „Sie nennen es ,Miserable Rock' und pressen auch uns in diese Kategorie. Zur Zeit gibt es drei Bands, die dazugehören. Eine davon sind die Manic Street Preachers. Geschmacklosigkeit kennt da keine Grenzen, wenn Bezüge zu den Manics und ihrem noch immer verschwundenen Gitarristen Richey James und auch zu Kurt Cobain, nicht immer nur musikalisch, aufgemacht werden.“ Thom hat man prophezeit, daß er sich umbringen wird. „Das ist nicht gerade das Netteste, was man jemandem sagen kann.“ Anstatt derart vorschnell fatale Mythen in die Welt zu setzen, wäre es da manchmal nicht eher angebracht, genau auf die Musik zu achten? Denn wer The Bends zu Ende hört, wird auch die Schlußzeilen nicht überhören. Sie heißen: „Immerse your soul in love“. Und auch das ist ein Stück Radiohead.

Nicole Plojetz

Mi, 29. 11., Markthalle, 21 Uhr

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