: Kriminalisierter Protest
Sie studierte Jura, wollte Richterin werden, ging bei Rot nicht über die Straße – wenig später saß sie auf der Anklagebank, weil sie sich auf einer Straße festgeklebt und Autos am Weiterfahren gehindert hat. Carla Hinrichs ist die bekannteste Aktivistin der Gruppe „Letzte Generation“, die mit spektakulären Aktionen von der Regierung wirksame Maßnahmen gegen die Klimakrise eingefordert hat. In ihrem Buch „Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät“ beschreibt sie die Zeit, in der sie die Positionen der Aktivist:innen in der Öffentlichkeit vertreten hat.
„Die Letzte Generation hätte als Protestbewegung erfolgreicher nicht sein können“, schreibt Hinrichs. Angesichts der Defensive, in die Klimapolitik mittlerweile geraten ist, eine erstaunliche Sicht. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den eigenen Protestformen liefert Hinrichs leider nicht. Dabei ist die Frage, ob Aktionen der Letzten Generation kontraproduktiv gewesen sind, weil sie Munition für die Hetze der Rechten geliefert haben, durchaus berechtigt.
Carla Hinrichs: „Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät“, Klett-Cotta, Berlin 2026, 272 Seiten, 18 Euro
Trotzdem ist das gut geschriebene Buch lesenswert. Carla Hinrichs zeichnet nach, mit welcher Wucht der Staat auf die Letzte Generation reagiert hat. Sogenannte präventive Verhaftungen, Hausdurchsuchungen mit gezogenen Waffen, Geld- und Gefängnisstrafen – unangemessen hart wird den Aktivist:innen begegnet, die sich als explizit gewaltfrei verstehen und sich auch so verhalten haben. Nach wie vor bedrohlich für Hinrichs und andere, die noch auf ihre Prozesse warten: die Einstufung der Letzten Generation als kriminelle Vereinigung. Sollte die tatsächlich kommen, wird das Folgen für die gesamte Zivilgesellschaft haben. Anja Krüger
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen