Krieg: Irans Ölindustrie im Fadenkreuz
Die Insel Kharg im Persischen Golf ist das Nadelöhr für iranische Exporte. Unklar ist, wann Trump sich der iranischen Ölproduktion bemächtigt.
Die US-Armee hat erstmals die iranische „Öl-Insel“ Kharg angegriffen. Das gilt als brisant, denn hier konzentriert sich fast die gesamte Export-Infrastruktur Persiens. Bisher wurden die Ölanlagen auf der etwa 25 Kilometer vor der iranischen Küste im Persischen Golf gelegenen Insel verschont.
„Sollte die Insel Kharg eingenommen werden, würden die iranischen Ölexporte zum Stillstand kommen“, sagte der Iran-Experte Hessam Habibi Doroh von der Wiener Landesverteidigungsakademie der taz. Das würde „dem Regime eine wichtige Finanzierungsquelle für die Kontrolle der Bevölkerung entziehen“, meinte der frühere Pentagon-Berater Michal Rubin. Es sei der „ultimative Schachzug gegen Iran“.
Diesen Zug hat Donald Trump indes noch nicht ausgeführt. Am Freitag ließ er lediglich die militärischen Einrichtungen auf der Insel, die kaum größer ist als das friesische Amrum, bombardieren. Aber für den Fall, dass Teheran die Straße von Hormus durch die Drohung mit Drohnenangriffen faktisch weiter blockiert, drohte Trump damit, die Insel besetzen zu lassen und das Herz der iranischen Ölindustrie unter amerikanische Kontrolle zu bringen.
Die Islamische Republik kontrolliert den Seeweg zwischen Iran und den Emiraten, der den Golf mit dem offenen Meer verbindet. Inmitten liegt die Meeresenge Straße von Hormus. Trump will die Durchfahrt der mehreren Hundert Tanker und Containerschiffe, die sich davor und danach aufstauen, mit Hilfe chinesischer, südkoreanischer und europäischer Kriegsschiffe freihalten.
Die faktische Durchfahrtsperre hat den Ölpreis in die Höhe schnellen lassen, da die meisten Ölexporte Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Iraks, die großen Flüssiggasmengen aus Katar aber eben auch iranische Energieträger durch dieses Nadelöhr müssen.
Schon Jimmy Carter hatte die Insel im Auge
Und er droht mit Einnahme der Ölinsel Kharg. Ein Plan, den schon US-Präsident Jimmy Carter schmieden ließ, als nach der Islamischen Revolution 1979 Anhänger des neuen Regimes die US-Botschaft in Teheran stürmten und das Personal 444 Tage gefangen hielt. Auch Nachfolger Ronald Reagan ließ damals die Finger davon.
Nach Kharg wird fast die gesamte für den Export bestimmte persische Ölförderung in Pipelines gepumpt. Denn an anderen Häfen an der relativ flachen Küste des Persischen Golfes können keine großen Tanker andocken. Nur auf der von Tiefwasser umgebenen Insel können die riesigen Öltanker der VLCC Klasse (Very Large Crude Carrier) mit Ladekapazitäten bis zu 2,2 Millionen Barrel (je 159 Liter) andocken.
Am Jahresbeginn hatte Iran täglich im Durchschnitt 1,54 Millionen Fass exportiert – die dreifache Menge gegenüber 2018, als Trump aus dem Iran-Atomabkommen ausgestiegen war und das Land mit heftigen Sanktionen überzogen hatte. Davor hatte das Land bereits wieder 3,9 Millionen Barrel täglich (mbpd) gefördert, nach Trumps Sanktionen fiel die Rohöl-Produktion um die Hälfte.
Zuletzt hatte Irans Staatsölkonzern Nioc eine Woche vor dem US-israelischen Angriff auf das Land noch seine Ausfuhren auf 3,78 mbpd erhöht, um Kasse zu machen. Das ergibt sich aus den Zahlen der Tankerbewegungen des Datendienstleisters Kpler. Die großen Tanklager auf Kharg wurden geleert, die dortige Raffinerie lief auf Hochtouren. Die Sperrung der Straße von Hormus trifft auch iranische Transporte, da Kharg deutlich vor der Ausfahrt in den Golf von Oman und den Indischen Ozean liegt.
Die US-Sanktionen haben dem iranischen Regime stark zugesetzt: Das Land „befindet sich in einer Phase schwerer makroökonomischer Belastungen“, sagte Hessam Habibi Doroh. „Besetzt man Kharg, trifft man die Iraner wirtschaftlich hart“, meinte auch der von Trump geschasste, einstige Nationale Sicherheitsberater Keith Kellogg.
So viel Öl exportiert Iran
Im iranischen Finanzjahr 2024 (bis März 2025) erreichten die Öl-Export-Einnahmen etwa 67 Milliarden Dollar – der höchste Wert seit einem Jahrzehnt. Und zumeist aus China, das allerdings meist in chinesischen Waren statt Geld bezahlt. Im Jahr zuvor haben sie laut der Tehran Times noch bei rund 56 Milliarden US-Dollar gelegen.
Allerdings gehen große Teile der Erlöse nicht in den Schatullen des Ölkonzerns Nioc oder in den iranischen Staatshaushalt. Große Mengen vor allem an Treibstoffen würden von Firmen der Revolutionsgarden zumeist über die VAE ins Ausland geschmuggelt, sagte ein Insider unter der Bedingung, nicht namentlich zitiert zu werden. Die Garden bekämen Geld, Nioc Gutschriften für Waren in Peking. Der iranische Staat sei „weitgehend pleite“. Deshalb kam es immer wieder zu Streiks von Lehrerinnen, Arbeitern, Ärztinnen und Lkw-Fahrer.
Die Öl- und Gasinfrastruktur ist wegen der aufgrund von Sanktionen drastisch reduzierten Investitionen stark veraltet. In der Folge sind Förderung, Raffinierung und Stromgeneration deutlich gesunken. Viele Unternehmen haben wegen der ständigen Stromausfälle ihre Produktion gedrosselt oder ganz eingestellt. Irans Bruttoinlandsprodukt ist deshalb im freien Fall.
Kharg gilt den Revolutionsgarden indes als „Kronjuwel“, das sie mit aller Macht verteidigen würden. Sie haben für den Fall des Angriffs auf die Ölanlagen dort bereits mit noch mehr gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur in den arabischen Nachbarstaaten gedroht. Bisher habe Trump eine Art „rote Linie“ um Kharg gezogen und die Insel bewusst verschont, sagte der frühere US-Regierungsbeamte und Senior Fellow am Hudson Institute in New York, Doran Eckel. Die Frage ist: Wie lange noch?
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