Kreuzberger Stadtarzt: Ein Sozialreformer durch und durch

Curt Bejach baute ab 1922 das Gesundheitswesen in Kreuzberg auf. Eine Biografie erinnert an den von den Nazis ermordeten Arzt.

Das Künstlerhaus Bethanien diente zu Zeiten Curt Bejachs noch als Krankenhaus. Bild: dpa

Ein Wagen hält vor der Bernhard-Beyer-Straße 12 in Steinstücken im Südwesten Berlins. "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt", der Gassenhauer ist eben erst verklungen. Das fesche Trio Willy, Kurt und Hans springt aus einem Auto, schlendert pfeifend unter die Pergola zum Wohnhaus. Nach einer dreimonatigen Reise kehren die drei zurück nach Hause. Und? Überraschung: An allen Möbelstücken klebt der "Kuckuck". Meine Herren, sie sind "pleitissimo", teilt der Anwalt mit. Schnitt: Die drei Freunde sitzen auf der Straße.

So beginnt der Film "Die Drei von der Tankstelle" (Ufa 1930) mit Heinz Rühmann. Teilweise gedreht im "Landhaus Dr. Bejach". Der Architekt Erich Mendelsohn hatte es 1926 entworfen, für den Arzt Curt Bejach, seine Frau und die drei Töchter. Im März 1936, sechs Jahre nachdem die drei Freunde bei den Dreharbeiten singend aus dem Landhaus geworfen wurden, zwangen die Nazis den Bauherrn zum Verkauf seines Hauses.

Ein Foto zeigt Curt Bejach in ebendiesem Jahr. Er steht mit zwei Töchtern vor dem Brandenburger Tor. Die Kinder, nicht älter als zehn Jahre, reichen ihm schon bis zur Schulter. Ein einsamer Knopf verschließt Bejachs Jackett, zwei stehen offen. Das könnte salopp wirken, wären seine Hände nicht zu leichten Fäusten geballt. 1936, da lag seine Entlassung aus dem öffentlichen Dienst schon drei Jahre zurück.

Von 1922 an hatte er das kommunale Gesundheitswesen in Kreuzberg entscheidend geprägt. Damals sollte Berlin eine "soziale" Stadt werden. Jeder Bezirk hatte einen Stadtarzt, auch Kommunalarzt genannt. Ihnen unterstanden alle Gesundheitseinrichtungen und somit Verwaltung und Steuerung der sozialhygienischen Maßnahmen. Viele Stadtärzte waren Juden oder so wie Bejach jüdischer Herkunft und Sozialisten.

Bei Bejachs Amtsantritt hatte Kreuzberg massive Probleme. Etwa die sogenannte weiße Seuche der Armen: die Tuberkulose. 1926 war sie laut Bejach mit 2.485 gemeldeten Fällen die häufigste Infektionskrankheit. Die hohe Rate führte der Stadtarzt auf die Wohnverhältnisse zurück. Besonders berüchtigt war die Gegend um den Görlitzer Bahnhof: Mietskasernen ohne ausreichende Belüftung und Belichtung.

Bejachs Ziel war, "alle Aufgaben, die der gesundheitlichen Wohlfahrt der Bevölkerung dienen, verwaltungstechnisch in einer Dienststelle - dem Gesundheitsamt - zu vereinigen." Er war durch und durch Sozialreformer. Zur Bekämpfung von Tuberkulose, Scharlach, Diphtherie, Typhus, Ruhr, Kindbettfieber und Geschlechtskrankheiten setzte er auf ein flächendeckendes Angebot medizinischer Versorgungsleistungen und die Aufklärung der Bevölkerung.

1925 gründete Bejach gemeinsam mit dem damaligen Kreuzberger Bürgermeister das "Gesundheitshaus Am Urban", ein für Deutschland "einzigartiges Unternehmen", das Vorsorge und Aufklärung großzügig zu einer Einheit verband, wie der Kreuzberger Schularzt Ernst Joël später schrieb. Das Gesundheitshaus war das erste kommunale Zentrum für präventive Medizin und Gesundheitserziehung in Berlin. Die Aufgaben waren klar definiert: rechtzeitige Hilfe, Verhütung der Krankheit, Erweckung des Willens zur Gesundung und zur Pflege der Gesundheit. Dazu gehörten Einrichtungen wie die Schulgesundheitspflege, ein zahnärztliches Ambulatorium, eine Ehe- und Sexualberatung oder auch eine Lehrstätte für hygienische Volksbelehrung. Die Vortragsthemen lauteten zum Beispiel: "Die gesunde Wohnung" und "Wie schütze ich mich vor Geschlechtskrankheiten?"

Bejach setzte durch, dass sich in Kreuzberg trotz knapper Finanzen kontinuierlich ein Netzwerk öffentlicher, gesundheitsfürsorglicher und medizinischer Einrichtungen entwickelte: Es gab das "Krankenhaus am Urban" und das Krankenhaus der Diakonissenanstalt "Bethanien" am Mariannenplatz. Es gab Gemeindeschwestern, Pflegestationen der Kirche, Ambulatorien der AOK, die städtische Schwangeren-, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge und die städtische Krippe. Der Erfolg: Die Zahl der Tuberkulosefälle halbierte sich bis 1932 auf 1.256.

Die Sozialhistorikerin Dietlinde Peters, die eine kurze Bejach-Biografie verfasst hat, glaubt, dass Bejach seine Vorstellungen ganz pragmatisch umgesetzt hat: Er wollte den Einzelnen gesund machen. "Das versuchte er als Arzt täglich zu verwirklichen, ganz weit weg von der Utopie."

Im August 1933 war damit Schluss. Der Berliner SA-Chef Wolf Heinrich Graf von Helldorf "entfernte" Bejach persönlich aus seinem Dienstzimmer. Der Mediziner galt nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seiner SPD-Mitgliedschaft als "nichtarisch" und "national unzuverlässig".

1938 schließlich entzog man Bejach wie allen jüdischen Ärzten in Deutschland zum 30. September die Approbation. Das war das Ende seiner beruflichen Existenz. Curt Bejach musste Zwangsarbeit als sogenannter Behandler - er durfte sich nicht mehr Arzt nennen - im Arbeitslager "Waldlager Britz" bei Eberswalde leisten. Am 10. Januar 1944 wurde er mit dem 99. Alterstransport vom Güterbahnhof Moabit nach Theresienstadt deportiert, im September kam Bejach nach Auschwitz, als sein Todesdatum wird der 31. Oktober angegeben. Ob Bejach wirklich noch vier Wochen in Auschwitz gelebt hat, wisse man aber nicht, sagt die Sozialhistorikerin Peters. "Danach möchte und würde ich seine Tochter Jutta, die heute 88 Jahre alt ist und in der Nähe von New York lebt, auch nicht fragen."

Bejachs Biografin ist froh, dass sie überhaupt einige wenige Angehörige der Familie befragen konnte. Ihre Biografie wäre ohne diese Unterstützung nicht entstanden. "Leider konnte ich bei meiner Recherche kaum auf Publikationen zurückgreifen, weil Bejach vor allem praktischer Arzt und weniger Wissenschaftler war", erzählt Peters. Auch private Aufzeichnungen sind rar: Nur einige Postkarten aus Theresienstadt blieben erhalten. Eine Karte an seine Tochter Jutta vom 5. Mai 1944 ist in der Biografie abgedruckt. Die letzten Zeilen lauten: "Lebt wohl und seid herzlichst gegrüsst von Eurem gesunden und dankbaren Vater".

Vor dem Landhaus Berlin-Steinstücken erinnert seit 2007 ein Stolperstein an den Arzt. "Hier wohnte Dr. Curt Bejach, JG. 1890, deportiert 10. 1. 1944 Theresienstadt, ermordet in Auschwitz 31. 10. 1944", steht auf einer Messingplatte im Trottoir. Im heutigen Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg soll demnächst eine Gedenktafel für den Sozialmediziner eingeweiht werden.

Dietlinde Peters: "Curt Bejach (1890-1944): Berliner Stadtarzt und Sozialmediziner". Broschur, 64 Seiten, 12 Abbildungen, 5,90 €

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