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Krankenhaus-Serie „St. Denis Medical“Kaputt gelachte Klinik

Die Mockumentary „St. Denis Medical“ seziert das unterfinanzierte US-Gesundheitssystem. Das Lachen bleibt dabei manchmal im Hals stecken.

Alex, engagierte Stations­schwester mit leichtem Kontrollzwang, und Serena Foto: NBC

Sitcoms sind selten geworden. Die Zeit von legendären Shows wie „The Office“ oder „Parks & Recreation“ schien schon vorbei zu sein. Die kurzen Folgen, die unzusammenhängenden Geschichten, die fehlenden Cliffhanger passen nicht so recht in die Logik des nicht-linearen Streamens. Umso erfreulicher ist daher die neue NBS-Krankenhaus-Serie „St. Denis Medical“.

Sie spielt in dem unterfinanzierten, fiktiven Krankenhaus St. Denis Medical im Norden des US-amerikanischen Bundesstaates Oregon. Im Mockumentary-Stil erzählt sie in 20-minütigen Folgen vom Alltag des chronisch überlasteten Klinikpersonals, das neben der Sorge für ihre Pa­ti­en­t:in­nen auch in ganz persönliche Angelegenheiten und Querelen verwickelt ist.

Da ist Alex, die engagierte Stations­schwester mit leichtem Kontrollzwang, dargestellt von Allison Tolman. Die Rolle der crazy CEO Joyce wird fantastisch gespielt von Wendi McLendon-Covey. Immer wieder wechselt ihr Charakter zwischen ambitionierter Geschäftsfrau und schockierend ehrlicher Kollegin, die jegliches Gefühl für Grenzen vermissen lässt.

Außerdem sind da Ron und Bruce. Beides Chirurgen mit nicht unerheblichem Geltungsdrang, leben sie ihre fragilen Komplexe doch ganz unterschiedlich aus. Oder Matt, der neue Pfleger aus Montana, der sich von seiner religiösen Familie losgesagt hat.

Die Serie

„St. Denis Medical“, u. a. bei Sky und AppleTV

Sarkastisch gehobene Augenbraue

Wie für eine „Workplace Comedy“ typisch, entsteht der Witz durch die Eigenheiten der einzelnen Charaktere, die sich im Verlauf der Serie weiterentwickeln. Die Jokes laden weniger zum lauten Loslachen ein, eher zu einer sarkastisch gehobenen Augenbraue. Freundlich, irritierend, meisterlich flach. „St. Denis Medical“ erinnert ein bisschen an „The Office“, nur im Krankenhaus und mit einem netteren, weniger zynischen Gesicht.

Die kurzen Interview-Segmente und das Durchbrechen der vierten Wand, der imaginäre Trennung zwischen Schauspiel und Zuschauenden,ist beides typisch für eine Mockumentary.

Rhythmus und Humor sind nach kürzester Zeit vertraut, als wäre die Serie nicht neu, sondern als existierten bereits mehrere Staffeln. Auch die Farbgebung – schal, hell, sepia – erinnert an die Sitcoms der 2000er Jahre.

Neben dem gut gewählten Cast liegt das wohl auch an ihren Machern, Justin Spitzer und Eric Ledgin. Die beiden stehen bereits hinter der erfolgreichen Sitcom „Superstore“, die seit 2015 das Leben von Angestellten eines großen Verbrauchermarktes persifliert und mittlerweile sechs Staffeln umfasst.

Davon ist „St. Denis Medical“ zwar noch weit entfernt – bisher gibt es nur die 18 Folgen der ersten Staffel. Doch wegen eines erfolgreichen Serienstarts in den USA mit durchschnittlich 3,9 Millionen Zu­schaue­r:in­nen hat NBS immerhin bereits eine zweite zugesagt.

Die Abgründe des US-amerikanischen Gesundheitssystems

Der Erfolg in den USA dürfte auch an der intelligenten Themensetzung liegen, bei der durch die Alltagsproblemchen immer wieder die Abgründe des US-amerikanischen Gesundheitssystems hervorscheinen. Profitorientierung im Gesundheitssystem, lange Wartzeiten, Folgen der Corona-Epidemie, Überlastung, Obdachlosigkeit, Opioidkrise.

So nimmt Alex gleich zu Beginn einem Patienten, der wegen seiner dritten Überdosis mal wieder ins St. Denis eingeliefert wurde, das Versprechen ab, von den Drogen die Finger zu lassen. Und testet sein Wort, als sie ihm eine Sekunde später anbietet, Pillen an ihn verticken zu können. Der Patient springt sofort darauf an.

Diese Kombination von Krankenhaus und Comedy ist das Interessanteste und auch Schwierigste an „St. Denis Medical“. Die überwältigenden Strukturprobleme des Spätkapitalismus, auf denen die Klinikangestellten surfen, erfordern Galgenhumor – von Charakteren und Zuschauenden. Nicht immer funktioniert der Wechsel zwischen herzerwärmenden Szenen und überall lauerndem Chaos. Doch genau diese Atonalitäten machen die Serie auch besonders zeitgenössisch.

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1 Kommentar

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  • Wir haben mit Sachsenklinik etc. Harmonie-Horror statt Humor.