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Kontext-Schulprojekt„Man kann etwasbewegen“

Menschen hungern weltweit. Rund 733 Millionen Kinder, Frauen, Männer haben nicht ausreichend zu essen. Tabarak, Kemal, Dimitrios, Burak und Duraid beschäftigt das Thema. Von Rainer Lang, Journalist und Entwicklungshelfer, wollten sie wissen, wie es ist, inmitten von Katastrophen Menschen zu helfen.

Ein Flüchtlingslager in Kenia. Foto: Diakonie Katastrophenhilfe/ Christoph Püschner

Von Tabarak, Kemal, Dimitrios, Burak und Duraid (Interview)

Herr Lang, was war Ihr erster Einsatz?

Mein erster Katastrophen-Einsatz war in Indien. Genau vor 24 Jahren, das war recht abenteuerlich. In Indien war ein großes Erdbeben. Ich wurde hingeschickt, um die Leute vor Ort, eine indische Organisation mit indischen Ärzten, zu begleiten. Jemand musste die Brücke sein, damit die Informationen von Indien in die Zentrale nach Genf gelangen.

Wie viele Menschen haben Sie dort gerettet? Also nach dem Erdbeben?

Das kann man in dem Moment vor Ort gar nicht sagen. Dort sind bei dem Erdbeben 80.000 Menschen gestorben. Man kommt da an und hat eine Situation vor sich, die total chaotisch ist. Erdbeben zerstören auch Krankenhäuser. Menschen liegen einfach irgendwo und Ärzte behandeln sie im Freien. Das Wichtigste ist, dass die Menschen mit dem Nötigsten versorgt werden, also mit Nahrungsmitteln. Dafür waren wir da und deshalb kann man auch nicht sagen, wie viele wir gerettet haben. Wir haben versucht, möglichst viele Nahrungsmittel und möglichst viel Wasser zu den Leuten zu bringen.

Das ist eine Sache, die geordnet laufen muss. Am Anfang von jeder Katastrophe ist alles durcheinander. Und in den ersten Tagen läuft es so, dass vor Ort auch Leute helfen wollen. Die sammeln dann privat Nahrungsmittel und verteilen die Sachen aus dem Auto. Das sind immer chaotische Zustände, weil die Leute so verzweifelt sind und sich schlagen um die Nahrungsmittel. Die einen wollen als erste da sein, Frauen wollen Essen für ihre Kinder haben. Das sind ziemlich deprimierende Bilder. Und deshalb ist es wichtig, dass Hilfsorganisationen da sind, die diese Verteilung in geordnete Bahnen lenken. Es wird eine Liste gemacht von Leuten, die Nahrungsmittel brauchen, die können sich dann anstellen und werden versorgt. So laufen die Projekte ab.

Wie haben Sie selber überlebt? Ist es ein schlechtes Gefühl, selber zu essen und die anderen haben nichts?

Ja. Das war ein schlimmes Erlebnis. Ich war auch in Somalia, in Mogadischu, dort herrschte Dürre und es war Bürgerkrieg. Familien haben sich über viele Kilometer durch das Dürregebiet zum einzigen Kinderkrankenhaus geschleppt. Und wir haben Medikamente von Kenia zu dem Kinderkrankenhaus gebracht. Es waren dann auch genug Nahrungsmittel vor Ort. Aber wenn zum Beispiel Kinder zu lange kein Wasser und keine Nahrung bekommen, bekommen sie Durchfall. Und dann sind da all die verzweifelten Eltern mit ihren Kindern und die Ärztin sagt einem, also das Kind wird sterben oder dieses Kind überlebt nicht. Diese Kinder sind dem Tode geweiht und die Eltern schauen einen an und denken, jetzt ist der Retter angekommen und bringt ein Wundermittel. Und selber ist man gesund und hat auch genug zu essen und zu trinken. Das ist sehr schlimm, das hat mich jedes Mal sehr mitgenommen. Aber man hat natürlich andererseits das gute Gefühl gehabt, dass man zumindest Medikamente gebracht hat, die für diejenigen die Rettung waren, die noch in einigermaßen gutem Zustand waren.

Wir haben noch eine Frage: Wie gehen Sie mit der Belastung um?

Man muss eine Art von Distanz aufbauen. Man muss sich sagen, ich bin jetzt da, um zu helfen und das ist wichtig. Ich habe beim Tsunami 2004 in Sri Lanka schreckliche Bilder gesehen von Menschen, die da umgekommen sind. Ich habe in Indien mit einer Frau und ihrer Tochter gesprochen, die vor dem Haus standen, in dem ihr Mann und Vater beim Erdbeben verschüttet worden sind. Da haben unter den Trümmern noch die Haarspitzen von dem Verschütteten rausgeguckt. Solche Sachen darf man nicht zu nah an sich herankommen lassen.

Es ist wichtig, mit den Menschen, die vor Ort betroffen sind, zu reden. Allein das Reden hilft. Manchmal denkt man, man darf die gar nicht ansprechen, weil alles so schlimm ist. Da muss man sich selber ein bisschen einen Ruck geben. Die Menschen wollen aber über ihre Sorgen, über ihr Leid reden. Da braucht man als Helfer berufliche Distanz. Manche Helfer brauchen nach dem Einsatz eine Beratung, weil sie mit den schrecklichen Bildern nicht umgehen können.

Wir wollen jetzt noch etwas Positives fragen: Was war ein besonderes Erlebnis für Sie?

Zum Beispiel bin ich öfters in Afrika unterwegs gewesen und es ist so toll, wenn man in ein Dorf kommt und von den Dorfbewohnern ganz freudig empfangen wird. Einmal haben sie extra einen Tanz aufgeführt. Nicht weil wir von oben herab irgendwelche Geschenke verteilt haben, sondern weil wir einfach da waren und unterstützen haben, damit sie ihre Landwirtschaft weiter betreiben und wieder Nahrungsmittel anbauen konnten. Das sind sehr positive Erlebnisse und da bleiben auch Verbindungen bestehen. Zum Beispiel habe ich Kontakt zu einem Pfarrer im Südsudan, der versucht, zwischen den verfeindeten Gruppen dort Frieden zu stiften. Das sind sehr positive Momente, wenn einem auffällt, das man doch etwas tun und bewegen kann.

Wie hat sich die Lage entwickelt? Ist es besser oder schlimmer geworden mit dem Hunger auf der Welt?

Insgesamt muss man sagen, dass es nicht besser geworden ist. Millionen von Menschen weltweit leiden an Hunger. Es ist seit Jahren etwa gleich geblieben. Momentan stehen wir vor der weltweiten Sorge, dass sich Kriege, Bürgerkriege und Konflikte wieder verstärken, auch in Afrika. Da geht es sehr stark auch um den Kampf um Rohstoffe. Dann ist da der Klimawandel, es gibt mehr Dürregebiete, in Afrika breiten sich die Wüsten aus. Und deshalb werden die Fortschritte in der Bekämpfung des Hungers in gewisser Weise aufgefressen. Aber man kann sagen, wenn es keine Unterstützung gäbe, wäre die Situation um vieles schlimmer. Wenn man mal drüber nachdenkt, was man über die Jahre geleistet hat, was an Nahrungsmitteln verteilt worden ist, was an landwirtschaftlichen Projekten gefördert worden ist, dann kann man das schon so sagen. Es werden von Hilfsorganisationen auch Projekte gefördert, die zum Beispiel in der Landwirtschaft auf Pflanzen umstellen, die resistent gegen Trockenheit sind. Wenn man solche Projekte immer wieder besucht, sieht man, dass die durchaus erfolgreich sind und dass Menschen wieder Nahrung haben.

Was können reiche Länder tun? Also gegen den Hunger?

Rainer Lang hat 2025 wieder einen Einsatz. In Uganda mit der Wieder­aufforstungs-Organisation Fairventures aus Stuttgart. Foto: Jens Volle

Die Unterstützung und Hilfe ist ja, wie ihr selber gemerkt habt, nicht so, dass sie zu einer grundlegenden Wende führt. Da müsste schon mehr passieren. Ich nehme mal das Beispiel Indien. Dort gab es vor Jahrzehnten viele Projekte. Die Menschen haben dort sehr oft gehungert. Aber als dort Arbeitsplätze entstanden sind und Menschen in Fabriken etwas produziert haben, weil große Unternehmen dort hingegangen sind und Firmen aufgebaut haben, hat sich dort auch die wirtschaftliche Situation verändert. Aber das bedeutet auch, dass es hier in Deutschland weniger Arbeitsplätze gibt. Es müsste sich schon noch mehr Grundsätzliches verändern. Wir hier müssten ein Stück weit zurückstecken, damit anderswo mehr Wohlstand aufgebaut werden kann.

Okay, jetzt letzte Frage: Wie haben Sie sich finanziert?

Einerseits durch Spenden, andererseits gibt die Bundesregierung im Falle einer Katastrophe Geld an die Organisationen, das in Hilfsprojekten einsetzt wird. Früher hat die Bundesregierung die Hilfen an die Staaten selbst gegeben. Aber diese Hilfsgelder sind oft in dunklen Kanälen versickert. Jetzt haben Organisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe oder Caritas International Partnerorganisationen in diesen Ländern, die unabhängig von der Regierung Projekte umsetzen. Es muss natürlich immer einen Austausch mit den Behörden geben, aber wichtig ist, dass die Gelder über die Zivilgesellschaft laufen und nicht über offizielle staatliche Behörden.

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