■ Kommentar: Drohung vs. Argument
Die „Berliner Filiale der Autonomia AG“ hat wieder einen Coup gelandet. Er sollte eingehen in den Fortsetzungsband des kürzlich vorgelegten „Geschäftsberichts 1992“: Die Humboldt-Uni sagte gestern eine Veranstaltung mit dem Vordenker der französischen Neuen Rechten, Alain de Benoist, ab. Den Verantwortlichen waren Pläne der autonomen Szene bekanntgeworden, wonach die für heute angesetzte Diskussion gesprengt werden sollte.
Daß die Hochschule in einer Diskussion über Meinungsfreiheit auf einem akademischen Podium einknickt, bevor auch nur eine öffentliche Diskussion entbrennt, ist traurig genug. Aber die Absage ist nicht der erste Rückzug vor Drohungen: im Herbst verzichtete das Berliner Ensemble auf die Vorführung des Films „Stau“ über den Alltag von Skinheads, im Januar widerrief das Programmkino „Babylon“ die Einladung eines Filmemachers an den CDU- Rechtsaußen Lummer, der an einer Debatte über die Hoffnungen des Herbstes 1989 teilnehmen sollte. „Einige Kommunisten“ hatten auf einem anonymen Flugblatt die Ausladung Lummers gefordert, dann brannten die Büros des Kinos.
Der Drang, den Auftritt Benoists auf einem hochkarätig besetzten Podium zu verhindern, zeugt nicht eben von Vertrauen in die Kraft des Arguments oder in die Urteilsfähigkeit einer ausgewählten Zuhörerschaft. So wenig wie der Protest gegen einen Film, den gerade entschiedene Gegner der Rechten für sehenswert halten. Doch leider können die anonymen Podiumswächter auch mit Zustimmung aus dem linken Lager rechnen. Dabei gehört der Anspruch auf eine Vernunft, die sich nur im Dialog entfaltet, zum Selbstverständnis der demokratischen Linken. Mythen oder Besitzstände, die sich durch kein Argument rechtfertigen lassen, werden meist auf Kosten von Menschen verteidigt, die nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Die „Autonomia AG“ befindet sich in dieser Hinsicht in denkbar schlechter Gesellschaft. Hans Monath
Siehe Bericht auf Seite 36
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