■ Kommentar: Keine Schadenfreude
Den Parteien geht's ans Leder: Statt fünf Mark pro Wählerstimme jetzt nur noch einszehn, und die Spenden werden mächtig beschnitten. Die Weizsäcker-Kommission kann sich des Beifalls der Straße und aus Talkshows sicher sein. Den Parteien geht's ans Leder — was wäre zur Zeit populärer?
Der Staat als Beute der Parteien, Filz allerorten, die Abhängigkeit von den Großspendern aus der Industrie — die Liste ließe sich beliebig verlängern. Das Unbehagen an der Politik ist mit Händen zu greifen. Und doch: Die Demokratie ist so gut wie die Bürger, die sie tragen. Wer jetzt in helle Schadenfreude ausbricht, weil es den Politbonzen da oben an den Kragen geht, der muß sich fragen lassen, welche Demokratie stattdessen er denn möchte, und welche auch selbst mittragen möchte.
Es sind immer weniger Bürger bereit, Zeit und Energie in die Politik zu investieren, andererseits wachsen die Ansprüche an die Professionalität. Das geht nicht zusammen, und es geht noch weniger, wenn man den Parteien die finanziellen Möglichkeiten nimmt, Professionalität einzukaufen. Diese Gesellschaft ist dabei, mit billiger Politikerschelte ihre politische Kaste zu entvölkern, ohne eine Alternative zu bieten. Die Vorschläge der Weizsäcker-Kommission muten eher an wie überzogener Populismus. Jochen Grabler
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