Kommentar: Eile braucht Weile
■ Deutsche Unternehmen müssen Asien-Krise vor Ort durchstehen
Deutsche Unternehmen, die ihr Asien- Engagement im Zeichen der regionalen Wirtschafts- und Finanzkrise neu überdenken, haben es derzeit nicht leichter als die Menschenrechtsbeobachter von amnesty international: Sie wissen nicht, in welchem Land die Lage am schlimmsten ist. So sitzen im demokratischen Süd-Korea im Vergleich zur Zahl der Bevölkerung nicht viel weniger politische Gefangene in Haft als im kommunistischen China. Wer von den deutschen Investoren die Qual der Wahl hat, wo er sein Geld in Asien am besten anlegt, findet auch bei amnesty keinen Rat.
Da fällt es leicht, die vor der Asien-Krise stark gewachsenen Investitionen deutscher Unternehmen in der Region generell in Frage zu stellen. Zumal Wahlkampf in Deutschland ist. Und war es nicht Helmut Kohl, der gestern stillschweigend seine für Juni geplante China-Reise absagte, zuvor aber die deutschen Banker und Maschinenbauer wie ein Rattenfänger nach Peking und Jakarta führte? Dennoch wäre es grundfalsch, dem Kanzler jetzt die Schuld für die Schwierigkeiten der deutschen Unternehmen in Asien zu geben. Das ist nämlich die Lehre der Krise in Asien: Nur wer bereits über lokale Marktexpertisen verfügt, kann die Situation im jeweiligen Land meistern.
Umstritten bleibt jedoch, inwieweit Durchhalteparolen für jene Unternehmen angebracht sind, die derzeit durch die gesunkene Verbrauchernachfrage in Asien unmittelbar in die Verlustzone geraten sind. Ein Konzern wie Siemens müßte vermutlich den Großteil seiner Joint-ventures in der Region auflösen, wenn er sich zur Bedingung stellte, daß diese noch in diesem oder dem nächsten Jahr Gewinne abwerfen müßten.
Doch Eile braucht Weile. Tatsächlich liegt ein Vorteil deutscher Unternehmer darin, daß ihre Aktieninhaber mehr Spielraum für langfristige Investitionen lassen. Das bedeutet, daß die deutschen Unternehmen auch in Asien sozial zuverlässigere Partner sind als andere. Vielleicht zahlt sich das eines Tages aus.
Chinesische Regierungsbeamte sagen heute, daß sich ihre „sozialistische Marktwirtschaft“ von der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland im Grundanliegen nicht mehr unterscheide. Doch auch, um Modell zu sein, müssen die Deutschen die Asien-Krise zunächst vor Ort durchstehen. Georg Blume
Tagesthema Seite 3
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