Kommentar Wiederwahl des Fifa-Chefs

Ein Freudenfest der Realsatire

Die naive Begeisterung mancher Fans überlagert jede Erinnerung an das mafiöse Fifa-Kartell. Infantino kann mit dem Fußball machen, was er will.

Gianni Infantino gestikuliert, darunter ist das Logo der FIFA zu sehen

Die Fußballverbände liegen Gianni Infantino zu Füßen Foto: dpa

Es war schon sehr lustig in Paris. Vorne am Rande einer viel zu groß geratenen Bühne in einer riesigen Halle an der Porte de Versailles stand ein glatzköpfiges Männlein und lieferte eine Pointe nach der anderen. „Bei der Fifa geht es nicht um Geld“ war einer dieser Brüller. Oder: „Wir waren eine fast kriminelle Organisation.“ Waren! Fast!

Es war ein Freudenfest der Realsatire, das da beim 69. Kongress des Internationalen Fußballverbands gefeiert wurde. Das glatzköpfige Männchen war der Star des Tages. Gianni Infantino, Schweizer, hat die Fifa in den vergangenen drei Jahren nach dem Sturz seines Vorgängers Sepp Blatter geführt. Und darf sie nun vier Jahre weiterführen. Per Akklamation ist er gewählt worden. Was haben wir gelacht!

Die Fußballverbände liegen Gianni Infantino zu Füßen. Es wird heute nicht mehr geschmiert und klammheimlich kassiert. Immer höhere Summer werden ganz hochoffiziell ausgezahlt. Von den irrwitzigen Fifa-Einnahmen durch Sponsoren und TV-Rechte werden in den kommenden drei Jahren 1,55 Milliarden US-Dollar an die Verbände ausgeschüttet.

Und wenn es Verbandschef Infantino gelingt, noch mehr Wettbewerbe der Fifa meistbietend an irgendwelche Diktatoren oder Menschenschinderregime zu verscherbeln, wenn es der Fifa unter ihm weiter gelingt – wie in Katar -, Verstöße gegen Standards und tote Arbeiter zu ignorieren, wird bald noch mehr ausgeschüttet. Bei der Männer-WM in Russland konnte Infantino beobachten, dass die naive Fußballbegeisterung vieler Fans jede Erinnerung an das mafiöse Fifa-Kartell, das kurz zuvor ausgehoben worden war, überlagert.

Kein Witz!

Er hat gesehen, dass er mit dem Fußball machen kann, was er will. Die Verbände werden mitspielen, solange es sich für sie auszahlt. Die meisten Fans auch. Und ein paar Transparente in Bundesligastadien, in denen gegen den modernen Fußball nach Fifa-Bauart protestiert wird, repräsentieren noch lange keine Bewegung.

So gesehen ist Gianni Infantino tatsächlich genau der richtige Mann an der Spitze des Weltfußballs. Kein Witz!

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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