Kommentar "Tatort"-Verschiebung: Pietät und Populismus

Wegen des Brands in Ludwigshafen wird eine "Tatort"-Folge verschoben. Das ist nicht so absurd, wie es demnächst scheint.

Es ist schon häufiger vorgekommen, dass ein Fernsehfilm aus aktuellem Anlass verschoben wurden. Nach dem Schock vom 11. September 2001 erschien es vielen unangebracht, im deutschen Fernsehen Spielfilme zu zeigen, in denen ein Terroranschlag eine US-Großstadt verwüstet - und von solchen Filmen gibt es sehr viele. Nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien vor vier Jahren waren Filme verpönt, die von Überschwemmungen und Flutwellen handelten; einige Radiosender strichen damals sogar den Song "Die perfekte Welle" der Band Juli aus dem Programm.

Die Entscheidung, aufgrund des tragischen Brands in Ludwigshafen einen für kommenden Sonntag geplanten "Tatort"-Krimi zu verschieben, ist daher nicht so absurd, wie es zunächst scheint. Schließlich soll der Krimi unter türkischen Migranten in Ludwigshafen spielen. Dort aber sind am Wochenende neun Menschen ums Leben gekommen, Dutzende liegen noch im Krankenhaus. Seit auch noch die Vermutung kursiert, es könnte ein rassistisch motivierter Anschlag gewesen sein, ist das Klima in der Stadt mehr als angespannt.

Es dürfte allerdings nicht nur Pietät gewesen sein, die SPD-Chef Kurt Beck bewogen hat, sich als Erster öffentlich für eine Verschiebung des "Tatorts" stark zu machen. Schließlich war Beck gerade von türkischer Seite scharf kritisiert worden, weil er die Möglichkeit eines fremdenfeindlichen Anschlags zunächst in Abrede gestellt hatte. Gut möglich, dass es ihm nun darum ging, mit einer populistischen Forderung wieder Boden gutzumachen. Nur ist es nicht sein Aufgabe, sich über das Programm öffentlich-rechtlicher Sender Gedanken zu machen: Das obliegt deren Intendanten.

Politiker müssen mit Besonnenheit auf die Spekulationen reagieren, in Ludwigshafen könnte ein Rechtsradikaler einen Anschlag verübt haben. Es ist gut, dass Beck und Erdogan in Ludwigshafen versuchten, die Wogen zu glätten. Die ARD dagegen muss sich fragen, warum Migranten in ihren "Tatort"-Krimis eigentlich nur im Zusammenhang mit Klischeethemen wie Zwangsehen auftauchen. Wie wäre es mal mit einem Börsenspekulanten türkischer Herkunft? Dann gäbe es sicher weniger solcher Debatten.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz: im Kulturteil, im Ressort "Meinung und Debatte" und im Inlandsressort. Heute leitet er die Stabsstelle Kommunikation und Wissenstransfer am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Er lebt in Berlin.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben