Kommentar Polizeieinsatz in Stuttgart : Wasserwerfer gegen Konservative
Der Protest gegen Stuttgart 21 speist sich auch aus dem konservativen Milieu. Das sieht sich durch die Landes- und Bundesregierung nicht mehr vertreten.
D as waren bizarre Bilder und Töne, die am Donnerstag live über eine mobile Webcam aus dem Stuttgarter Schlosspark auf tausenden von Computermonitoren der Republik herumruckelten. Zunächst das aus Gorleben und anderen Orten mit Protestgeschichte gewohnte Bild: Hier die Demonstranten, die sich einem Polizeifahrzeug in den Weg setzten, dort die in absurd martialischer Rüstung auftretenden Polizisten, die den Weg für ihre Kollegen freiräumen wollten und dabei am Ende auch auf Wasserwerfer nicht verzichteten.
Doch was aus dem Kopfhörer kam, irritierte. Eine offenbar nennenswerte Zahl von Demonstranten skandierte nicht nur den Klassiker "Wir sind das Volk", sondern begann, die Nationalhymne zu singen.
Ein weiterer Beleg also dafür, dass sich der Protest auch aus dem konservativen Milieu speist. Denn schließlich gilt es auch etwas zu bewahren: knapp 300 zum Teil sehr alte Bäume und einen Stadtpark, der zur Großbaustelle zu werden droht.
Die sonst braven Bürger, die im Angesicht der Wasserwerfer die Nationalhymne intonieren, sehen sich selbst als legitime Vertreter des Staates und sprechen nunmehr diese Rolle gleichzeitig denjenigen ab, die die Polizisten in den Park geschickt haben. Das konservative Milieu sieht sich durch die Landes- und Bundesregierung nicht mehr vertreten.
Die Reaktion von Ministerpräsident Mappus, der durch Polizei und Kettensägen Fakten schaffen will, wird diesen Rollentausch zementieren. Und die Parkschützer, die nun mit Gewalt aus ihrem konservativen Paradies vertrieben wurden, werden ihm bei der Landtagswahl im kommenden Frühjahr die entsprechende Antwort geben. Dieses harsche Vorgehen gegen seine eigene Klientel dürfte Mappus das Amt kosten.
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