Kommentar Linkspartei: Ein Opfer ohne Sinn

Die hessische Linkspartei steckt in der Krise. Bei der Landtagswahl droht ein schlechtes Ergebnis und damit auch der Bundespartei ein mieser Start ins Superwahljahr 2009.

Wer sich derzeit die hessische Linkspartei anschaut, kann zwei der üblichen Vorurteile revidieren. Erstens scheint die Wirtschaftskrise der Linkspartei keineswegs zu nutzen. Denn der fulminante Aufstieg von Lafontaine & Co verlief nicht zufällig parallel zum ökonomischen Aufschwung: Viele hatten das Gefühl, nichts vom Kuchen abzubekommen - und dies war der Treibstoff für die Wahlerfolge der Linkspartei. In der Krise neigen viele nun offenbar dazu, auf Sicherheit und Bekanntes zu setzen. Zweitens profitiert die Linkspartei in Hessen keineswegs von der Schwäche der SPD. Die Rechnung, dass die Linkspartei gewinnt, was die SPD verliert, stimmt momentan schlicht nicht.

In dieser Situation mag es für die Linkspartei naheliegend sein, auf rhetorische Radikalisierung zu setzen, schon um wieder unterscheidbar zu sein. Das ist verführerisch - aber es ist falsch. Denn wer sich die Linkspartei-Klientel in Hessen anschaut, sieht, dass sie eine linke Reformpolitik will und keine radikalen Sprüche. Die treuesten Befürworter hatte die gescheiterte rot-grüne Minderheitsregierung jedenfalls bei den Wählern der Linkspartei.

Genau dies scheint ein Kern der derzeitigen Krise bei der hessischen Linken zu sein. Sie hat in ein paar Monaten einen Crashkurs in Realpolitik absolviert. Sie hat die Tolerierung für Rot-Grün durchgewinkt, Kompromissbereitschaft und Sinn für das Mögliche entwickelt. Für manche Genossen ging das zu schnell - einen plausiblen Gegenentwurf zur Tolerierung hatten sie aber auch nicht. Doch nun haben einige das Gefühl, ein Opfer ohne Sinn gebracht zu haben. Die Linkspartei hat sich angepasst, ohne die Prämie einstreichen zu können. Bedrohlich für die hessische Linkspartei ist dabei nicht, dass ihr ein paar Genossen den Rücken kehren. Gefährlich ist, dass sie in den Sog des Desasters der Ypsilanti-SPD gerät.

Bis jetzt verfügte die Linkspartei im Westen über eine eindeutige Erzählung: Es geht voran. Wenn sie in Hessen verliert, ist diese Erzählung Geschichte - und einen mieseren Start ins Wahljahr 2009 kann sie gar nicht erwischen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben