Kommentar Linke ohne Lafontaine: Ein herber Verlust

Es wird der Linken schwer fallen, Lafontaines Ausstieg zu kompensieren. Egal, wie die neuen Chefs heißen, sie können sich darauf einstellen, für zu leicht befunden zu werden.

Oskar Lafontaine meint seinen Rücktritt ernst. Er wird zwar in Zukunft auch von Saarbrücken aus dazwischenfunken, wenn ihm in der Linkspartei etwas nicht passt. Aber er wird nicht zum Joschka Fischer der Linkspartei werden - dem konnte es bekanntlich egal sein, wer unter ihm Grünen-Chef war. Doch um in der Linkspartei die Rolle des heimlichen Vorsitzenden zu spielen, muss man vor Ort sein. Saarbrücken ist weit weg von Berlin.

Für die Linkspartei ist dieser Rückzug natürlich ein herber Verlust, die Wahlergebnisse werden im Westen schmaler ausfallen. Es gibt niemand, der Lafontaine das Wasser reichen kann. Egal, ob die neuen Chefs künftig Klaus Ernst, Petra Pau oder Gesine Lötzsch heißen - sie können sich schon mal darauf einstellen, für zu leicht befunden zu werden.

Ohne Lafontaine besteht die Gefahr, dass die Linkspartei im Westen wackelt. Dort ist sie stellenweise noch fragil und anfällig für sektiererische Scharmützel. Zwischen Kiel und München stehen ihr, wie jeder jungen Organisation, ohnehin noch Häutungen bevor. Diese werden, ohne Lafontaines autoritäre Vernunft, wohl heftiger und wirrer ausfallen.

Klar ist aber auch: Die SPD freut sich mal wieder zu früh. Lafontaines Rückzug wird das Klima zwischen den Parteien vielleicht ein bisschen aufhellen - mehr nicht. Dass nur Lafontaine der Annäherung zwischen Linkspartei und SPD im Weg stand, war schon immer eine Legende - es überschätzt das Persönliche in der Politik und unterschätzt, wie stabil die Linkspartei ist.

Hannelore Kraft, SPD-Chefin in NRW, hofft jetzt auf die Rückkehr von Exsozialdemokraten in den Schoß der SPD. Das zeigt, dass die SPD noch immer der Fantasie anhängt, die Linkspartei spalten zu können. Dazu wird es nicht kommen. Es wird auch keine Vereinigung zu ihren Konditionen geben. Das Schisma ist seit der Agenda 2010 kaum überbrückbar. Lafontaine hat diese Spaltung nicht erfunden.

Dass SPD-Chef Gabriel mal eben im Vorbeigehen die Linkspartei in NRW pauschal zu regierungsuntauglichen Chaoten abstempelt, zeigt, wie hartnäckig die Unfähigkeit der SPD ist, aus Fehlern zu lernen. Es müsste - mit oder ohne Lafontaine - darum gehen, eine rationale Arbeitsteilung zwischen SPD und Linkspartei zu entwickeln. Die wird es erst geben, wenn sich die SPD von der Illusion löst, dass die Linkspartei ein Intermezzo und historisches Irrlicht ist.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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