Kommentar Landmänner: Im Schleudergang

Wie ich mich von meinem Partner trenne, weiß ich. Aber wohin wende ich mich, wenn die Waschmaschine kaputt ist?

Die Beziehung zwischen Mann und Frau - wie ebenso diejenige zwischen Mann und Mann und Frau und Frau - hält in Deutschland nicht so lange wie die Beziehung zwischen Mensch und Waschmaschine. Das ist zwar nur eine Behauptung, die durch keine Zahlen weder vom einem Bundesamt noch vom Verband der Elektrogerätehersteller belegt wird. Aber dass sie dennoch wahr ist, lässt sich daran erkennen, dass die durchschnittliche Ehedauer vor einer Scheidung in Deutschland 13,8 Jahre währt. Eine gute Waschmaschine hält deutlich länger.

Ich selbst war zum Beispiel noch nie so lange mit jemandem zusammen wie mit meiner Waschmaschine. Wobei, um genau zu sein, ich habe zwei Waschmaschinen. Eine in der Stadt, in der ich lebe, und eine auf dem Land, wohin ich fahre, um mich von der Stadt, in der ich lebe, zu erholen. Die in der Stadt habe ich zum letzten Mal Mitte der 90er Jahre gegen eine neue ersetzt. Es war in jener Zeit, als sie mit dem getrennten Einsammeln von Müll den Wahnsinn zur Methode machten und das Wort "Wertstoff" erfanden. Der Sperrmüll wurde nicht mehr abgeholt und eine kaputte Waschmaschine bedeutete den Super-GAU für jede Wohngemeinschaft. Nicht wegen der schmutzigen Wäsche, sondern wegen der Entsorgung.

Wir zerlegten damals die Waschmaschine in Einzelteile und gaben ein Stück von ihr jede Woche in den Restmüll. Nach zwei Monaten waren wir sie los. Das ist bald zwanzig Jahre her - und erschien doch wie ein böser Traum vor einigen Tagen wieder vor meinem inneren Auge, als jetzt (nach 17 Jahren) auch die Waschmaschine auf dem Land ihren Geist aufgab. Landwaschmaschinen sind viel schlimmer als Stadtwaschmaschinen, vor allem, wenn sie auch noch in einem abgelegenen italienischen Landhaus stehen, weil das Wort "Wertstoff" (materiale di valore) in Berlusconi-Land nicht sehr gebräuchlich, um nicht zu sagen: weniger bekannt ist als Wörter wie etwa Bunga-Bunga, was ungefähr mit "Mensch im Schleudergang" zu übersetzen ist.

Immerhin kannte man auf dem Rathaus meines Dorfes eine Telefonnummer im Nachbardorf, hinter der sich ein kostenloser Abholservice für kaputte Waschmaschinen verbarg, sofern das Gerät an die nächstgelegene Teerstraße gebracht würde. Was in meinem Fall zwei Kilometer bedeutete. Mit vereinten Kräften schleppten wir das Ding am Vortag des Abholtermins bis zur Landstraße.

Just in diesem Moment kam mein Nachbar, der alte Antonio, vorbei, schaute uns eine Weile zu und fragte mich dann, ob ich jetzt den Verstand verloren hätte. Wegen einer alten Waschmaschine den Abholservice anrufen, "tsa-tsa-tsa", er langte sich an den Kopf. Ja, er wurde richtig wütend über meine Dummheit und darüber, dass ich nicht ihn gefragt hätte, was man in Italien auf dem Land mit einer alten Waschmaschine macht. Dann beschrieb er mir die Stelle, nicht weit entfernt, an einem Feldweg vor einer tiefen Schlucht, wo er alles hinunterwirft, was er nicht mehr braucht.

Antonio wählt Berlusconi, und mich hält er jetzt für einen Idioten.

Philipp Mausshardt vertritt in dieser Woche Martin Reichert.

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Journalist, Mitbegründer der Zeitenspiegel-Reportageschule, hält Brandenburg für die neue Toskana.

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